„Hannes und Paul”: Eine Liebe, die nicht sein darf

Von: Stephan Johnen
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Mit der traurigen Liebeskomöd
Mit der traurigen Liebeskomödie „Hannes und Paul” gastiert Schauspielerin Elke Schmidt am Freitagabend im Kloster-Kultur-Keller Vossenack. Foto: Johnen

Vossenack. Nationalsozialismus? Geht. Lateinische Liebeslyrik? Vorstellbar. Homosexualität? Nein, das ist offenbar doch ein wenig zu viel für das Publikum. Die Suche nach Bühnen, die die traurige Liebeskomödie „Hannes und Paul” von Elke Schmidt ins Programm aufnehmen, gestaltet sich immer noch recht schwierig.

Und so schreibt sich die Geschichte auch außerhalb des Bühnengeschehens fort: Homosexualität ist kein Thema, über das man öffentlich redet. Weder in der NS-Zeit, noch heute. Dabei wäre es umso nötiger.

Das zeigt exemplarisch die Geschichte des jungen Liebespaares „Hannes und Paul”, das seine Liebe nicht lieben durfte, dem niemand zuhören wollte, das mit seinem Kummer allein gelassen wurde - und schließlich den Freitod wählte. Elke Schmidt vom „Seifenblasen Figurentheater” erzählt am Freitag, 16. März, um 20 Uhr erneut die Geschichte von „Hannes und Paul” im Kloster-Kultur-Keller Vossenack.

Stille im Saal

Dass dieser Stoff keine moralische Überforderung des Publikums ist, zeigte die Vorpremiere des Stücks im Kloster-Kultur-Keller vor einem Jahr. Selten blieb es nach dem lautstarken Applaus so still in diesem Theatersaal. Minutenlang saßen die Zuschauer in den Sesseln, bevor eine lebhafte Diskussion mit den Theaterleuten Elke Schmidt und Christian Schweiger entbrannte. Auf jeden Zuschauer wirkte das Stück anders, jeder stellte eine andere Facette in den Vordergrund. Berührt hat es wohl jeden.

Wenn die Handlung auf der Bühne beginnt, ist das Geschehen eigentlich schon abgeschlossen. Während die Welt 1943 im Bombenhagel in Trümmer fällt, ist das Leben von Hilde Schuhmann bereits ein Scherbenhaufen. Den Mann und Parteigenossen hat sie an den Krieg verloren, den Sohn Hannes an die Liebe. Als der Voralarm ertönt, packt sie ihren Koffer - und setzt dabei anhand von Fundstücken Stück für Stück das bereits abgeschlossene Familienleben wie ein Puzzle wieder zusammen.

„Der deutsche Junge muss lernen, seine Bedürfnisse zurückzustellen”, lautet ganz früh der Tagesbefehl des Vaters. In seiner Welt ist das einzige erlaubte Gefühl die „Liebe zu Vaterland und Führer”. Statt großer Gefühle herrscht Gleichschritt in der Familie. Doch Hannes gerät aus dem Gleichschritt, als er Gefühle für seinen Freund Paul entwickelt.

Was folgt, ist ein Blick in die Abgründe des Familienlebens - ein Blick in die Abgründe einer Gesellschaft. Statt Verständnis gibt es Denunziation. Auch die Mutter, die früh ahnt und später weiß, das Hannes und Paul ein Liebespaar sind, ist keine Hilfe. „Dafür ist dein Vater nicht gestorben”, blafft sie ihren Sohn an, als sie ihn mit Paul beim Küssen erwischt. „Alles wird wieder gut”, lautet ihr Mantra. Selbstverständlich kommt es anders.

Die Besonderheit der Inszenierung liegt in der Verschmelzung von Ovids 2000 Jahre alter Liebeslyrik in lateinischer Sprache mit dem Thema Homosexualität im Nationalsozialismus. Parallel zum klassischen Liebespaar Pyramus und Thisbe, das als Quelle für Shakespeares „Romeo und Julia” diente, erleben auch Hannes und Paul das Erwachen einer kompromisslosen Liebe. Dramaturgisch geschickt geschieht dies im Lateinunterricht an der Schule, wo sie szenisch ein Stück Ovids einstudieren: Pyramus und Thisbe.

Dass gleichgeschlechtliche Liebe vor 65 Jahren in einer Diktatur, die das Idealbild der Herrenrasse predigte, kein Thema war, kein Thema sein durfte, ist wohl unbestritten. Gut, dass die Gesellschaft heute aufgeklärter und offener ist. Oder, Frau Schmidt? „Es gibt auch heute Schüler, die wegen ihrer Homosexualität gemobbt werden, die Akzeptanz in der Bevölkerung ist eher gering”, bilanziert Elke Schmidt.

Das Stück habe sie bewusst in der Zeit des Nationalsozialismus angesiedelt, damit der Zuschauer das Geschehen aus „einer sicheren Entfernung” betrachten kann. Damals das Unrechtsregime, heute der moderne Rechtsstaat. „Die Geschichte könnte aber genauso gut in unseren Tagen spielen”, ist die Autorin überzeugt. An Aktualität habe die Handlung nichts verloren. „Hannes und Paul” soll dabei keine Geschichtsstunde sein, kein moralisches Lehrstück. Elke Schmidt bietet Theater. Das 75-minütige Stück soll nicht nur zum Nachdenken anregen, es möchte auch unterhalten.

„Hannes und Paul” ist ein Stück für Jugendliche und Erwachsene ab 16 Jahren. Karten gibt es für 12,50 Euro an der Abendkasse und nach telefonischer Bestellung unter der Telefonnummer 02429/30853.
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