Fußballemotionen nah am Herzinfarkt

Von: Kevin Teichmann
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Gerd Suhr: „Das war ein tolles Publikum. Zum Elfmeterschießen haben sich alle in den Arm genommen. Sowas habe ich noch nicht erlebt.“ Foto: Kevin Teichmann
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Und dann ging das große Zittern los: Die Zuschauer zwischen Hoffen und Bangen...
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...und dem erlösenden Jubel nach dem Siegtreffer von Elfmeterschütze Jonas Hector.

Düren. Lautstark jubelnd zogen unzählige Dürener durch die Viertel ihrer Stadt. Vorbeifahrende Autofahrer hupten beim Autokorso, ließen die Fenster runter und schrien ihre Freude heraus. Am Straßenrand flankierten Deutschland-Flaggen ihren Weg. Der Fluch ist gebrochen. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft kann doch in Pflichtspielen gegen Italien gewinnen.

Der Krimi fand seinen Höhepunkt also im Elfmeterschießen. Zahlreiche Zuschauer hatten ihn live beim „Public Viewing“ auf dem Kaiserplatz am Großbildschirm verfolgt. Gebannt schaute man auf DFB-Torwart Manuel Neuer. Würde er zum Helden werden? Es entwickelte sich der wohl packendste Elfmeter-Krimi aller Zeiten – mit dem glücklicheren Ende für die DFB-Elf.

Jonas Hector versenkte als neunter (!) Schütze den entscheidenden Schuss vom Punkt, Neuer hielt zwei Elfer. Zwei weitere italienische Versuche gingen am Tor vorbei. Deutschland leistete sich „nur“ drei Fehlschüsse. „Ich stand kurz vor dem Herzinfarkt. Das war das krankeste Elfmeterschießen, das ich je gesehen habe. Aber ich glaube, dass ein Sieg nach Elfmeterschießen nie so verdient war“, jubelte Angelino Klibisch.

Ilkan Derin, ein Italien-Fan, saß geknickt auf dem Boden: „Es tut weh. Im Elfmeterschießen ist auch immer ein wenig Glück dabei. Jetzt drücke ich aber Deutschland die Daumen.“ Und Engin Bozkurt konnte gar nicht fassen, was da gerade geschehen war: „Das war nichts für schwache Nerven. Jetzt geht es noch zum Autokorso, um diesen denkwürdigen Sieg zu feiern!“ Dass er dort mit anderen Deutschland-Fans so ausgelassen feiern durfte, war allerdings lange nicht absehbar. Für ihn war aber eins schon vor der Partie klar: „Egal, wer das Spiel hier gewinnt – dieses Team wird Europameister!“

Veranstalter Gerd Suhr war voll des Lobes: „Das Publikum war toll. Die Stimmung war sehr angespannt und nach dem 1:1 waren alle wie im Starrzustand und es ging die Angst um.“ Was er auf dem Kaiserplatz aber noch nie erlebt hat: „Zum Elfmeterschießen haben sich alle in den Arm genommen, so als ob sie es wie die Mannschaft gemeinsam durchstehen wollten.“

Vor dem Spiel hatte Ilkan Derin auf ein 2:1 für Italien getippt. „Ich tippe auf Graziano Pellè und Emanuele Giaccherini als Torschützen für die Italiener.“ Das Gros der Zuschauer auf dem Kaiserplatz war natürlich anderer Meinung. „Deutschland hat insgesamt das bessere Team. Offensiv wie defensiv und wir haben den besseren Torhüter – Gigi Buffon ist ein bisschen in die Jahre gekommen. Ich tippe auf ein 2:0 für Deutschland dank Toren von Thomas Müller und Toni Kroos“, lachte Angelino siegessicher.

Und auch Dürens stellvertretende Bürgermeisterin Carmen Heller-Macherey hoffte im Vorfeld auf einen Erfolg der Deutschen: „Die Italiener erwischen heute einen schlechten Tag.“ Es kam anders. Taktik prägte die Begegnung. Ein erstes kollektives Aufstöhnen beim nicht anerkannten Tor von Sebastian Schweinsteiger. Dann der unfassbare Jubel zum 1:0 beim Tor von Mesut Özil. Auf dem Kaiserplatz brachen die Dämme.

Auch in der Folgezeit drohte keine Gefahr von den Italienern auszugehen. Bange Blicke auf die Uhr. Sollte es Deutschland endlich gelingen, gegen Italien zu gewinnen? In 90 Minuten jedenfalls nicht, denn Boateng spielte das Leder im eigenen Strafraum mit der Hand – Strafstoß für Italien. Leonardo Bonucci traf zum 1:1. Es ging also in die Verlängerung.

„Ich bin ehrlich, Deutschland hätte den Sieg verdient“, sagte Ilkan da schon leise, während die Waden der Akteure in Bordeaux noch einmal ausgeschüttelt wurden. Auch die Verlängerung brachte keinen Sieger hervor. Und so musste Deutschland erst noch die nervenaufreibende Elfmeter-Lotterie überwinden, um sich so intensiv, wie in Düren, feiern zu lassen. Angemerkt

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