Friedhofsführung: Steinerne Zeugen des sozialen Wandels

Von: Ines Kubat
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Engel mit verblühter Rose: Auf dem Dürener Friedhof an der Kölnstraße zeigt sich der einstige Reichtum Stadt. Bürger ließen aufwändige Grabsteine herstellen – aber erst nachdem die strenge Friedhofsordnung der Gründerfamilie gelockert wurde. Foto: Ines Kubat
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Stadtführer Gerd Flemig und Biologin Doris Unsleber (im Bild) führen über den Friedhof an der Dürener Kölnstraße: Er redet über die Geschichte, sie über die Pflanzenwelt. Foto: Ines Kubat
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Stadtführer Gerd Flemig (im Bild) und Biologin Doris Unsleber führen über den Friedhof an der Dürener Kölnstraße: Er redet über die Geschichte, sie über die Pflanzenwelt. Foto: Ines Kubat

Düren. Friedhöfe vermitteln häufig ein bedrückendes Gefühl. Sie erinnern an den Tod geliebter Menschen und machen die Endlichkeit des Lebens bewusst. Dass Friedhöfe aber nicht nur vom Tod, sondern auch vom Leben erzählen und selbst Ursprung neuen Lebens sind, das vermitteln der Stadtführer Gerd Flemig und die Biologin Doris Unsleber in einer besonderen Führung über den Dürener Friedhof an der Kölnstraße.

„Dieser Friedhof ist ein Kleinod“, beginnt Flemig die Führung vor rund 50 Interessierten. „Es ist ein Wunder, dass der Ort im Zweiten Weltkrieg von Bomben verschont blieb. Denn so gibt er uns noch heute Aufschluss über den einstigen Reichtum der Stadt.“ Und tatsächlich zeugen einige Prachtgräber von der Dürener Gesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts. Schließlich hatte die Stadt „einst die größte Millionärsdichte in ganz Deutschland“, erinnert der Stadtführer.

1825 wurde der Friedhof an der Königsstraße von Rudi Schenkel gestiftet. Familie Schenkel war protestantisch – eine Konfession, die in der damaligen Gesellschaft keinen einfachen Stand hatte, wie der Stadtführer erläutert: Als Minderheit durften Protestanten beispielsweise nicht auf katholischen Friedhöfen beigesetzt werden. Also ließ Schenkel schließlich einen protestantischen Friedhof errichten.

Noch heute erinnert das zentrale Grab am Eingang an die Stifterfamilie: Die hohe Frauenfigur „ist eine Allegorie auf die Hoffnung“, erklärt Flemig. „Es ist die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod“. Gleichzeitig zieren viele Symbole der Vergänglichkeit den steinernen Koloss: die Sanduhr als Zeichen für die Endlichkeit des Lebens beispielsweise, oder der Schmetterling, der für die Metamorphose vom Leben bis zum Tod stehe.

Flemig spielt den Ball zur Biologin Unsleber: „Ein Friedhof hat ökologisch gesehen eine große Bedeutung in der Innenstadt. Er ist –neben den Parks – eine grüne Lunge in urbanem Gebiet.“ Wenn man genau hinschaue, entdecke man auf vielen Friedhöfen dieselben Pflanzen.

Friedhofspflanzen haben ganz eigene Funktionen und transportieren Symboliken: „Da sind zum Beispiel die immergrünen Pflanzen“, sagt Unsleber und greift in eine Efeuranke. „Der Efeu ist ein typisches Friedhofsgewächs, weil er auch im Winter grün ist und damit Erneuerung, Beständigkeit und das immerwährende Leben ausdrückt.“ Sein Durchhaltevermögen sei einem „biologischen Frostschutz“ zu verdanken.

Flemig übernimmt an dieser Stelle wieder und erklärt, warum manche alte Gräber sehr schlicht und andere reich verziert sind: „Die Gründerfamilie Schenkel hatte das Recht, die Friedhofsordnung festzulegen.“ Für Protestanten galt es damals als tugendhaft, ein bescheidenes Leben zu führen, sagt Flemig. Genau das sehe man an vielen Gräbern, die kurz nach Eröffnung des Friedhofs geschaffen wurden: zum Beispiel am Grab der Mutter der Stifterin, die 1832 gestorben ist. Sie war eine reiche Frau, ihr Grab allerdings wird noch heute von einem schlichten Stein geziert.

Die strengen Regeln der Beisetzung wurden allerdings peu à peu immer weiter gelockert, so dass auch bald verschiedene Verse und andere Verzierungen an und um die Grabsteine zu erkennen sind. „Damals wählte man allerdings weniger sakrale Sprüche, sondern eher humanistisches Gedankengut für Grabsteine“, sagt Flemig: Es sei ein Zeichen für das aufgeklärte Bürgertum.

Am Grab von Adele Schoeller ließe sich bereits der gesellschaftliche Wandel innerhalb des 19. Jahrhunderts erkennen: Das Bürgertum wollte nun mehr denn je den eigenen Reichtum zeigen – und zwar auch auf dem Friedhof. Also engagierten die Schoellers einen damals bekannten Bildhauer, der einen klassizistischen Engel mit verblühter Rose für das Grab der jung verstorbenen Unternehmertochter fertigte.

Auch die Bäume des Friedhofs erzählen ihre Geschichte, weiß wiederum die Biologin: Die Esche beispielsweise werde dort gerne gepflanzt, weil sie in vielen Religionen als „Weltenbaum“ bekannt sei, sagt Unsleber: Die drei Hauptwurzeln repräsentieren dem alten Glauben nach: die Menschen, den Tod und das Jenseits.

Auch viele Mitglieder der in Düren bekannten Familie Hoesch liegen an der Kölnstraße begraben. Unternehmer Leopold Hoesch ist „noch heute als vorbildhafter Charakter, der viel bewegt hat, bekannt“, weiß der Stadtführer. Sein Grab, ein Obelisk mit einer trauernden Frau soll an seinen Einfluss erinnern: „Die Löwenfüße am Boden des Grabes symbolisieren Kraft und Macht von Leopold Hoesch.“

Doch so mächtig die Toten zu ihren Lebzeiten waren, auch sie wurden wie alle anderen unter die Erde gebracht, erklärt Biologin Unsleber: „Damals bestattete man Verstorbene längst nicht so tief wie heute.“ Deshalb pflanzten die Angehörigen auch stark duftende Bäume und wählten Grabschmuck mit intensivem Geruch: Denn die Dämpfe, die aus dem Boden kamen, müssen damals alles andere als angenehm gewesen sein, sagt Unsleber mit einem Augenzwinkern.

Sie lenkt den Blick der Besucher abermals in den Himmel, und zwar auf einen anderen typischen Friedhofsbaum, die Eibe. „Sie ist bekannt als Baum des Lebens“, weil sie viele Tausend Jahre überleben kann: Denn der Baum bildet im hohlen Teil des alten Stammes sogenannte Innenwurzeln und regeneriert sich dadurch neu. Wenn irgendwann die alte Hülle abfällt, hat sich innen längst ein neuer Stamm gebildet, der als neuer-alter Baum weiter wächst.

Posthume Ehrung

Was nach dem Tod von Verstorbenen übrigbleibt und die Generationen überdauert, darauf ging auch Gerd Flemig ein, zum Beispiel beim Grab von Eberhard und Agnes Hoesch: Die Familie besaß das Eisenwerk Lendersdorfer Hütte. Eberhard Hoesch ist noch heute als Mäzen der Stadt bekannt, er schenkte Düren beispielsweise sein Theater, das bis zum Krieg beim heutigen Museum stand. Auch seine Frau Agnes ist unvergessen: Zu ihren Lebzeiten war sie Vorsitzende des Frauenvereins in Düren und vermachte der Stadt viel Geld, um Arbeiterwohnungen errichten zu lassen. Die Agnesstraße wurde nach ihr benannt.

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