Langenbroich - Heinrich-Böll-Haus: Eine kleine Spurensuche

Heinrich-Böll-Haus: Eine kleine Spurensuche

Von: Ingo Latotzki
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Das aus dem 17. Jahrhundert stammende Bruchsteinhaus, in dem Böll heute vor 30 Jahren gestorben ist. Foto: Ingo Latotzki
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Alexander Solschenizyn und Heinrich Böll (rechts) 1974 in Langenbroich. Foto: stock/Sven Simon
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Alfred Napp an der Glocke, die sein Bruder zur Einweihung des Böll-Hauses aufgehängt hat. Foto: Ingo Latotzki

Langenbroich. Es ist feucht. Leichter Sprühregen. So, als käme das Wasser aus dem Zerstäuber einer Parfümflasche. Langenbroich, ein Nest mit gut 130 Einwohnern. Kein Geschäft, schon lange keine Kneipe mehr, ein Verein: die Marianische Schützengesellschaft. Das ist alles. Mitten im Ort: die Heinrich Böll-Straße.

Ein altes Bruchsteinhaus aus dem 17. Jahrhundert. Über dem Eingang ein prägnanter Torbogen, der vermutlich schon Tausende Male fotografiert worden ist. Heinrich Böll ist wahrscheinlich ebenso oft drunter hergegangen, wenn er sein Haus in Langenbroich betreten hat. Von 1966 bis zu seinem Tod heute vor 30 Jahren war er häufig in dem Haus, das mittlerweile Literatur- und auch Kunst-Stipendiaten eine vorübergehende Heimat bietet. Böll ist in diesem Haus mit 67 Jahren gestorben.

Auf einer irischen Insel

Sonst lebte er in Köln – oder er hielt sich auf Achill Island auf. Den Sprühregen, der uns in dieser Woche in Langenbroich begegnet, erlebt man oft auf dieser Insel, ganz im Westen Irlands. In Dugort, einem Dorf, hat Böll ein Cottage besessen, das heute ebenso Stipendiaten eine Arbeitsstelle bietet.

Zurück nach Langenbroich. Wir klingeln bei Alfred Napp. Er wohnt ein paar Häuser von Bölls Bruchsteinhaus weg. Napp, Jahrgang 1946 und passionierter Rennradfahrer, kannte den Literaturnobelpreisträger gut. Böll kaufte das Bruchsteinhaus 1966 von Napps Eltern. Alfred Napp ist in dem Hof geboren.

Jetzt sitzen wir in seiner Küche, er hat einen Kaffee gemacht und signierte Bücher von Böll ausgebreitet. Auch ein Gedicht, das Böll für seine Mutter geschrieben hat. Mit der Hand. Das weiße Papier ist säuberlich aufgeklebt in einem rötlichen Bogen. Er sei schon oft interviewt worden, sagt Napp. Immer wieder hat er erzählt, wie er Böll erlebte: als freundlichen, zurückgezogenen Menschen, den er ab und an auf der Straße traf. „Wir haben manchmal ein paar Worte gewechselt“, sagt Napp. Nichts Besonderes, Small-Talk würde man heute sagen.

Napp springt schnell ins Jahr 1974. Da wurde Deutschland Fußball-Weltmeister und Alexander Solschenizyn wurde aus der UdSSR ausgebürgert. Der Schriftsteller, Nobel-Preisträger wie Böll, kam nach Langenbroich und mit ihm die versammelte Weltpresse. Dass Böll seinen Freund und Kollegen vorübergehend aufnahm, schlug hohe Wellen. In Langenbroich gab es damals drei Telefone. Eines davon stand im Hause Napp. Und die Journalisten damit davor. Sie wollten ihre Artikel in die Heimatredaktionen übermitteln. Napp ließ sich das bezahlen, natürlich. Immerhin gingen einige Gespräche ins Ausland. Die Reporter bezahlten gut. „Am Ende hatte ich rund 400 Mark eingenommen“, sagt Napp. 200 DM waren Gewinn. Alfred Napp kann heute noch über die Geschichte schmunzeln. Die Bilder, die Böll und Solschenizyn 1974 in Langenbroich zeigen, gingen um die Welt.

Überhaupt Langenbroich: Das kleine Dorf hatte es Böll offenbar angetan. Zum 50. Geburtstag der Marianischen Schützen 1974 schrieb Böll einen kleinen Beitrag für die Festschrift. „Dank und Beschwerde“ nennt er den Text, in dem er einerseits beklagt, das er immer mehr von neugierigen auswärtigen Besuchern belagert werde. Dabei sollte man „sich einmal darüber klar zu werden versuchen, daß auch berühmte Leute nur Leute sind, die gelegentlich Kaffee oder Wein trinken möchten, ohne daß ihnen dabei zugesehen wird“. Einen Dank richtet Böll in diesem Text an die Bewohner, die ihm mit Respekt und Zurückhaltung begegnen. Ein Dank geht aber auch an die Landschaft, „für die Spaziergänge durch Wälder und Felder, und da ja Landschaft von Menschen geformt wird, gilt auch dieser Dank den Bewohnern“.

Böll hat einige Texte verfasst, die einen lokalen beziehungsweise regionalen Bezug haben. Der bekannteste ist vielleicht „Die Juden von Drove“ aus dem Jahr 1984. Das kleine Dorf ist Böll bei einem seiner Spaziergänge aufgefallen. Er entdeckte einen Gedenkstein, wo einmal eine Synagoge stand und recherchierte die Geschichte der heimischen Juden „wie ein Reporter bei Zeitzeugen, um in Erinnerung zu rufen und in Erinnerung zu behalten“. So notiert es Waltraud Ludwig in einem Aufsatz über den Literatur-Nobelpreisträger. Die Dame lebt in unmittelbarer Nachbarschaft zum heutigen Böll-Haus.

Böll nahm auch die Schlacht im Hürtgenwald zum Anlass, eine leidenschaftliche Anklage gegen den Krieg in dem Essay „You enter Germany“ zu verfassen. Aber nicht nur die Nazi-Verbrechen und Kriegs-Gräuel beschäftigten ihn. Böll beschrieb 1972 in einem persönlichen Text namens „Suchanzeigen“ ein junges Mädchen, das zwischen Golzheim und Düren zu Fuß unterwegs war. Es ging um seine Mutter, die als Kind „blaß, mit dunklen zur Melancholie neigenden Augen“ in der Pletzergasse wohnte.

Alfred Napp kennt all diese Texte. Der ehemalige Technische Zeichner kommt heute nur noch selten ins Böll-Haus, obwohl er nur ein paar Meter entfernt wohnt. Er weiß, dass Böll hier einige bekannte Persönlichkeiten empfing, beispielsweise die Bundespräsidenten Carstens und Heinemann sowie Bundeskanzler Schmidt.

Ein „Jutsch“ zusätzlich

Dass Böll uns aber auch ein Wort schenkte, das bis heute im hiesigen Sprachgebrauch ist, wissen vermutlich weniger Leute. In „Fürsorgliche Belagerung“ schildert er, wie ein Junge in einem Dorf jeden Abend bei einem Bauern Milch holt und immer eine kleine Menge oben drauf erhält. Es gab einen „Jutsch“ zusätzlich. „Das Wort haben wir Böll zu verdanken“, sagt Markus Schäfer, Mitarbeiter im Böll-Archiv in Köln. Die kleine Geschichte wird auch in Langenbroich angesiedelt, wie einem Kommentar von Bölls Kölner Hausverlag Kiepenheuer & Witsch zu entnehmen ist.

Mittlerweile hat der Sprühregen aufgehört. Über Langenbroich scheint jetzt die Sonne. Alfred Napp steht an einer alten Glocke, die sein Bruder zur Einweihung des Böll-Hauses 1991 aufgehängt hat. Die solle geläutet werden, wenn einmal die Demokratie in Gefahr sei, erzählt Napp. Dann nämlich würden die Schützen zur Hilfe eilen. Die Glocke brauchte bisher nicht geläutet zu werten, was Böll, keine Frage, sehr gefallen würde.

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