Bergstein - Heiligabend 1945, mitten in Russland

Heiligabend 1945, mitten in Russland

Von: Bruno Elberfeld
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Dr. Annemi Bolzius (rechts vor dem Stall) übergab die Krippe an Verwandte in Bergstein. Foto: Elberfeld

Bergstein. Der Abschied von der etwa 5000 Quadratmeter großen Parkanlage in Mönchengladbach hat den mannshohen Krippenfiguren nicht viel ausgemacht, obwohl sie auch nicht mehr die Jüngsten sind. In den 70er Jahren hatte Dr. Ferdinand Bolzius den Bau der Krippenlandschaft begonnen. Erst Jahre später, berichtet seine Witwe Dr. Annemi Bolzius bei der Übergabe der Krippe an Verwandte in Bergstein, seien die Figuren fertig geworden.

„Die Krippe ist mit den Jahren weiter gewachsen“, erzählt Annemi Bolzius. Nachbarn und Patienten ihres Mannes wirkten mit. War irgendwo eine passende Schaufensterpuppe zu ergattern, musste sie herbeigeschafft und eingekleidet werden, möglichst in russischer Tracht, eine Erinnerung an Bolzius‘ Kriegsgefangenschaft.

Die Entstehungsgeschichte

Der Krippenbauer kann über die Entstehungsgeschichte der Krippe nichts mehr erzählen, er ist verstorben. Seine Witwe erinnert sich aber noch sehr gut an die Worte ihres Gatten. Ferdinand Bolzius, Schüler des Humanistischen Gymnasiums in Mönchengladbach, wurde 1942 im Alter von 17 Jahren Soldat. Gegen Ende des Krieges geriet er in russische Kriegsgefangenschaft.

Für die nächsten drei Jahre waren verschiedene Lager etwa 300 Kilometer östlich von Moskau die Heimat des jungen Mannes. In den zusammengeflickten Baracken vegetierten zwischen 2000 und 3000 Soldaten aus Deutschland, Italien oder auch Japan. Die Versorgung war miserabel, viele Gefangenen starben. Ein Abend, der Heiligabend 1945, hatte sich Bolzius ins Gedächtnis gebrannt. Bei klirrender Kälte durfte seine Gruppe im Wald Holz machen.

Denn am Abend der Geburt Christi sollten die Gefangenen nicht so sehr frieren. Auf dem Nachhauseweg wurden sie von Bauern überfallen, die ihnen das Holz von den Schlitten rissen. Aus der Sicht der Gefangenen mehr als schlimm. Im Nachhinein konnten sie die Tat der Einheimischen wohl verstehen, denn auch die Russen litten unter der bestialischen Kälte. Zusammengekauert auf seiner Liege, mit den Gedanken bei seiner Familie, in der Erinnerung an das letzte Weihnachtsfest im Kreis seiner Lieben, versprach Bolzius: „Wenn ich hier heil rauskomme, werde ich eine Krippe bauen.“

Die letzten beiden Jahre bis zu seiner Entlassung 1950 lebte er in einem großen Gefangenenlager in der ukrainischen Stadt Saporoschje. Die Tage vergingen mit harter Arbeit auf dem Bauernhof oder in einer Ziegelei. Doch es gab immer wieder auch Hoffnungsschimmer. Ferdinand Bolzius erinnerte sich später gern an die unvergesslich schönen Momente, die es selbst während der Gefangenschaft gab. Da gab es die Floßfahrten auf der Wolga, bei denen sie – auf Ehrenwort entlassen – für Stunden so etwas wie Freiheit genießen konnten. Zur Erinnerung an die Wolga sang ein Opernsänger bei Ferdinand Bolzius‘ Beerdigung in der Kirche das berühmte „Wolgalied“.

Als der Kriegsgefangene damals heimkehrte, hielt er sein Wort. Eine Hobbykünstlerin, erinnert sich die Witwe, töpferte die ersten Gesichter und die Hände der Figuren. Später wurde diese Aufgabe von einer Keramikmeisterin übernommen und fortgeführt. Seit ein paar Tagen stehen die Figuren, Maria und Josef mit dem Kind in der Krippe, Ochs und Esel, die Heiligen drei Könige mit einem Kamel, die Hirten und Engel, Schafe und Lämmer im Garten eines Bergsteiner Hauses.

Hausherr Rolf Hensch und seine Familie haben angepackt, haben geplant, wo jede einzelne Figur wohl ihren angemessenen Platz finden könnte. Die Familie baute einen Stall und verlegte Leitungen, damit die Krippenanlage abends von Scheinwerfern in Szene gesetzt werden kann. Der Umzug der Krippe von Mönchengladbach zu den Verwandten nach Bergstein ist geglückt.

Die neuen Besitzer mögen die ungewöhnliche Krippe. Der jüngere Sohn der Familie, Phil Hensch, will das Projekt „Krippenbau“ selbst fortführen, sagt er. Die Krippe soll weiter wachsen. Nachbarn, Freunde und Bekannte haben hier und da schon mit passenden Gaben zur weiteren Ausschmückung beigetragen.

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