Forensiches Dorf: Institution hat immer noch Modellcharakter

Von: Sandra Kinkel
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1986 und heute: Das Forensische Dorf in Düren hat immer noch Modellcharakter. In diesen Tag feiert die Einrichtung, in der 120 psychisch kranke Straftäter behandelt werden, ihr 30-jähriges Bestehen. Foto: LVR-Klinik, Kinkel
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1986 und heute: Das Forensische Dorf in Düren hat immer noch Modellcharakter. In diesen Tag feiert die Einrichtung, in der 120 psychisch kranke Straftäter behandelt werden, ihr 30-jähriges Bestehen. Foto: LVR-Klinik, Kinkel
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Christian Fredrich hat schon im alten Haus 5 als Krankenpfleger gearbeitet. Foto: LVR-Klinik, Kinkel

Düren. Als im Jahr 1900 Haus 5 auf dem Gelände der Rheinischen Kliniken in der Meckerstraße als erstes Bewahrungshaus für psychisch kranke Straftäter in Düren eingerichtet wurde, war das eine Revolution. Es war das erste Mal in ganz Europa, dass eine solche Einrichtung, in der die Kriminellen auch behandelt und nicht nur bewacht werden sollten, eingerichtet wurde.

Als 86 Jahre später, also genau vor 30 Jahren, das Forensische Dorf offiziell eröffnet wurde, war das ebenfalls eine Revolution. „Damals“, erklärt Dr. Norbert Weißig, Fachbereichsleiter der beiden forensischen Abteilungen der LVR-Klinik in Düren, „wollte man etwas bauen, das nicht mehr einer totalen Institution wie Haus 5 entspricht.“ So viel Sicherheit wie möglich nach außen und so wenig Überwachung wie möglich nach innen sei damals die Maxime gewesen. Entstanden ist ein richtiges Dorf, in dem die Patienten in Wohngruppen zu je acht Männern leben, und die Bereiche Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Therapie getrennt sind. So wie im richtigen Leben eben auch. Die sechs Meter hohe Mauer, die das etwa 60 Hektar große Gelände umgibt, fällt erst auf den zweiten Blick auf. 60 Millionen Mark hat der Neubau damals gekostet.

Einer, der sowohl Haus 5 als auch das Forensische Dorf gut kennt, ist Christian Fredrich. Der heute 60-jährige hat ein Handwerk gelernt und Anfang der 1980er Jahre mit 28 Jahren eine Ausbildung als Krankenpfleger in der LVR-Klinik angefangen. „Es wurden damals gezielt junge Männer gesucht, die schon eine Berufsausbildung hatten. Es war von Anfang an klar, dass wir nach der Lehre zum Krankenpfleger in der Forensik arbeiten würden.“ Fredrich hat gut zwei Jahre in Haus 5 gearbeitet, seit 30 Jahren ist er mittlerweile im Forensischen Dorf tätig. „Haus 5“, sagt Fredrich, „war eine ganz andere, eine eigene Welt.“ Gespräche zwischen den jungen Pflegern und den Patienten seien anfangs nicht erwünscht gewesen, die Patienten seien mehr verwahrt als therapiert worden. „Erst ganz langsam haben wir angefangen, die alten Strukturen aufzuweichen. Zum Beispiel, in dem wir begonnen haben, mit den Patienten Sport zu treiben.“

In Haus 5 waren 90 psychisch kranke Straftäter untergebracht, im Forensischen Dorf werden 140 Patienten behandelt. 140 Menschen arbeiten hier, 15 von ihnen sind Ärzte, Psychologen und Sozialarbeiter. Mörder, Sexualstraftäter, Pädophile und Brandstifter leben unter anderem im Forensischen Dorf, sie alle leiden unter einer schweren Persönlichkeitsstörung, Schizophrenie oder anderen psychischen Erkrankungen. „Es ist wichtig“, sagt Dr. Klaus Rabe, Chefarzt der forensischen Klinik I, „die richtige Balance zu finden. Wir müssen den Patienten in seiner Lebensgeschichte verstehen. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass dieser Mensch Seiten hat, die zu schlimmster Gewalt führen.“

Natürlich, ergänzt Christian Fredrich, seien die Taten der forensischen Patienten manchmal sehr schockierend. „Trotzdem ist es so, dass keiner, der hier lebt, nur schlechte Anteile an seiner Persönlichkeit hat.“ Auch das Pflegepersonal ist über die Taten der Patienten informiert. „Wir arbeiten im Team“, erklärt Fredrich. „Und es ist wichtig, dass wir diese Dinge wissen.“ Würde er die Patienten bei Freigängen begleiten, sei es entscheidend, gewisse Dinge zu vermeiden. „Es ist wenig ratsam, mit einem Sexualstraftäter an einem Sexshop vorbeizugehen.“

Angst, sagt Fredrich, habe er keine. „Es hat für mich einmal eine brenzlige Situation gegeben. Das war aber noch in Haus 5, wo es zweimal in der Woche körperliche Auseinandersetzungen zwischen Patienten und Pflegern gab.“ In den fünf Jahren, in denen er in der Krisenaufnahmestation des Forensischen Dorfes gearbeitet habe, sei es einmal zu einem Zwischenfall gekommen. Trotzdem sei er vorsichtig. „Ich versuche, Distanz zu bewahren.“ Die Patienten wüssten, wer sein Lieblingsfußballteam sei, aber nicht, wie viele Kinder er habe. „Ich bin davon überzeugt“, sagt Fredrich, „dass die größtmögliche Sicherheit aus dem Kontakt zu den Patienten entsteht. Wenn ich die Leute kenne, weiß ich, wie sie reagieren.“

Ziel der Unterbringung im Forensischen Dorf ist die Wiedereingliederung in die Gesellschaft. „Es gibt Patienten, die jede Therapie verweigern, „sagt Norbert Weißig. „Dann ist eine Wiedereingliederung nicht möglich. Es gibt aber auch Patienten, die sich neu orientieren, die gemeinsam mit den Therapeuten Verhaltensstrategien erarbeiten und ihre Krankheit in den Griff bekommen.“ Alle drei Jahre wird für jeden Patienten ein externes Gutachten erstellt, es gibt die Möglichkeit zum Freigang und zur Beurlaubung. Dr. Georgi Bairaktarski, Chefarzt der forensischen Abteilung II, erklärt: „Patienten mit einer guten Perspektive können in einen Klinikbereich außerhalb der Forensikmauern verlegt werden und sich hier unter einem höheren Freiheitsgrad erproben.“

Hat das zwei Jahre lang völlig unproblematisch geklappt, besteht die Möglichkeit für die Patienten, in eine Wohnung umzuziehen. „Auch hier“, erklärt Bairaktarski, „gibt es fünf Jahre lang eine intensive Betreuung.“ Grundsätzlich, betonen Bairatarski, Weißig und Rabe, sei die Rückfallquote forensischer Patienten deutlich geringer als bei Tätern, die ihre Strafe in der Justizvollzugsanstalt abgesessen hätten. Echte Ausbrüche aus dem Dorf hat es in 30 Jahren nur zweimal gegeben (siehe Text unten). Das Forensische Dorf, das auch 30 Jahre nach seiner Gründung immer noch Modellcharakter hat, halten die Ärzte und auch Fredrich immer noch für zeitgemäß. „Das Konzept hat sich bewährt und ist immer noch gut“, sagt Dr. Weißig. „Leider haben die forensischen Kliniken, die heute gebaut werden, wieder deutlich mehr Gefängnischarakter.“ Das liege zum einen sicherlich an den Kosten, zum anderen aber auch daran, dass für ein Forensisches Dorf wie das in Düren natürlich sehr viel Platz gebraucht würde.

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