Heimbacher Stühlchen: Im Schatten der Burg entstanden

Von: Gudrun Klinkhammer
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Exemplare der Heimbacher Stühlchen stehen dauerhaft im Rathaus. Bürgermeister Peter Cremer hat – als echter Heimbacher – ein Stühlchen für Kinder auch zu Hause. Foto: Klinkhammer

Heimbach. „Ich kenne Monschauer Dütchen, aber was sind Heimbacher Stühlchen?“ Diese Frage haben wohl schon einige Heimbacher von Ortsfremden – denen die Eifeler Eierbiskuit-Hörnchen nicht fremd sind – gehört, wenn es um ein Stück Tradition und Geschichte der Stadt geht.

Und viele Heimbacher können dann antworten: „Wir haben sogar noch eins zu Hause.“ Die Heimbacher Stühlchen werden derzeit kaum noch neu angeboten, eher werden sie im Internet und bei Auktionen gebraucht gehandelt.

Dabei sind sie wahrhaftige Traditionsobjekte, die zu Heimbach gehören wie die tausendjährige Burg, der Hengebach, der Wein und der Esel. Die Historie der Stühlchen lüften Bürgermeister Peter Cremer, der gleichzeitig Vorsitzender des örtlichen Geschichtsvereins ist, und der stellvertretende Vereinsvorsitzende Theo Kleinschmidt. Diverse Schriften, die der Geschichtsverein hortet, behandeln die Chronik der ehemals begehrten Sitzmöbel.

Im Mittelalter saßen die Heimbacher in waldreichem Gebiet. Sie lieferten Holz und Holzkohle aus dem Kermeter an die umliegenden Bergwerke, etwa nach Kall. Seit circa 1450 entwickelte sich Heimbach zum finanzpolitischen Dreh- und Angelpunkt für die Schwerindustrie, den Holzkohlehandel und Holzhandel im Raum Düren/Nordeifel/Köln.

Abgesehen von der Schiene, die Großholz verarbeitet hat, haben die Handwerker im Schatten der Burg – vor allem in der dunklen Winterzeit – kleine Holzutensilien und Kleinmöbel hergestellt. Damals wurde in erster Linie das Buchenholz aufgrund seines Nutzwertes unterschieden in Möbel- und Geräteholz, Bau-, Meiler- und Brennholz. Alte Quittungen geben Auskunft über den regen Handel.

So wurde im Jahr 1500 eine Ladung von 2000 Holzschüsseln nach Hambach bei Jülich geliefert, drei Jahre später landeten 2800 kleine Holzschalen Heimbacher Ursprungs in Köln. „Aus der Holzverarbeitung und der damit verbundenen Berufsbezeichnung heraus resultieren noch heute Familiennamen wie etwa ,Schnitzeler‘“, erzählt Theo Kleinschmidt.

Die Stühlchen waren begehrt, da sie als extrem nützlich und standfest galten. Zum einen gibt es die kleinen Kinderstühlchen, die auch gerne als Schlittenaufsatz gedient haben. Dann gibt es die hochherrschaftlich verzierten Vierbeiner und die Dreibeiner, auf denen die Handwerker selber gerne rittlings Platz genommen haben. Die Rückenlehne diente als Armlehne, und ein kleiner Mittagsschlaf war auf den Dreibeinern problemlos möglich.

Ein verblüffender Nebeneffekt: Die dreibeinigen Heimbacher Stühlchen sind derart standfest, dass sie auch auf unebenen Lehmböden erstaunliche Sitzsicherheit bieten. In Aachen, Köln, Bonn und sogar Maastricht fanden die Heimbacher Stühlchen im 17. und 18. Jahrhundert reißenden Absatz. Ein Eintrag in die Familienchronik des Gutes Eschauel aus dem Jahr 1706 bezeugt eine Fuhre Heimbacher Stühlchen, die bis nach Maastricht zum St. Servasmarkt transportiert wurde.

Belegt ist auch, dass der Herzog von Jülich den Heimbacher Stuhlmachern Privilegien einräumte, wie etwa die Beschaffung von Holz aus dem Kermeter zum Vorzugspreis. Nicht selten als Floß zusammengebunden erreichte das Holz die Uferbereiche des Hengebachs in Heimbach. Kleinschmidt weiß zu berichten: „1885 wurde erwähnt, dass etwa 3600 pro Jahr aus nassem Buchenholz gefertigte Kinderstühle einen Bruttoertrag von 1800 Mark eingebracht haben.“

Noch einmal blühte die Produktion der Stühlchen in den 1980ern auf. Wo heute der Bauhof ist, stand früher eine Stühlchen-Fabrik. Vor allem die vielen Pilger, die Jahr für Jahr nach Heimbach reisen, nahmen sich gerne ein derartiges Andenken mit. Stühlchen-Macher in den vergangenen Jahrzehnten waren Josef Jäger (genannt „Juniorsch Jupp“) und Manfred Stach aus Heimbach sowie Wilhelm Bongard aus Hausen.

Momentan bietet der Heimbacher Herbert Windhausen die kunstvolle Fertigung an. Bürgermeister Cremer überlegt allerdings, das zu ändern, er sagt: „Vielleicht könnte man die Herstellung der Heimbacher Stühlchen irgendwann in die Hände der Nordeifelwerkstätten legen.“

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