Kreis Düren - Gute Vorsätze: „Oft ist das Scheitern schon einkalkuliert“

Gute Vorsätze: „Oft ist das Scheitern schon einkalkuliert“

Von: Sarah Maria Berners
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Gesünder ernähren, mit dem Rauchen aufhören, mehr Sport treiben – das sind typische Vorsätze, die viele Menschen sich für das neue Jahr machen. Foto: stock/Jochen Tack
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„Der 1. Januar ist eine legitime psychologische Krücke“: Thomas Hax-Schoppenhorst, Pädagoge

Kreis Düren. „Der schwierigste Weg, den der Mensch zurückzulegen hat, ist der zwischen Vorsatz und Ausführung“, soll der Erzähler Wilhelm Raabe (1831 bis 1910) einmal gesagt haben. Ja, ja, es ist so eine Sache mit den guten Vorsätzen für das neue Jahr. Sie gehen dem Menschen leicht über die Lippen und sind doch so schwer umzusetzen.

Und nicht selten werden die guten Vorsätze schon ziemlich schnell wieder über Bord geworfen. „Dann hat man wieder für ein Jahr Ruhe“, sagt Thomas Hax-Schoppenhorst, Pädagoge von der LVR-Klinik Düren, augenzwinkernd.

Trotzdem nehmen sich unzählige Menschen zum Jahreswechsel etwas vor. Mit dem Rauchen aufhören, weniger Schokolade essen, mehr Sport treiben, weniger Zeit auf der Arbeit verbringen – mit all dem könnte ein jeder am 7. Juli genauso gut wie am 1. Januar beginnen. Warum brauchen wir einen Stichtag, um etwas zu verändern?

„Der 1. Januar ist eine psychologische Krücke“, weiß Hax-Schoppenhorst. Der Beginn des neuen Jahres habe etwas Magisches. Und oft sei eben eine solche Magie nötig, um eine Veränderung anzustoßen. Sie gebe den Impuls. „Am Jahresende kehrt in den Alltag ein wenig Ruhe ein, es ist die Zeit, um über das vergangene Jahr nachzudenken, ein Resümee zu ziehen“, sagt Hax-Schoppenhorst. Die Menschen würden sich fragen: Wo stehe ich? Wo will ich hin? Viele Uhren würden auf null gedreht, manch einer tue gerade so, als hätte es die Entwicklungen davor nicht gegeben. Dann gewinnt der Blick nach vorne an Gewicht.

Der Mensch betrachte gerade zum Jahreswechsel auch seine Defizite, blicke auf die Last des Scheiterns – des globalen, des nationalen und des persönlichen. „Wer sich etwas vornimmt, leidet unter bestimmten Lasten“, sagt der Pädagoge. „Ab morgen wird alles anders – dahinter stecken der Wunsch und die Hoffnung, fehlerfrei zu sein.

Denn nach einigen Dingen würden sich die meisten sehnen: fehlerfrei sein, lange, gesund leben und glücklich sein. Deswegen dreht sich ein Großteil der neuen Vorsätze auch um Gesundheitsfragen“, erklärt der Experte. Hinzu komme die Angst vor Kontrollverlust. „Es gibt in unserem Alltag vieles, was wir nicht kontrollieren können. Wir haben Sorgen, Terrornachrichten verunsichern uns“, weiß der LVR-Mitarbeiter. Sich etwas vornehmen sei eine Art, die Kontrolle zu übernehmen.

Und warum scheitern wir so oft mit unseren guten Vorsätzen für das neue Jahr? „Viele Menschen überschätzen sich, stecken sich unrealistisch hohe Ziele. Bei guten Vorsätzen ist es aber wichtig, ehrlich zu sich sein. Man sollte sich ein Ziel stecken, das auch erreichbar ist“, betont der Pädagoge.

Muss ich oder will ich?

Für jemanden, der 40 Zigaretten am Tag rauche, sei es sinnvoller, den Konsum zunächst zu reduzieren, sich ein Etappenziel zu setzen. „Und jemand, der nie Sport gemacht hat und plötzlich jeden Tag joggen gehen will, der wird vermutlich am 5. Januar aufgeben“, verdeutlicht Hax-Schoppenhorst.

Außerdem hänge die erfolgreiche Umsetzung eines guten Vorsatzes davon ab, ob er von Herzen komme oder lapidar dahergesagt worden sei. Sollte ich, will ich, könnte ich oder muss ich? „Ein gewisser Leidensdruck sorgt durchaus dafür, dass es mit der Umsetzung eines Vorsatzes besser klappt“, unterstreicht der Pädagoge. Hingegen sei bei einem dahergesagten Vorsatz das Scheitern quasi programmiert und auch einkalkuliert.

Diese Form des Scheiterns, das Nichteinhalten guter Vorsätze, ist auch gesellschaftlich kein Problem. „Fast jeder rechnet das Scheitern schon mit ein“, weiß Hax-Schoppenhorst. Das gelte für die Menschen, die sich etwas vornehmen ebenso wie für diejenigen, die von dem guten Vorsatz wissen. „Mit einem Neujahrsvorsatz scheitern ist auch nicht schlecht für den Ruf. Scheitern gehört zur menschlichen Natur dazu.“ Aber auch vor diesem Hintergrund seien eventuell andere Termine besser. „Wer sich mehr bewegen will, könnte damit zum Beispiel im Urlaub beginnen. Das ist dann auch mit geringerem Druck verbunden.“

Deswegen würde Hax-Schoppenhorst einen ernsthaften Vorsatz nur mit sich persönlich aushandeln, ihn nicht in großer Runde diskutieren. Während der Druck für manche Leute hilfreich sein könne, könne er für andere belastend sein. „Es kann schon am Ego knapsen, wenn jemand häufiger scheitert“, weiß der Fachmann.

Für ein paar Monate Ruhe

Oft gehe es mit der Umsetzung eines guten Vorsatzes eine Weile lang gut, und dann verfielen die Menschen wieder in ihre alten Gewohnheiten. „Und wer am 3. März scheitert, der hat für sich selbst nicht selten wieder neun Monate Ruhe.“

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