Flüchtlinge ins Ex-Seniorenheim: Aufgestaute Wut

Von: Sarah Maria Berners und Ines Kubat
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Großes Interesse: Viele Drover waren zur Infoveranstaltung gekommen, wo es eine hitzige Debatte gab. Foto: smb

Kreuzau-Drove. Ein solches Polizeiaufgebot wurde bei Infoveranstaltungen zu Flüchtlingsunterkünften im Südkreis noch nie aufgefahren. Mehrere Streifenwagen, Beamte und Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes hatten sich um den Festsaal positioniert. Was einige Drover als Affront verstanden, erklärte die Polizei damit, dass eine Gruppe aus dem rechten Lager angekündigt habe, die Veranstaltung aufzumischen und ein Zeichen gegen die Flüchtlinge zu setzen.

So schlimm kam es aber nicht: Die wenigen Vertreter des rechten Lagers hielten sich eher bedeckt. Hitzig ging es in der dreistündigen Debatte dennoch zu. Etwa 300 Drover, darunter viele direkte Nachbarn des bisherigen Seniorenheims, aus dem ab dem 1. Januar eine Flüchtlingsunterkunft wird, wollten sich informieren, ihren Unmut über das Vorgehen der Betreiber und der Bezirksregierung sowie ihre Sorgen äußern. Der stellvertretende Regierungspräsident Wilhelm Steitz und die Betreiberin der Einrichtung, Linda Hawig, stellten sich den Fragen der aufgebrachten Bürger.

Viele Fragen hätten sich allerdings erübrigt, wenn die Informationspolitik der Bezirksregierung im Vorfeld und am Abend eine andere gewesen wäre. So mussten sich die Drover mit ihren Fragen Stück für Stück ein Bild von der Unterkunft zusammenpuzzeln.

In dem bisherigen Seniorenheim entsteht eine Zentrale Unterbringungseinheit, die wegen der Ein- und Auslasskontrolle eingezäunt wird. Sie ist ein vier- bis sechswöchiger Zwischenstopp nach der Erstaufnahmeeinrichtung und vor der Unterbringung in einer Kommune. Wie Steitz erklärte, werden in Drove Schwangere, alleinreisende Frauen, Familien, behinderte Menschen und Traumatisierte untergebracht. Maximal 300 Personen – das hat die Bezirksregierung festgelegt.

Die Familie Hawig hatte die Immobilie angeboten, weil sie das Pflegeheim aufgrund eines Krankheitsfalles in der Familie nicht weiter betreiben könne und weil es ab 2018 nicht mehr den baulichen Anforderungen entspreche. Die Einrichtung wird künftig von Linda Hawig, Tochter der Seniorenheimbetreiber, und ihrer Firma „S&C“, die unter anderem Catering anbietet, betrieben.

Bei den Bürgern hatte sich in den vergangenen Wochen viel Unmut angestaut, der sich nun entlud. Sie warfen Linda Hawig Geldgier vor und sprachen ihr die Qualifikation für die Flüchtlingsbetreuung ab. Sie konfrontierten sie mit den Gerüchten, die im Dorf kursieren. Manche Antwort wurde mit hämischem Lachen und Zwischenrufen abgekanzelt.

Linda Hawig blieb ruhig, beantwortet alle Fragen. Allerdings bezweifelten die Drover immer wieder den Wahrheitsgehalt ihrer Aussagen. Zum Beispiel dieser: „Die Verträge sind nicht auf Gewinnmaximierung ausgelegt, sondern auf Kostendeckung.“ Für die Immobilie wird laut Bezirksregierung ein „ortsüblicher Mietpreis“ gezahlt, es gibt einen Vertrag über fünf Jahre. „Wir zahlen kein Kopfgeld“, versuchte Steitz Geldgier-Vorwürfe an die Betreiberin zu entkräften. Im Schnitt koste die Versorgung eines Flüchtlings 40 Euro pro Tag.

Linda Hawigs Firma stellt eigenen Angaben zufolge die Verpflegung und die Rund-um-die-Uhr-Betreuung mit entsprechend qualifiziertem Personal und einem Sicherheitsdienst. Laut gesetzlichen Vorgaben sei eine Verpflegung durch Caterer in dieser Art von Einrichtung üblich, reagierte Steitz auf die kritische Frage, warum die Asylbewerber nicht selber kochen. Auch aus Brandschutzgründen seien die Küchen ausgebaut worden.

Viele Sorgen hinsichtlich Lärmbelastung, der Parkplatzsituation und anderen Störungen konnten Hawig und Steitz den Bürgern nicht nehmen. In vielen Punkten fehlte ihnen das Vertrauen, sie fühlen sich belogen, manche verließen den Raum demonstrativ. Steitz versprach, dass die in der Unterkunft arbeitenden Mitarbeiter der Bezirksregierung als Ansprechpartner zur Verfügung stehen würden. Außerdem bot er einen Tag der offenen Tür an, bei dem sich die Bürger vor Belegung des Gebäudes ein Bild machen können.

Vielfach kritisiert wurde die Zahl der Flüchtlinge. Die Drover halten 300 für das Objekt, in dem bislang 42 Personen lebten, für zu viele. Gerade weil es sich um besonders schutzbedürftige Personen, die Privatsphäre brauchten, handele. Dabei sprachen sie von Angst um und vor den Flüchtlingen. Diese Ängste konnte auch die Polizei mit Statistiken nicht nehmen.

Auch das Versprechen, dass sie Präsenz zeigen werde, sehen manche Drover, die auch Sorgen vor dem Aufmarsch Rechter haben, skeptisch. Was die Anzahl der Flüchtlinge anbelange, erklärte Steitz, dass die Personenzahl gegebenenfalls reduziert werde. Er verwies jedoch darauf, dass gängige deutsche Wohnstandards nicht eingehalten werden könnten.

Bei aller Kritik zeigten viele Bürger doch den Willen, dass dieser Unmut nicht die Menschen treffen soll, die bald nach Drove kommen. Einige boten an, sich ehrenamtlich zu engagieren.

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