Düren - Frauenbeauftragte der ersten Stunde kämpft oft „mit alten Problemen“

Frauenbeauftragte der ersten Stunde kämpft oft „mit alten Problemen“

Von: Stephan Johnen
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„Ich liebe diese Arbeit“, sagt Gilla Knorr. Auch nach ihrer Pensionierung will sie sich weiter ehrenamtlich einbringen.

Düren. „Es hat sich etwas getan, aber vieles ist noch zu tun. Oft kämpfen wir mit alten Problemen“, zieht Gilla Knorr nach fast 30 Dienstjahren eine Bilanz. Die Frauenbeauftragte der Stadt Düren ist die dienstälteste der Republik. Im August hat sie ihren letzten Arbeitstag, dann beginnt die Freistellungsphase der Altersteilzeit.

Im Gespräch mit der DZ blickt die 61-Jährige zurück.

Frau Knorr, Düren gehörte im Jahr 1984 zu den ersten Städten, die eine Stelle für eine Gleichstellungsbeauftragte ausgeschrieben haben. Warum haben Sie sich beworben?

Knorr: Ich habe damals am Niederrhein gearbeitet. Eigentlich ist ein Kollege schuld, dass ich fast 30 Jahre in Düren gearbeitet habe. Er legte mir die Frankfurter Rundschau auf den Tisch, deutete auf die Stellenausschreibung und sagte: „Das ist was für Dich!“

Wollte Ihr Kollege Sie loswerden?

Knorr (lacht): Ach was! Er wusste, dass ich in der Frauenbewegung engagiert bin. Er dachte, es wäre genau das Richtige für mich.

Hatte er Recht?

Knorr: Heute kann ich sagen: Ja. Zu Beginn war ich mir nicht so sicher.

Was lief schief?

Knorr: Im Bewerbungsverfahren Anfang 1985 musste ich mich unter anderem im Stadtrat vorstellen. Ein Herr fragte, wie ich als Mutter von zwei Kindern gedenke, die Betreuung zu regeln. Eine Frage, die heute übrigens verboten ist. Ich habe ihn gefragt, ob er diese Frage auch Männern stelle, und ihm geantwortet, dass er mir zutrauen könne, Familien- und Arbeitsleben zu organisieren. Ich wusste damals nicht, dass dieser Mann mein künftiger Vorgesetzter war. Das war mein Einstieg.

Fühlten Sie sich willkommen?

Knorr: Es gab diese Stelle, es gab einen Schreibtisch und einen Stuhl. Aber es gab weder gesetzliche Regelungen noch Vorgaben, wie die Stelle auszustatten ist, welche Mitsprachemöglichkeiten die Gleichstellungsbeauftragte hat, welche Rechte und Pflichten. Die Stelle war keine Pflicht für Kommunen wie heute. Es war Neuland.

Wurden Sie belächelt?

Knorr: Damit hätte ich leben können. Die Stelle war gerade in der Politik umstritten, in der Verwaltung wurden mir immer wieder Steine in den Weg gelegt, meine Arbeit wurde blockiert. Das kann sich heute keine jüngere Kollegin mehr vorstellen.

Haben Sie überlegt, das Handtuch zu werfen?

Knorr: Mehrfach. Es hat Jahre gedauert, sich Respekt zu verschaffen. Ich habe gekämpft, hart gearbeitet und die Herausforderung angenommen.

Wie definieren Sie die Arbeit einer Frauenbeauftragten?

Knorr: Im Arbeitsauftrag steht, dass das Frauenbüro die Verwirklichung des Verfassungsauftrages der Gleichberechtigung von Frauen und Männern voranbringen und strukturelle Benachteiligungen von Frauen abbauen soll.

Und was heißt das?

Knorr: Von Anfang haben standen unter anderem die Themen Arbeitsmarktpolitik, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Chancengleichheit in Ausbildung und Beruf, berufliche Frauenförderung in der Stadt Düren und Gewalt gegen Frauen auf der Agenda.

Viel Arbeit für eine Frauenbeauftragte. Wie funktioniert das?

Knorr: Auf keinen Fall als Einzelkämpferin. Ich verstehe es als meine Arbeit, Prozesse anzustoßen, Dinge ins Rollen zu bringen und Netzwerke zu knüpfen. In Düren arbeiten sehr viele Institutionen in der Frauenpolitik zusammen, beispielsweise beim Mädchen-Zukunftstag oder der Organisation des Frauentags. Diese tolle Kooperation hat mich stets getragen und mir viel Freude bereitet.

Ist das Ziel der Gleichberechtigung nicht langsam erreicht?

Knorr: Wohl kaum. Es hat sich sicherlich einiges getan, aber vieles ist noch zu tun. Oftmals kämpfen wir mit den alten Problemen.

Die da wären?

Knorr: Nehmen wir das Thema Chancengleichheit im Beruf. Frauen verdienen im Durchschnitt 22 Prozent weniger als Männer, der Frauenanteil in Führungspositionen liegt bei nur 5,9 Prozent.

Sind Sie für eine Frauenquote?

Knorr: Freiwillige Lösungen regeln meines Erachtens kein Problem. Der Gesetzgeber muss Rahmenbedingungen schaffen, die eine echte Gleichberechtigung ermöglichen. Aber auch Gesetze sind nur ein Teil der Lösung.

Was muss geschehen?

Knorr: In den Köpfen der Menschen muss sich etwas ändern. Übrigens bei Männern und Frauen gleichermaßen. Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist immer noch überwiegend Frauensache. Diesen Satz unterschreiben Männer und Frauen – mit allen Konsequenzen und den sich daraus ergebenen Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt für Frauen.

Reden wir jetzt über den Dreiklang Kinder, Küche, Kirche?

Knorr: Fakt ist: Die Rahmenbedingungen der Arbeitswelt sind leider oft nicht familienfreundlich. Es hat sich etwas beim Thema Kitas und Ganztagsbetreuung getan. Das ist gut so.

Aber?

Knorr: Es muss flexiblere Arbeitszeiten für Frauen – und auch Männer – geben, die sich um Kinder, aber auch zu um pflegende Angehörige kümmern. Zu oft ist den Köpfen der Vorgesetzten verankert, dass Mitarbeiter acht Stunden am Stück oder sogar länger präsent sein müssen. Manche Tätigkeiten könnten aber zumindest phasenweise auch am heimischen Schreibtisch erledigt werden. Eine andere Lösung ist, Kinderbetreuungsmöglichkeiten im Betrieb anzubieten. Leider ist die Frage der Kinderbetreuung in unserer Gesellschaft immer noch eine Privatangelegenheit. Das führt dazu, dass Frauen über längere Zeit ihre Erwerbstätigkeit unterbrechen und ein Großteil der Frauen auf eine Teilzeitstelle zurückkehrt. Angesichts des Fachkräftemangels liegt an dieser Stelle viel Potenzial brach.

Wo wurden Fortschritte erzielt?

Knorr: Das Gewaltschutzgesetz ist ein großer Fortschritt. Es stärkt Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt wurden, seit mehr als zehn Jahren den Rücken. Das Thema wurde dadurch enttabuisiert, immer mehr Frauen haben sich getraut, das Schweigen zu beenden. Mich ärgert aber, dass niemand die Notwendigkeit von Frauenhäusern als Orte des Schutzes und der Unterstützung in Frage stellt, aber die Finanzierung nach wie vor sehr wacklig ist. Das Land müsste endlich für eine einheitliche Finanzierung sorgen.

Noch ein Wort in Richtung Politik?

Knorr: Ich wünsche mir, dass Frauen in der Politik ein viel stärkeres frauenpolitisches Bewusstsein haben. Viele Errungenschaften der vergangenen Jahre können sonst schnell verloren gehen.

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