Düren - Gerade im Paradies hat alles seine Ordnung

Gerade im Paradies hat alles seine Ordnung

Von: Stephan Johnen
Letzte Aktualisierung:
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Im Kleingarten hat alles seine Ordnung - nur so kann aus einem Stückchen Land ein Stückchen des Paradieses werden. Foto: Stephan Johnen

Düren. Es hat handfeste und klar verbriefte Vorteile, als schwarze und nicht als rote Johannisbeere in einem Kleingarten aufzuwachsen. Stachelbeergewächsen mit roten Früchten stehen beispielsweise nur 2,25 Quadratmeter Standfläche zu.

Die schwarzen Beeren können sich auf 4,50 Quadratmetern entfalten. Sofern die Hecken, die die Parzelle umschließen, eine Höhe von einem Meter nicht überschreiten - und eventuell aufgestelltes Spielgerät für Kinder die Europa-Normen Nummer 1176 und 1177 erfüllt. Soweit alles klar? Fertig zum Test?

Grünes Geburtstagskind

Ja, ein Blick in die 13 Seiten starke „Garten- und Bauordnung” der Stadt Düren offenbart, dass auch im staatlich anerkannten Kleingartenwesen neben Stachelbeeren, Kartoffeln und Petunien auch Paragraphen üppig wuchern. Alles ist geregelt - nur Niederschlag und Sonnestunden bleiben dem Zufall überlassen.

Wer Vorurteile über Kleingärtner sucht, sollte die Sache mit den Gartenzwergen auf jeden Fall vergessen. Es gibt sie kaum noch, sie stehen bald auf der Liste der bedrohten Arten.

Die vermutlich irgendwo existierende Regelung zur Anzahl der Maschen pro laufendem Meter Maschendrahtzaun wäre eine viel fruchtbarere Quelle für Scherze. Wenn denn jemand so etwas wollte. Denn zwischen akkuraten Zäunen und der städtischen Gartenordnung blühen vor allem zwei Dinge: Freiheitsliebe und Naturverbundenheit. Klingt etwas pathetisch, dürfte aber stimmen.

Johann Bauer ist der lebende Beweis. Er ist Vorsitzender der Gartenanlage an der Blücherstraße, die an diesem Wochenende ihren 50. Geburtstag feiert. „Irgendwie muss ja alles seine Ordnung haben”, sagt Bauer mit Blick auf die Verordnungen. Auch im Gartenparadies. Vermutlich dort ganz besonders.

Der Vorsitzende wischt das Thema vom Gartentisch. Mit Händen, denen man die Arbeit im Garten ansieht. Kräftig genug, um bei Bedarf einen Baum auszureißen, sanft genug, um einen Blütenkelch zu liebkosen. So sehen die Hände von Johann Bauer aus, der in naher Zukunft 86 Jahre alt wird. „Die Gartenarbeit hält fit”, sagt er. Niemand würde daran zweifeln.

Bauer und seine Kollegen aus dem Vorstand sind stolz auf die Gärten. Es gibt nichts, was an der Blücherstraße nichts wächst, sagen sie. Nun, außer Heidelbeeren und Blaubeeren. „Dafür ist hier der falsche Boden”, erklärt Johann Goldfinger. „Goldfinger - wie aus James Bond”, stellt er sich vor - und grinst. Der 63 Jahre alte Gartenfreund kam als Spätaussiedler nach Deutschland, pflanzte bereits in Kasachstan Obst und Gemüse. „Ich kenne das nicht anders”, sagt er.

Mittlerweile sind Dreiviertel der Anlage an Menschen mit sogenannten Migrationshintergrund verpachtet. „Fleißige und aufrechte Menschen”, lobt der Vorsitzende. Integration über den Maschendraht hinaus sozusagen. Einzelkämpfer gebe es unter Gartenfreunden nicht. Gute Ergebnisse, gute Ernten gebe es nur am Team.

Zudem ist es hilfreich, wenn Gärtner einen grünen Daumen haben. Johannes Goldfinger hat einen. Eine goldene Nase verdient er sich wie alle Kleingärtner nicht mit seinem Obst und Gemüse - sie bauen die Produkte ausschließlich für die eigene Küche an. Am Wochenende kommen die Kinder vorbei - und die Enkel toben über den Rasen.

Johann Bauer setzt den Rundgang fort, Kies knirscht unter den schweren Schuhen der Gartenfreunde. „Das Spalierobst ist unsere Spezialität”, verweist Johannes Gruber im Vorbeigehen auf die in Form geschnittenen Obstbäume. 40 Parzellen gibt es in der Anlage, kaum eine ist ohne Spalierobst. Irgendwann hat jemand damit einmal angefangen. Wann genau weiß selbst Gruber nicht - und er ist mit 40 Jahren Gartenbautätigkeit der Dienstälteste.

„Hier arbeitet ein Gärtner, der jeden Tag mit seinen Blumen spricht”, sagt Johann Bauer, als sich die Gruppe erneut stoppt. „Das ist der Garten von meinem Sohn.” Es muss in denen Genen liegen. Der Großvater hat bereits einen Kleingarten bestellt, der Vater tut es - und auch der Sohn wird die Tradition fortführen. Kein schlechter Gedanke, findet Johannes Bauer. Und die Zukunft?

„Es gibt noch Leute, die sich dafür interessieren”, sagt Johannes Gruber. Nur jünger als 40 ist kaum jemand im Verein. „Die Leute sind so geschlaucht von der Arbeit im Beruf, da bleibt keine Kraft für den Garten”, mutmaßt Gruber. Seine Frau Ursel hat eine andere Theorie: Wer Tiefkühlgemüse kauft, braucht keine frischen Zutaten anzubauen.

Wilfried Broichgans hätte an dieser Stelle mit den Ohren geschlackert. Der Hobbykoch, der als Drucker bei der Stadt Düren arbeitet, hat jüngst einen Pachtvertrag für einen Kleingarten unterschrieben, in der Anlage „Zum fröhlichen Gärtner”, einer der insgesamt sieben Dürener Vereine.

Seit Jahren denke Broichgans darüber nach, Gartenfreund zu werden. Jetzt, kurz vor dem Wechsel in den Ruhestand, erfüllt er sich seinen Traum.

„Ich bin ein Naturmensch. Ich brauche das. Mir macht das Spaß”, erklärt Johannes Gruber. Sicher, Gemüse anzubauen, sei harte Arbeit. „Aber wir nennen die Arbeit Hobby”, sagt er. Und noch etwas fällt ihm ein: Alles rennet, rettet flüchtet in der Welt außerhalb der Hecken. „Hier ist Ruhe!”, versichert Gruber. Und das nicht nur, weil es die Gartenverordnung zwischen 13 und 15 Uhr so will.
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