Düren - Heike Ketzer wartet seit 40 Jahren auf die Umgehungsstraße

Heike Ketzer wartet seit 40 Jahren auf die Umgehungsstraße

Von: Christoph Lammertz
Letzte Aktualisierung:
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Die Bauarbeiten in der Tivolistraße sind für Heike Ketzer schon Erholung: Seit 40 Jahren wartet sie auf eine Entlastung der Straße durch die geplante Dürener Nordumgehung. Die ist ihr schon von Politikern aller Couleur versprochen worden - von manchen sogar schriftlich. Foto: Lammertz

Düren. Heike Ketzer genießt die Ruhe. Hat sie wirklich „Ruhe” gesagt? „Ja”, bekräftigt die Dürenerin. Der Lärm der Baufahrzeuge, die vor ihrem Haus an der Tivolistraße 19 bewegt werden, sei nichts gegenüber dem, was war und was wieder wird.

18.000 Fahrzeuge täglich drängten sich vor dem Start der Brücken- und Kanalarbeiten durch die Tivolistraße. Und wenn sich die Baufahrzeuge wieder verabschieden - voraussichtlich Anfang Mai -, kehrt der Durchgangsverkehr zurück. Dabei sollte die Straße, in der Heike Ketzer seit ihrer Geburt vor 70 Jahren lebt, längst entlastet sein. „Seit 40 Jahren warte ich auf die versprochene Umgehungsstraße”, sagt sie. „Und wenn ich ehrlich bin: Ich glaube nicht mehr, dass ich das noch erlebe.”

Andere Prioritäten

Zeitungsausschnitte und Antwortschreiben von Politikern aller Couleur hat Heike Ketzer in den zurückliegenden Jahren reichlich gesammelt. In allen ist von Entlastung die Rede. Davon, dass man sich in Bonn, später in Berlin, für die Dürener Nordtangente stark mache. Geändert hat sich einige Male die vorgesehene Trasse für die Umgehungsstraße.

Nicht geändert hat sich, dass kein Politiker oder Bürgermeister das Versprechen wahrmachen konnte. „Egal ob Vogt, Vosen oder wer auch immer - die sind in die Bundespolitik gegangen und haben andere Themen für sich als vordringlich erkannt”, klagt die 70-Jährige. Und so schwand mit jedem Mal, wenn ihr ein Lkw direkt vor ihrem Wohnzimmerfenster das Tageslicht nahm, auch das Vertrauen in die Politik ein Stückchen mehr.

Alexander Knecht, der im Dürener Tiefbauamt unter anderem mit dem Thema Umgehungsstraßen befasst ist, ist ein junger Mann. Er war noch nicht geboren, als Heike Ketzer zum ersten Mal die Entlastung ihrer Straße versprochen wurde. Aber er hat Unterlagen, die die 70-Jährige bestätigen. „1968 ist die Nordumgehung Düren in den Generalverkehrsplan aufgenommen worden”, weiß Knecht. Damals hieß sie noch B264n.

Vorgesehen war eine Tangente, die sich an die Kreisbahntrasse anlehnen sollte. Zehn Jahre später, hat der Verwaltungsmann nachgeblättert, folgte die Linienbestimmung, 1990 ein erster Ratsbeschluss. 1991 drohte die Umgehung aus dem Bundesfernstraßenbedarfsplan herauszufallen. Doch der Einfluss Dürener Kommunalpolitiker reichte aus, um sie zu retten. 1993 erhielt sie das Etikett „zeitnah zu realisieren”. Aus der B264n wurde die B399n.

2002 gab es den Ratsbeschluss, der sich endgültig auf die neue Linienführung festlegte: Von der B264 aus Richtung Langerwehe kommend, soll die Nordtangente in Höhe des Dürener Badesees abschwenken, zunächst in etwa an der Bahnlinie entlang führen und dann in Richtung Paradiesstraße/Fritz-Erler-Straße weiterlaufen. 2005 folgte der Ratsbeschluss zu einem Vorentwurf. Jede Menge Gutachten zu Lärmschutz, Ausgleichsflächen, Umweltschutz mussten erstellt werden.

Im Mai 2010 soll nun die Planfeststellung von der Bezirksregierung eingeleitet werden. Die Finanzierungszusage des Bundes steht. „2013 oder 2014 sollte mit dem Bau begonnen werden”, sagt Knecht. Und: „Ein solches Projekt lässt sich nicht in ein paar Tagen realisieren. Aber diese Geschichte läuft wirklich schon sehr, sehr lange. Dabei wurden die größten Verzögerungen nicht in der Stadt verursacht, sondern bei den Entscheidungsträgern im Bund, die andere Prioritäten gesetzt haben.”

Nicht ganz so ausführlich wie der Tiefbauamtsmitarbeiter, aber zumindest in Grundzügen hat Ministerpräsident Jürgen Rüttgers Heike Ketzer kürzlich die gleiche Antwort gegeben. Mit Bus und Bahn war die Dürenerin nach Aachen in die Hauptredaktion unserer Zeitung gereist, um auch den Landesvater bei unserem Leserforum mit ihrem Thema zu konfrontieren. „Der war gut vorbereitet”, erinnert sich die Seniorin.

Eine gute Begründung dafür, warum sie schon so lange warten muss, hatte aber auch Rüttgers nicht. „Das ist ja auch nicht zu erklären”, sagt Heike Ketzer. „Ein kleiner Ort wie Gey hat seine Umgehungsstraße, und eine 90.000-Einwohner-Stadt bekommt sie einfach nicht. Dabei hätten die Tivoli- oder auch die Aachener Straße sie sicherlich eher nötig und verdient.”

In den Unterlagen, die sie über ihre Straße gesammelt hat, haben sich auch alte Fotos verirrt. Die zeigen einen noblen Straßenzug mit Villen und mit Kindern, die auf den Bordsteinen spielen. Die Aufnahmen sind älter als Heike Ketzer. „So wird es nie mehr sein”, weiß die 70-Jährige. Sie wäre ja auch mit weniger zufrieden. Ein bisschen mehr Ruhe halt - das würde ihr schon reichen. Wobei das Wort Ruhe, das haben wir gelernt, für Heike Ketzer längst eine andere Bedeutung hat als für die meisten anderen Menschen.
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