Geschichtswerkstatt: „Fundamentale Themen lagen 100 Jahre brach“

Von: Stephan Johnen
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Im 13. Jahrhundert begann die jüdische Ansiedlung in Düren. An die im NS-Terror zerschlagene Gemeinde erinnert der neue Friedhof. Rundgänge darüber bietet Ludger Dowe von der Geschichtswerkstatt an. Foto: Johnen
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Bernd Hahne ist Vorsitzender der Geschichtswerkstatt Düren.

Düren. Der Arbeitsauftrag war formuliert, bevor es die Geschichtswerkstatt Düren überhaupt gab: Mehr „Licht in dunkle Kapitel der Lokalhistorie“ wollten die Gründungsmitglieder um Armin Holewa, Peter Viehöver und Bernd Hahne bringen. „Wir haben uns stets als Korrektiv zur etablierten Geschichtsschreibung verstanden“, sagt Bernd Hahne, der Vorsitzende des Vereins. Nicht die Geschichte der Herrschenden, der Reichen und Könige stand im Mittelpunkt.

„Wir interessieren uns für die Geschichte von unten, die Geschichte der kleinen Leute, der Arbeiter“, erklärt der Historiker. Das war 1987 bei der Gründung so, das werde auch so bleiben. Jüngst wurde die Geschichtswerkstatt mit dem Horst-Konejung-Preis der „Konejung Stiftung: Kultur“ ausgezeichnet. Auch, weil die Mitglieder der Werkstatt hielten, was sie vor mehr als 25 Jahren versprachen: Sie wollten „heiße Eisen anpacken“.

Beispielsweise Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkriegs. „Die These lautete: ‚Das hat es nicht gegeben‘“, blickt Ludger Dowe von der Werkstatt zurück. In Zusammenarbeit mit Pax Christi traten die Mitglieder der Werkstatt den Gegenbeweis an, machten das Nicht-Thema zum Thema. Gleiches galt für die Spuren jüdischen Lebens in Düren, denen die Geschichtswerkstatt nachging und das so erlangte Wissen bündelte. Der Verein gab auch eine Broschüre heraus, die Erläuterungen zu den Rückriem-Stelen beinhaltet und die Kunst in den historischen Kontext einordnet. Seit 2005 gibt die Werkstatt ein Magazin („Spuren“) heraus, und sie ist personell eng mit dem Stadtmuseum verknüpft.

„Wir haben aber wie der Trägerverein des Stadtmuseums ein eigenes Profil“, betont Ludger Dowe. Die Geschichtswerkstatt habe sich mehr dem „forschenden Aspekt“ der Arbeit verschrieben. Ebenso gehören Stadtrundgänge und Führungen zum Repertoire. Ziel ist es, alle interessierten Bürger in die Arbeit einzubinden. Es sei nicht der Anspruch der Geschichtswerkstatt, alle Themen mit 1000 Fußnoten aufzubereiten. „Wir haben dennoch einen klaren wissenschaftlichen Anspruch“, sagt Bernd Hahne.

Es gehe darum, die Leute mit Themen zu packen, sie für Geschichte zu interessieren, sie dazu bewegen, in die Auseinandersetzung mit der Geschichte einzutauchen. Schritt für Schritt sollen Mitglieder an die wissenschaftliche Arbeit herangeführt, angeleitet und motiviert werden. „Fundamentale Themen der Stadtgeschichte lagen 100 Jahre brach. Wir setzen eher auf eine journalistische Aufbereitung“, sagt Hahne. Denn was nutze ein Text, wenn er nicht gelesen werde?

Und wie sieht es mit der Leserschaft aus? „Leute unter 50 werden Sie bei uns mit der Lupe suchen müssen“, sagt der Vorsitzende augenzwinkernd. Aber die Beschäftigung mit der Historie sei immer auch eine Frage der Lebensphase und des Lebensentwurfs. „So eine Arbeit braucht Zeit“, betont Hahne. Menschen, die ihre Zeit in der Geschichtswerkstatt verbringen möchten, gebe es seit 26 Jahren.

„Das Interesse an der Geschichte ist auch bei jüngeren Menschen da“, weiß Ludger Dowe aus vielen Begegnungen mit Schülergruppen. „Aber die Prioritäten, die gesetzt werden, setzen nicht unbedingt die Schüler und Lehrer selbst“, fügt Bernd Hahne mit Blick auf die Lehrpläne hinzu. Die Geschichtswerkstatt stehe für Kooperationen mit Schulen bereit, um beispielsweise Projekte der Lokalhistorie zu begleiten.

Um Themen für die Zukunft macht sich die Werkstatt keine Sorgen: Mit Blick auf die nächsten Ausstellungen im Stadtmuseum gelte es, den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Zeit und den Zweiten Weltkrieg aus Dürener Perspektive aufzuarbeiten. Auch die Geschichte der Sinti und Roma in Düren sei ein unbeschriebenes Blatt.

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