Gräuel des Holocausts mitbekommen: Gabriel Bach besucht Gesamtschule

Von: Sarah Maria Berners
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Gabriel Bach war zu Gast in Niederzier. In Jülich ist er von der Gesellschaft gegen das Vergessen und für Toleranz ausgezeichnet worden. Foto: smb

Niederzier/Merzenich. Viele Schüler der Gesamtschule schüttelten immer wieder ungläubig mit den Köpfen. Mucksmäuschenstill lauschten sie den Erzählungen des 86 Jahre alten Mannes, der in der Mensa hinter dem Rednerpult stand.

Vor ihnen stand jemand, der die Gräuel des Holocausts mitbekommen hat, ihnen selbst aber immer knapp und mit sehr viel Glück entkommen konnte. Dort stand Gabriel Bach, der die Rolle des stellvertretenden Chefanklägers übernommen hatte, als Adolf Eichmann – der Mann, der die Abteilung für die Organisation der Vertreibung und Deportation der Juden im Reichssicherheitshauptamt leitete – in Israel zum Tode verurteilt und später hingerichtet wurde.

Und trotz dieser Geschichte stand vor den Schülern ein Mann, der von sich selbst sagt, ein „notorischer Optimist“ zu sein. Der Jude Gabriel Bach erzählt die Geschichte nicht so, dass sie fortwährend zu Tränen rührt. Er erzählt sie so, dass der Zuhörer auch lachen muss und darf, manchmal mit bitterer Ironie.

Gabriel Bachs Vater war Generaldirektor einer großen Kupferfabrik bei Halberstadt, Gabriel Bach wuchs in Berlin auf. „Die Menschen sagten später, dass mein Vater etwas wie einen sechsten Sinn gehabt haben muss“, erzählte Bach den Schülern. Zwei Wochen vor der Kristallnacht hatte er beschlossen, mit seiner Familie das Land in Richtung Niederlande zu verlassen.

„Mit dem Fußtritt eines SS-Mannes bin ich aus Deutschland ausgereist“, erinnerte sich Bach. Die Ausreise so kurz vor den Pogromen sollte nicht das einzige Mal bleiben, dass Bach dem NS-Regime knapp entkam: 1940 verließ die Familie die Niederlande einen Monat vor der Invasion, die schon so oft verschoben worden war, wie Bach später aus Büchern erfuhr. Mit dem Schiff ging es nach Palästina. Wohlbehalten. Bei der nächsten Fahrt wurde dieses Schiff versenkt. 250 Menschen starben.

1960 stand Gabriel Bach dem Mann gegenüber, der für den Tod vieler Juden mit verantwortlich war: Adolf Eichmann. „Er folgte nicht nur den Befehlen. Er war ein Mann, der sich mit der Ermordung der Juden identifizierte. Es war sein persönlicher Kampf, alle Juden zu vernichten“, schilderte Bach den Schülern. Eichmann sei es wichtig gewesen, vor allem die jüdischen Kinder zu ermorden, um diese „Rasse“ auszulöschen.

Bach erzählte den Schülern der Gesamtschule vom Verlauf des Prozesses, von den Recherchen und von den Momenten, die ihm besonders im Gedächtnis haften geblieben sind. „In jedem Land gab es Versuche, das Leben jüdischer Menschen zu retten“, erzählte er mit Verweis auf Schreiben an Eichmann. „Aus prinzipiellen Erwägungen“ seien diese jedoch immer abgelehnt worden. „Ich habe nachts davon geträumt, dass Eichmann diese Gesuche einfach nicht ablehnen konnte, später las ich dann die Briefe, in denen er genau dies getan hatte.“

Auch wenn Adolf Eichmann vor Gericht so gesprochen habe, als würde er den Holocaust als größtes Verbrechen der Menschheit sehen, so ist Gabriel Bach doch davon überzeugt, dass der SS-Mann nicht die Wahrheit sprach. Als Beweise dafür führt er Zitate auf, die zeigen, dass Eichmann sich noch Mitte der 50er Jahren unglücklich darüber zeigte, dass es ihm nicht „gelungen“ sei, die „jüdische Rasse“ endgültig auszulöschen. Bach: „Trotzdem wurde der Prozess so geführt wie jeder andere. Richter müssen objektiv sein.“

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