Für drei Wochen als Deutschlehrer nach Russland

Von: Stephan Johnen
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Die Koffer sind gepackt, des Streckennetz der Moskauer U-Bahn trägt er als T-Shirt und die Fellmütze ist ein erprobter Reisebegleiter: Christian Runkel bricht nächste Woche in den Partnerbezirk des Kreises Düren Mytischtschi auf. Foto: Johnen

Kreis Düren/ Mytischtschi. Es war klar, dass es einmal so kommen würde. „In Deutz fängt der Bolschewismus an“, pflegte der frühere Kölner Oberbürgermeister und spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer immer zu sagen. Will heißen: Die „Schäl Sick“ ist schon Russland. Kaum verwunderlich also, dass Christian Runkel, der lange Zeit am Dürener Gymnasium am Wirteltor unterrichtete, schon in frühester Jugend seine Liebe zu Russland entdeckte.

Der heute in Merzenich lebende 60-Jährige wurde schließlich in Rösrath geboren und ging in Deutz aufs Gymnasium. Am kommenden Dienstag steigt Runkel in den Flieger, um sich auf den Weg nach Mytischtschi zu machen, dem russischen Partnerbezirk des Kreises Düren. Dort will der Pädagoge Deutsch unterrichten, am Gymnasium Nummer 17. Das stimmt doch, Herr Runkel?

Beinahe. Vom 15. Januar bis 5. Februar wird der Merzenicher den Deutschunterricht seiner russischen Kollegin Elena Nigyan unterstützen. Der Kontakt kam bei einem Austausch des Gymnasiums am Wirteltor mit der russischen Schule unter Schirmherrschaft des Kreises Düren und des Bezirks Mytischtschi zustande (wir berichteten). Doch die Genese der Liebe zu Russland kann nicht mit Adenauers politischen Ansichten erklärt werden. Ganz im Gegenteil. Es war die Musik, die den jungen Christian Runkel in ihren Bann zog. Nicht der Gassenhauer „Moskau“ von „Dschingis Khan“, sondern Volkslieder, die den Charme hatten, dass er die Texte nicht verstand. Anreiz genug, sich der Sprache und der Kultur des Landes zu widmen. Als sich während der Schulzeit die Frage „Französisch oder Russisch“ stellte, musste Runkel nicht lange überlegen.

1970 setzte er das erste Mal seinen Fuß auf russisches Staatsgebiet. Moskau und Leningrad standen für den Schüler und seine Klassenkameraden auf dem Programm. „Mit einem Lehrer, der kein Wort Russisch sprach“, erinnert sich Christian Runkel. Der eigentliche Russisch-Lehrer fuhr nämlich vorsichtshalber nicht mit. Die Reise mit dem Zug führte schließlich durch die damalige DDR – und auf dieser Transitstrecke wollte der aus der Deutschen Demokratischen Republik in den Westen geflohene Lehrer nicht unterwegs sein. Für Christian Runkel war es eine Reise voller kultureller Eindrücke. Politisch war es weniger angenehm, auf Schritt und Tritt von stummen Staatsdienern begleitet zu werden.

Die Schallplatten mit Gesamtaufnahmen russischer Opern, die es in Deutschland nicht zu kaufen gab, bildeten den Grundstock einer Sammlung, die noch heute wächst. Als Runkel später noch einmal als Sport- und Russisch-Student mit seinen Eltern während einer Kreuzfahrt einen Abstecher nach Odessa und Jalta unternahm, kaufte er eine Fellmütze. Es folgten im Lebenslauf, stark verkürzt: Ein Sport- und Russischstudium und als Diplom-Sportlehrer ein Biologiestudium.

1976 dann kam Christian Runkel als Sport- und Biologielehrer ans Wirteltorgymnasium. Doch seine Liebe zu Russland sollte er bei Austauschen mit Moskau (1998) und ab dem Jahr 2000 alle zwei Jahre beim Austausch mit einer Schule in St. Petersburg kultivieren können. „Es waren Abenteuer“, blickt Runkel zurück. Abenteuerlich war schon die Zugfahrt, noch abenteuerlicher war aber – zumindest aus Sicht der deutschen Schüler – die Unterbringung bei Familien in St. Petersburg.

Das erste, was die Teilnehmer lernten: Die Standards waren nicht vergleichbar. Die sprichwörtliche russische Gastfreundschaft hingegen war offenbar überwältigend. Während dieser Austausch alle zwei Jahre stattfindet, kam im Jahr 2011 der erste Austausch zwischen dem Moskauer Bezirk Mytischtschi und dem Wirteltorgymnasium hinzu. Um diese Zeit reiften auch die Überlegungen Christian Runkels, in der Freistellungsphase der Altersteilzeit, einmal in Russland Deutsch zu unterrichten.

Sein Anliegen teilte er dem Kreis mit – und aus Düren ging ein Brief an die russische Bezirksverwaltung auf die Reise. Als Antwort kam eine Einladung aus Mytischtschi, die Christian Runkel gerne annahm. Wenn er am Dienstag losfliegt, dann nicht ohne Gastgeschenke. Im Koffer müssen Konversationslexika ebenso Platz finden wie „Kriminalgeschichten für Ausländer“, klassische Erzählungen in russischer und deutscher Sprache sowie weiteres Unterrichtsmaterial, das er auch seiner Kollegin zur Verfügung stellen möchte.

Was er sich vom Unterricht erhofft? „Ich hoffe, wieder mehr Russisch sprechen zu können“, sagt Runkel augenzwinkernd. Gleichzeitig möchte er die Schüler in angeregte Gespräche verwickeln. „In Russland wird sehr traditionell unterrichtet“, weiß der Lehrer. Will heißen: Es wurde viel auswendig gelernt. Ganz oben auf dem Unterrichtsplan steht daher die freie Konversation.

Und nach dem Verklingen des Schulgongs sollte sich ebenfalls keine Langeweile einstellen: Moskaus Innenstadt ist mit dem Zug in 45 Minuten gut zu erreichen, für Museen und Sehenswürdigkeiten reichen drei Wochen kaum aus. Und auch die ein oder andere Opernaufnahme möchte sicher noch entdeckt werden. Vor der klirrenden Kälte hat er keine Angst: Die Fellmütze, die er als Student erwarb, begleitet ihn.

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