Goethe taucht in die orientalische Poesie ein

Von: Bruno Elberfeld
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Zu den Versen aus dem „Westöstlichen Divan“, vorgetragen von Ulrich Bildstein, spielte Franck-Thomas Linck Kompositionen von Bach, Gurdjieff und Schumann. Foto: Bruno Elberfeld

Niederau. „Lust und Pein sei uns Zwillingen gemein. Wie du zu lieben und zu trinken, das soll mein Stolz, mein Leben sein!“ Diese Verse des Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe waren eine Hommage an den persischen Dichter und Mystiker Hafis (geboren um 1315), der in der Tradition des Sufismus mit seinen Gedichten die Menschen dazu bringen wollte, ihre eigene Weisheit aus sich heraus in der Spiritualität zu suchen und zu finden. Dogmatische Lehrsätze waren da verpönt.

Im Konzertsaal von Schloss Burgau interpretierten Pianist Franck-Thomas Link und Schauspieler Ulrich Bildstein ein beglückendes Gemisch von starken Goethe-Versen aus dem „Westöstlichen Divan“ und Musik von Altmeister Johann Sebastian Bach sowie dem Esoteriker Georges Gurdjieff, der in den 1920er Jahren in Paris eine Schule hatte, die sufistische Lebensweisen vertrat.

Was verbindet Goethe und Hafis? Warum nennt Goethe Hafis seinen Zwilling? Beide Dichter, obwohl zeitlich in weit auseinanderliegenden Epochen lebend, verarbeiteten ihre Welt mit einer Mischung aus Ernst und Witz. „Geistige Kleingeisterei“ war Goethe und Hafis fremd. Sie nahmen nur die wirklich wichtigen Dinge im Leben in ihren Fokus.

Der „Westöstliche Divan“ ist eines der großen Werke Goethes. Der Dichter taucht in die orientalische Poesie ein, entleiht aus ihr märchenhafte Bilder und formt sie zu eigenen Gedanken und Gefühlen. Interessant die vielen Antipoden in den Versen: Deutsche und Perser, Liebender und Geliebte, greiser Zecher und kindlicher Kellner, Schaffende und ihre Neider. Heute, so empfanden es die Gäste auf Schloss Burgau, sind die Inhalte der Verse noch ebenso aktuell wie zu Hafis und Goethes Zeiten.

Goethe, der den „Westöstlichen Divan“ um 1814 geschaffen hat, fordert, so Schauspieler Ulrich Bildstein, dass alle Weisheiten, Erkenntnisse und Fortschritte in Dialogen verarbeitet werden müssten. Menschen sind soziale Wesen und müssen sich, ihre Gefühle und Gedanken austauschen, um das gemeinsame Leben bewältigen zu können.

Im „Westöstlichen Divan“ ist Goethes Witz und Humor, mit der er die Welt betrachtet, ein Ratgeber für Menschen, die sich und andere „Größen“ zu ernst nehmen.

Der Abend wäre mit Ausschnitten aus Goethes Werk schon ein Ereignis gewesen. Doch gesteigert und zu einem besonderen Erlebnis machte es die Musik von Bach und Gurdjieff, meist Tänze, die die Lebenslust, die innere Freude und die heitere Gelassenheit der Poesie harmonisch ergänzten. Apropos Ergänzung. Zu den Werken von Goethe, Hafis, Bach und Gurdjieff gesellten sich Lieder von Robert Schumann, die der Veranstaltung einen weiteren unvergessenen Stempel aufdrückten.

Schauspieler Ulrich Bildstein meisterte das Vermächtnis der großen Künstler aufs Vortrefflichste. Seine Gestik und Mimik nahmen die Gäste mit auf die Reise in das Werk Goethes, die Sprache akzentuiert und melodisch. Pianist Franck-Thomas Link schlug die Tasten des Flügels meist nur mit „halber Kraft“ an, eine glückliche Maßnahme, die dem ansonsten starken Hall im Konzertsaal geschuldet war.

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