Gewerkschaften: Mehr als rote Fahnen und Trillerpfeifen

Von: Stephan Johnen
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„Gewerkschaften sind mehr als rote Fahnen und Trillerpfeifen“: Doch gerade bei Werkstreiks sind solche Accessoires gefragt. Foto: Stephan Johnen
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Blicken optimistisch in die Zukunft: Paul Zimmermann (IG Metall), Ludger Bentlage (NGG) und Peter Hertlein (GdP, von links). Foto: Stephan Johnen

Düren. Fahnen und Trillerpfeifen gehören beizeiten zur Arbeit hinzu. Spätestens dann, wenn es bei Tarifverhandlungen den ersten Warnstreik gibt, bestimmen sie das Bild und den Klang von Gewerkschaftskundgebungen.

„Doch wir machen mehr, als man im Fernsehen sieht. Unsere Arbeit ist mehr als rote Fahnen und Trillerpfeifen“, sagt Paul Zimmermann, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Düren. „Seit der Wirtschaftskrise haben wir an Gewicht gewonnen“, spricht Zimmermann von steigenden Mitgliederzahlen. Eine Entwicklung, die bundesweit bei vielen Gewerkschaften zu beobachten ist.

Thema Mitbestimmung

„Es sah auch mal anders aus“, verschweigt der Gewerkschafter nicht, dass nicht nur die IG Metall in der Vergangenheit mit Austritten und dem demografischen Wandel zu kämpfen hatte. „Mitbestimmung ist wieder ein Thema für die Menschen“, sagt Zimmermann. Wer etwas verändern oder schützen möchte, müsse selbst mit anpacken. Sei es bei den anstehenden Betriebsratswahlen, sei es in einer Gewerkschaft. „Wir sind keine Dinosaurier des Industriezeitalters“, scherzt er.

„Das Image hat sich geändert. Es hat sich verbessert“, bilanziert Ludger Bentlage, Sekretär der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten in der Region Aachen. Statt Klassenkampf stehe Gewerkschaftsarbeit auch für Beratung, für Begleitung der Mitglieder, für Schulungen und den Einsatz für faire Bezahlung und betriebliche Mitbestimmung. Auch die NGG verzeichnet in Düren wachsende Mitgliederzahlen, ebenso die Gewerkschaft der Polizei (GdP). „Bis zu 95 Prozent eines Ausbildungsjahrgangs werden Mitglied“, sagt Peter Hertlein, GdP-Vorsitzender. Schon in der Polizeischule würden die angehenden Kommissare Mitglieder.

Ein Automatismus sei dies aber nicht, betonen alle drei Gewerkschaftsvertreter. Früher galt: War der Vater Mitglied, wurde der Sohn es auch. „Die Gesellschaft ist heute viel pluralistischer“, sagt Zimmermann. „Die Menschen wollen überzeugt werden“, fügt Ludger Bentlage hinzu. „Angehende Mitglieder fragen sich: Was bringt es mir?“, ergänzt Peter Hertlein.

Eine durchaus legitime Frage, findet er. So gehört bei der GdP beispielsweise eine Studienbegleitung zu den frühen (Service-)Angeboten der Gewerkschaft. Weitere Angebote vieler Gewerkschaften betreffen auch Themen, die weit über das Tarifliche hinausgehen, beispielsweise zur Work-Life-Balance und Gesundheitsprävention.

Meist sei es eine akute Krise, in der Arbeitnehmer erstmals den Kontakt zur Gewerkschaft suchen. Seien es drohende Entlassungen, Lohnkürzungen oder die steigende Arbeitsbelastung in einem Betrieb. „Wer im Schlamassel steckt, spricht uns an“, berichtet Ludger Bentlage. Oftmals seien solche Krisensituationen auch die erste Auseinandersetzung mit den Themen Tarifpolitik, Arbeitsrecht und Mitbestimmung.

Läuft alles gut, braucht also niemand eine Gewerkschaft? Paul Zimmermann möchte diese Aussage so nicht im Raum stehen lassen. „Es ist aber schwerer, für unsere Anliegen zu werben, wenn keine aktuellen betrieblichen Themen anliegen“, sagt er. Beispiel Tarifpolitik: „‚Ich bekomme das ja doch‘, denken viele Arbeitnehmer, die nicht organisiert sind“, berichtet Ludger Bentlage.

Ein Trugschluss, findet Paul Zimmermann. „Jeder, der nicht Mitglied ist, schadet sich selbst. Je mehr Mitglieder eine Gewerkschaft hat, desto mehr kann sie tarifpolitisch und politisch erreichen.“ Viele vermeintliche Selbstverständlichkeiten wie die Ausbildungsvergütung oder 30 Tage Urlaub seien „Verbesserungen der Tarifpolitik“, bei der Gewerkschaften „maßgeblich beteiligt waren“.

Angesichts einer zurückgehenden Tarifbindung und einer steigenden Zahl von Werksverträgen sei es daher umso wichtiger, gewerkschaftlich organisiert zu sein. „Die Tarifverhandlungen in solchen Betrieben müssen die Kollegen selbst mit in die Hand nehmen“, erklärt Zimmermann. Und Arbeitnehmer und Arbeitgeber sollten sich „auf Augenhöhe begegnen“.

Aufgaben für die Zukunft gebe es ausreichend. Neben Leiharbeit und Werksverträgen seien flexiblere Arbeitszeiten ein Thema und auch die Frage, wie sich Arbeitnehmer beispielsweise besser um pflegebedürftige Angehörige kümmern können.

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