Häusliche Gewalt: Auch Männer werden Opfer

Von: Stephan Johnen
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„Die Rollen sind in der Wahrnehmung klar verteilt: Bei häuslicher Gewalt ist der Mann Täter, die Frau Opfer”, sagt Kerstin Srbeny vom Weißen Ring. Doch auch Männer werden Opfer. Sie möchte der Verein erreichen.

Düren. Schläge war das Opfer gewohnt, wie zu oft bei häuslicher Gewalt. Die Wunden vorangegangener Attacken sollte später ein Arzt finden, ein zweiter attestierte Schlafstörungen und Angstzustände. Schläge war das Opfer gewohnt, doch an diesem einem Abend ist alles anders.

Alles ist noch brutaler. „Es war so schlimm, dass ich durch den Schlag mit einem Handy eine blutende Platzwunde am Kopf erhielt”, berichtet das Opfer. Geschunden und verängstigt fasst es einen Entschluss, der längst überfällig war. Einige Minuten später steht die Polizei in der Wohnungstür. Der Ehemann öffnet - die Platzwunde an seinem Kopf ist nur notdürftig verbunden.

Männer als Opfer häuslicher Gewalt? Ein Einzelfall, sagt die Kriminalstatistik. „Die Spitze eines Eisbergs”, sagt Kerstin Srbeny von der Opferschutzorganisation Weißer Ring. Eine Einschätzung, die auch Kriminaloberkommissar Theo Happe teilt, der Opferschutzbeauftragte der Dürener Polizei.

Der beschriebene Fall ist jedenfalls keine Erfindung, er ist Realität, er hat eine Nummer in den Akten des Weißen Rings. „Dieses Ereignis ist statistisch ein Einzelfall, weil kaum ein Mann zugibt, Opfer von häuslicher Gewalt geworden zu sein”, ist die Leiterin des in Düren ansässigen Landesbüros Rheinland überzeugt.

Männer würden systematisch dazu konditioniert, ihre Schmerzen zu ertragen, ihre Leiden zu verbergen. Kerstin Srbeny will diesen Eisberg an die Oberfläche zerren, Männer dazu ermutigen, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Sie weiß, dass sie damit etwas unternimmt, was ein Forscher in einer Studie über misshandelte Männer wie folgt ausdrückt: „Das ist wie Schlittschuhfahren über gefährliches, dünnes Eis.” Männer werden Opfer. Vermutlich öfter als im Alltag wahrgenommen. „Entweder ist jemand ein Opfer - oder er ist ein Mann”, beschreiben die Wissenschafter die gesellschaftliche Wahrnehmung. Männer, die misshandelt werden? Scheinbar ein kulturelles Paradoxon.

„Es wird Zeit, darüber ideologiefrei zu diskutieren”, fordert Kerstin Srbeny. Es gehe nicht darum, die von Männern ausgehende Gewalt zu verharmlosen, sie kleinzureden, Unrecht gegeneinander abzuwägen. Als Opferschützerin sei es aber ihr Anliegen, die Bedürfnisse aller Opfer zu vertreten, sie in die öffentliche Wahrnehmung und Diskussion zu rücken.

Dem Weißen Ring sind Fälle bekannt, in denen Männer über mehrere Jahre misshandelt wurden. Opfer physischer Gewalt, aber auch seelischer Gewalt. „Frauen benutzen andere Waffen als Männer”, sagt Rosemarie Becker vom Opferschutzverband. „Sie gehen subtiler vor.” Ein Klischee? Möglich. Aber genauso ein Klischee wie jenes, dass nur Männer prügeln.

„Jeder Fall hat eine Vorgeschichte”, sagt Kriminalist Theo Happe vorsichtig-diplomatisch. Kerstin Srbeny meint dazu: „Manchmal führt die Vorgeschichte zu einer Eskalation, bei der am Ende der Mann zuschlägt.” Erneut betont sie, dass dies niemals eine Entschuldigung für Gewalt sei. Nur, gibt sie zu bedenken, sollte die Verteilung der Rollen von Opfer und Täter nicht übereilt und unverrückbar erfolgen.

„Bei jeder Ausstellung über häusliche Gewalt haben wir männliche Opfer, die sich melden”, sagt sie. Dieses Problem gehöre leider zur Normalität. Nur sei es nicht normal, darüber offen zu reden.
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