Düren/Aachen - „Gewalt im Internet ist echte Gewalt“: Mehr Regeln für das Netz!

„Gewalt im Internet ist echte Gewalt“: Mehr Regeln für das Netz!

Von: Valerie Barsig
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Jasna Strick ist Internetaktivistin und Feministin. Sie hat 2013 die #aufschrei-Debatte über Alltagssexismus mit initiiert. Der Hashtag wurde als erster mit einem Grimme Online Award ausgezeichnet. Foto: Valerie Barsig

Düren/Aachen. Schon seit sie etwa 13 Jahre alt ist, sei sie Feministin, sagt Internetaktivistin Jasna Strick. Die 27-Jährige lebt in Berlin, ist in Aachen geboren und in Düren aufgewachsen. Gerade war sie in Aachen, um einen Workshop zum Thema Netzfeminismus zu geben.

Strick ist Mitinitiatorin der #aufschrei-Debatte über Sexismus im Alltag. Für diesen Hashtag bei Twitter wurden sie und ihre Mitstreiterinnen mit dem Grimme Online Award 2013 ausgezeichnet. Strick bloggte allerdings schon als Schülerin. 2013 gründete sie dann auch ihren Blog „Der k_eine Unterschied“, auf dem sie Artikel zu Rassismus und Homofeindlichkeit veröffentlicht.

In diesem Jahr initiierte sie einen weiteren Hashtag: Nach den Ereignissen in Köln in der Silvesternacht gab sie mit weiteren Feministen und Feministinnen eine Stellungsnahme gegen sexualisierte Gewalt ab, den man unter #ausnahmslos bei Twitter findet. Im Interview spricht Strick über Gewalt im Netz, Feminismus und warum Deutschland in Sachen Internet noch rückschrittig ist.

Wir sollten über Stricken reden.

Strick: Während meiner Studienzeit habe ich Urban Knitting betrieben, vergangenes Jahr habe ich dazu sogar einen Kurs an der Uni in Jeddahin in Saudi Arabien gegeben.

Und wie kriegen wir jetzt den Bogen zum Feminismus?

Strick: Das ist gar nicht schwer. Urban Knitting fällt unter Street Art und ist eine Handwerkskunst, die vor allem von Frauen betrieben wird. Street Art ist eine bisher noch sehr männliche Kunstform und Urban Knitting könnte man damit als Raumeroberung der Straße von Frauen bezeichnen.

Und schon sind wir mitten im Thema. In Aachen hast Du gerade einen Workshop zum Thema Netzfeminismus gegeben. Am aktuellen Beispiel: ZDF-Reporterin Claudia Neumann kommentiert ein EM-Spiel und schon startet bei Twitter ein Shitstorm à la: „Darf die sich überhaupt außerhalb der Küche aufhalten“…

Strick: Ehrlich gesagt hat es mich nicht gewundert, aber sehr erschreckt. Da fragt man sich schon, in welcher Zeit wir eigentlich leben. Warum ist es ein Thema, dass eine Frau ein großes Sportereignis kommentiert – oder dass sie es nicht könnte? Béla Réthy finden ja auch nicht alle toll, aber er muss sich dann lediglich anhören, dass er seinen Job schlecht macht. Nicht, dass er in die Küche gehört. Kommentiert wurde Neumanns Auftritt übrigens überall im Netz, viele Kommentare gab es auch bei Facebook. Denn dort konnten die Menschen direkt an das ZDF und Neumann herantreten.

Hat das Internet Hass-Kommentare revolutioniert?

Strick: Hass-Kommentare sind nicht neu, aber durch das Internet können wir viel leichter auf sie zugreifen. Ich denke als Dagmar Berghoff als erste Frau Sprecherin der Tagesschau war, hat sie auch eine Menge kritischer Leserbriefe und Anrufe bekommen. Allerdings ist so etwas durch das Internet aus dem Geheimen geholt worden, denn das Netz bietet weniger Zugangshürden und alle können es einsehen. Es prägt das öffentliche Bild. Deshalb ist es wichtig, einem Shitstorm positive Kommentare entgegenzusetzen.

Auch Du bist Teil von – zum Teil heftigen – Internetkommentaren. Wie geht man damit um?

Strick: Mit Kritik kann ich leben, aber Mord- und Vergewaltigungsdrohungen sind einfach nur schlimm. Das hat dafür gesorgt, dass ich vorsichtiger geworden bin, mein Name nicht mehr an meinem Klingelschild steht und ich mir genau überlege, wem ich meine Telefonnummer gebe. Da ich mich sowohl beruflich als auch privat im Internet bewege, gibt es keine Möglichkeit, den Kommentaren dauerhaft zu entfliehen. Hate speech habe ich auch zu meinem politischen Thema gemacht, ich möchte Wege finden, wie man damit umgeht. Denn das Internet bildet sich als gesellschaftlicher Raum gerade noch aus. Leute im Internet können sich genauso nicht an Regeln halten, wie Menschen auf der Straße. Deshalb muss man Strategien entwickeln, wie man rechtlich, aber vor allem gesellschaftlich, mit ihnen umgeht.

An welche Grenzen stößt Du?

Strick: Man muss vielen Menschen erstmal erklären, dass Gewalt im Internet echte Gewalt ist. Gerade in Deutschland tun sich die Leute, die Entscheidungsmacht haben, schwer das Internet zu regulieren. Während der #aufschrei-Debatte haben wir viel Zeit damit verbracht, Menschen das Internet zu erklären und ihnen klarzumachen, dass zum Beispiel Twitter kein Forum ist, das man einfach zumachen kann. Auch dahingehend hat #aufschrei viel geändert.

Deutschland ist was Internet und Soziale Netzwerke angeht noch sehr rückschrittig. Dabei geht das Internet nicht mehr weg, denn es ist der größte Wissensspeicher unserer Zeit. Eine Verletzung per Mail ist genauso schlimm, wie ein Drohbrief auf Papier. Als ich Gewalt gegen mich im Netz bei der Polizei anzeigen wollte, sagte man mir, ich solle einfach meinen PC ausmachen. Da der aber nunmal die Grundlage meiner Arbeit ist, geht das nicht. Ein anderes Beispiel sind Hilfstelefone für Frauen, die Opfer von Gewalt wurden. Ich habe dort mal probeweise angerufen und gesagt, mir sei Gewalt im Internet widerfahren. Damit war man dort schlicht überfordert.

Das Internet wäre auch ein Medium, mit dem große Parteien ihr Nachwuchsproblem lösen könnten. Was geht in Deutschland schief?

Strick: Man merkt auch bei vielen feministischen Organisationen, die wichtige Arbeit vor Ort leisten, dass seit 20 Jahren immer die gleiche Person im Vorstand sitzen. Und die wundern sich, dass niemand nachkommt. Und wenn sie dann feststellen, dass es viele junge Männer und Frauen gibt, die sich als Feministen und Feministinnen bezeichnen und im Netz aktiv sind, wundern sie sich.

Dabei müssten sie uns einfach dort abholen, wo wir sind. Seit ein paar Tagen ist zum Beispiel auch Michelle Obama auf Snapchat. Dadurch bekommt man einen Zugang zu den Menschen. Die USA sind da wesentlich weiter als Deutschland. Hier gibt es dagegen viele schlecht moderierte Facebook-Seiten von Parteien und Organisationen.

Gerade die jungen Flügel der Parteien wollen so etwas aber ändern.

Strick: Ja, aber besonders in kleinen Städten, wie Düren spielen etablierte Machtstrukturen eine große Rolle. Die stehen den Jungen im Weg. Ich habe das selber bei Bewerbungen gemerkt. Wenn man an eine Organisation herantritt und denen sagt, dass man ihr komplettes digitales Auftreten ändern möchte, haben sie – obwohl sie etwas ändern wollen – ein Problem damit, sich von einer Frau unter 30 Jahren etwas über die Umstrukturierung ihrer Internetseite sagen zu lassen.

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