Düren - Geschichte und Geschichten aus dem Burgauer Wald

Geschichte und Geschichten aus dem Burgauer Wald

Von: Ingo Latotzki
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Stadtförster Andreas Nießen an einer alten Eiche, die heute eine Art Naturdenkmal ist. Früher, als der Baum noch stand, pilgerten Menschen zu dieser Marieneiche im Burgauer Wald. Foto: Ingo Latotzki
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Am Waldrand gab es ein Munitionsdepot, das längst abgerissen ist. Allmählich überwuchert Gras die Asphaltflächen. Foto: Ingo Latotzki
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Diese Eiche soll mehr als 200 Jahre als sein. Foto: Ingo Latotzki
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Wasser marsch: Im Wald gibt es eine Quelle. Foto: Ingo Latotzki

Düren. An einem Morgen im Dezember steht Andreas Nießen im Nieselregen auf einem Stück Asphalt, das schon bessere Tage gesehen hat. Es liegt am Rand des Burgauer Waldes und wird bald nicht mehr zu sehen sein, wenn die Natur weiter um sich greift. Nießen steht da, wo bis Anfang der 2000er Jahre ein Munitionsdepot der ehemaligen Panzerkaserne lag.

„In ein paar Jahren sieht man hier nichts mehr“, sagt Dürens Stadtförster und schaut rüber auf den Wald. Jetzt, wo die Natur wegen des Winters schläft, sieht alles ein bisschen trostlos aus.

Im Sommer ist das anders: Der Wald, rund 400 Hektar groß, ist ein Naherholungsgebiet und bietet neben den bekannten Ausflugspunkten wie Schloss Burgau kilometerlange Wanderwege, einen Trimmpfad, einen Waldlehrpfad und einige Punkte, die womöglich nicht so bekannt sind.

Der Wald erzählt, wie sich das für einen Wald gehört, Geschichten und Geschichte. An der Ostseite gibt es eine Motte, gegenüber auf der westlichen Seite liegt der sogenannte Trümmerberg, ein zehn Meter hoher Hügel, in dem Düren begraben liegt. Bis Ende der 50er Jahre wurden auf dem Platz an der Nideggener Straße Tausende Tonnen Schutt abgeladen, Schutt, den der Krieg nach dem Bombenangriff am 16. November 1944 hinterlassen hatte. Es gibt überdies die Sage von der Hexe Hackefey, die Geschichte um eine 100 Jahre alte Eiche, die als Pilgerstätte diente, und es gab – am Waldrand – ein Denkmal, das den hübschen Namen „Elefantenklo“ trug.

Andreas Nießen kennt diese Punkte alle. Als Förster ist er jeden Tag im Wald und sieht, wenn man so will, nach dem Rechten. Davon hat er schon als Junge geträumt, er ist häufig auf dem Bauernhof seiner Großmutter gewesen und hat so seit Kindesbeinen an einen starken Bezug zur Natur. Nießen ist seit knapp zwei Jahren im Amt, es ist sein erster richtiger Job als Förster, nachdem er in Göttingen einen Bachelor-Abschluss in Forstwirtschaft gemacht hat. Dass Förster heute studierte Leute sind, ist eine Selbstverständlichkeit. Nießen kennt jedes Tier und jeden Baum im Wald, er weiß aber auch, wie die Vermarktung des Holzes funktioniert, der Wald ist schließlich auch ein Wirtschaftsfaktor für die Stadt Düren.

Wenn auch kein besonders lukrativer, weil die Kosten, die aufgebracht werden müssen, um den Wald als Naherholungsgebiet zu erhalten, höher sind als die Einnahmen aus dem Holzverkauf. Nießen fährt mit seinem Geländewagen an einem Stapel gefällter Pappeln vorbei. Aus dem Holz wird Laminat gemacht, sagt er. Es ist nicht besonders hochwertig. Überhaupt hat der Burgauer Wald keinen so guten Ruf, wenn es um die Qualität des Holzes geht.

Das liegt an den vielen Splittern, die in den Bäumen stecken. Spuren des 2. Weltkrieges. Allmählich ändert sich das Bild, weil in den Jahrzehnten danach Bäume nachgewachsen sind und nachwachsen. Das gehört auch zu den Aufgaben eines Försters: Im Burgauer Wald werden jedes Jahr um die 10.000 Bäume neu gepflanzt. 10.000 Festmeter werden gerodet und verkauft. Unter dem Strich werde nicht mehr gefällt als nachwächst, sagt Nießen. „Wir arbeiten nachhaltig.“

Wenn er im Wald unterwegs ist, wandern seine Augen. Welche Wege müssen von Laub und Ästen geräumt werden, welche Bäume stellen eine Gefahr dar, weil sie umkippen oder Äste abbrechen könnten? Welche Bäume können gefällt werden, weil ihr Holz sich verkaufen lässt? Nießen und seine fünf Kollegen im Wald markieren dann die Stämme, gerne mit einer grellen Farbe. Sie schauen aber auch, wie sich das Wachstum im Wald entwickelt und wo Bäume geschnitten und neu gesetzt werden müssen. Im Fachjargon heißt das: Durchforstung.

Ein Förster von heute sitzt aber auch am Schreibtisch. Nießen hat ein Büro in einem Holzhaus auf dem Gelände der alten Stadtgärtnerei an der Valencienner Straße. Auf dem Schreibtisch liegt ein 250 Seiten starkes Buch, die sogenannte Forsteinrichtung. Sie ist das Handbuch für den Wald und wird alle zehn Jahre neu erarbeitet. Für die einzelnen Abschnitte des Waldes ist zum Beispiel aufgeführt, welche Bäume wachsen und wie sich einzelne Gebiete entwickeln können oder sollen.

Zur Geschichte des Waldes gibt es keine Unterlagen, niemand kann deshalb genau sagen, wie alt der Wald ist. Nießen schätzt das Gebiet auf um die 400 Jahre, einzelne Bäume, die heute noch stehen, sind zwischen 200 und 300 Jahre alt, meist Eichen. Jetzt kommt er an einer Buche vorbei, die angeblich ein Grenzbaum aus der Zeit Napoleons gewesen sein soll. Das Rheinland war von 1794 bis 1814 in französischer Hand.

Ein Stück nur entfernt sprudelt Wasser aus dem Boden: eine Quelle. Das Gelände ringsum wurde im Lauf der Jahrzehnte ausgehöhlt, ein Rinnsal bahnt sich seinen Weg, wird unter dem Hauptweg weitergeleitet und fließt abwärts. Unmittelbar neben der Quelle steht ein alter, mit Moos besetzter Mauerrest. Was es damit auf sich hat, ist unbekannt.

Der Wald bietet einige Geheimnisse: Ob es zum Beispiel tatsächlich die Hexe Hackefey gegeben hat, die auf Geheiß des Teufels versuchte, ein vor Jahrhunderten auf Schloss Burgau lebendes Grafenpaar auseinanderzubringen, ist unbekannt. Sonst wäre es keine Sage. Dem Teufel war es angeblich ein Dorn im Auge, dass Graf und Gräfin harmonisch zusammenlebten. Hackefey sponn eine Intrige und behauptete dem Grafen gegenüber, seine Gemahlin sei nicht treu. Der Graf brachte die Gräfin um, und als er merkte, dass er einer Intrige aufgesessen war, richtete er sich selbst. Soweit die Sage.

Als Belohnung für ihre Tat bekam die Hexe vom Teufel ein Paar goldene Pantoffeln, die auf einer Mistgabel überreicht wurden. An der Hauptburg von Schloss Burgau hängt heute noch ein Relief, das diese Szene zeigt.

Förster Nießen kennt die Geschichte natürlich. Aber er lebt im Hier und Jetzt und weiß auch nicht, ob sich vor Jahrhunderten im Burgauer Wald mal Teufel und Hexe die Hand gaben. Aber er weiß, welche Tiere im Wald leben: Rehe, Wildschweine, Dachse, Füchse und Steinmarder. Elefanten sind noch nicht gesichtet worden, auch wenn es am Waldrand einst ein Denkmal gab, das den hübschen Namen „Elefantenklo“ trug. Für das Denkmal wurde 1938 der Grundstein gelegt, es sollte an die 700 im Ersten Weltkrieg gefallenen Dürener erinnern. Vollendet wurde es nie. Es wurde im Zweiten Weltkrieg beschädigt und stand bis Mitte der 1970er Jahre als Ruine an der Panzerstraße. Dann wurde es abgerissen, weil in der Gegend das Neubaugebiet Wibbelrusch/Grüner Weg/Fuchsberg verwirklicht werden sollte.

Das liegt ganz in der Nähe des ehemaligen Munitionsdepots, das Stadtförster Nießen an diesem regnerischen Dezembermorgen besucht hat. Er lässt seinen Hund kurz aus dem Auto und fährt wieder los.

Zurück in den Wald, der für ihn Arbeitsplatz ist wie für andere der Schreibtisch im Büro.

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