Geschichtsunterricht einmal ganz anders

Von: Tobias Röber
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Engagierte Jugendliche: Schül
Engagierte Jugendliche: Schüler der Europaschule arbeiten an einer Dokumentation der jüdischen Geschichte der Gemeinde Langerwehe mit.

Langerwehe. „Den hab ich schon mal gesehen!” Maria Theresia Gast, bei Freunden und Familie besser bekannt als Resi, lächelt bei diesem Satz - und schon ist das Eis gebrochen. Die 84-Jährige hat an diesem Tag Roberto LoCicero, Tom Weiß und Florian Freyer zu Besuch, die von der Langerweherin Marianne Henk begleitet werden.

Die drei Schüler der Gesamtschule Langerwehe sind Teil eines Projekts, bei dem die jüdische Geschichte der Gemeinde aufgearbeitet wird.

Die Idee zu diesem Projekt hatte Marie-Theres Jung, die Vorsitzende der Katholischen Frauengemeinschaft Langerwehe, die auch das Projekt Stolpersteine in der Gemeinde initiiert hat. Erst kürzlich wurden diese Stolpersteine in Langerwehe verlegt, die an die Schicksale der Juden erinnern.

Die Dokumentation geht noch darüber hinaus. „Das Thema passt jetzt sehr gut”, sagt Lehrer Frank Heppner, der das Projekt begleitet. Nationalsozialismus steht derzeit auf dem Stundenplan. „Für die Schüler ist das sehr interessant und eine prima Abwechslung”, sagt Heppner. Und er geizt nicht mit Lob für die Schüler: „Ich bin überrascht, dass sich so viele beteiligen.”

Neben Roberto LoCicero, Tom Weiß und Florian Freyer machen auch Maia Hamcic, Nina Schmitz, Anina Hirtz, Robin Ervens, Sabine Mangels, Swenja Krieger, Selin Bürger, Federica Mazzanti, Hannah Preuß, Lukas Hoven und Hendrik Labs bei dem Projekt mit. Marianne Henk, Marie-Theres Jung und Monika Hinzen begleiten die Gruppen.

Alle Schüler besuchen derzeit die zehnte Klasse. „Wir wollen das Projekt mit den Schülern weiterführen, die in der Oberstufe hier weitermachen”, erklärt Heppner. Wann die Dokumentation fertig ist, steht längst nicht fest. Einen festen Termin gibt es auch nicht. Viele Interviewtermine sind noch nötig. Das merken auch Roberto, Tom und Florian beim ersten Treffen mit Resi Gast. Die fröhliche Rentnerin ist mit ihren Notizen mindestens ebenso gut vorbereitet wie die Schüler mit ihrem Interviewleitfaden. Und sie hat natürlich jede Menge zu erzählen. Dennoch sind es keine leichten Gespräche. Für beide Seiten.

„Da kommt natürlich vieles wieder hoch”, weiß Marie-Theres Jung. Die Schüler bekommen ebenfalls einen ganz anderen Zugang zu dem Thema als lediglich aus dem Geschichtsbuch. „Es ist sehr interessant, von Augenzeugen zu hören, wie das damals aus ihrer Sicht war. Vieles kann ich mir jetzt besser vorstellen. Ich habe Gänsehaut bekommen, als eine Frau von den Bombenangriffen gesprochen hat. Ich bin sehr froh, dass ich an diesem Projekt teilnehme”, sagt Nina Schmitz und erntet Zustimmung der übrigen Schüler.

Resi Gast hat viel erlebt in ihrer Jugend. Sie erzählt, dass sie mit jüdischen Kindern wie selbstverständlich gespielt hat. Berührungsängste? Von wegen! Auch später erlebte sie Interessantes. Im familieneigenen Café gab es sogar ein Wiedersehen mit jüdischen Mitbürgern. Sie erinnert sich, wie sie „bei den Höxters gespielt hat” und ergänzt mit einem Lächeln: „Da gab es immer eine Tafel Schokolade.”

Ebenfalls erzählt sie den Schülern, dass Kinder damals den Juden Lebensmittel brachten, als diese schon schikaniert wurden. „Wir Kinder wurden nicht kontroliiert”, sagt Resi Gast. Auch an Lebensmittelpreise zu dieser Zeit kann sie sich noch gut erinnern. „Vier Brötchen kosteten zehn Pfennig, einen Korb Lebensmittel gab es für drei Mark”, erzählt sie. Das Projekt findet sie sehr gut. „Das hätte nur 30 Jahre eher gemacht werden müssen”, moniert sie.

Resi Gast ist längst nicht die älteste Interviewpartnerin. Hilde Klug zum Beispiel ist 90 Jahre alt, Gertrud Stein 92 Jahre alt. Weitere Interviewpartner kommen nach wie vor dazu, auch Resi Gast nennt gleich mehrere Gesprächspartner. Marie-Theres Jung, Marianne Henk und Monika Hinzen knüpfen stets die ersten Kontakte, dann sind die Schüler an der Reihe.

Ganz zum Schluss des Interviews fragt Resi Gast Robert LoCicero, woher er denn eigentlich kommt. Aus Langerwehe stammt er nicht. „Ja, dann kenn ich ihn auch nicht”, sagt sie, lacht wieder, und nimmt Abschied von den Jugendlichen. Bis zum nächsten Interviewtermin.

Wer ebenfalls Erinnerungen an das jüdische Leben rund um den Zweiten Weltkrieg in der Gemeinde Langerwehe hat und interviewt werden möchte, kann sich bei Marie-Theres Jung (Tel. 02423/ 1339) melden.
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