Golzheim - Fleischerei Bongard in Golzheim: Nach 145 Jahren ist Schluss

Fleischerei Bongard in Golzheim: Nach 145 Jahren ist Schluss

Von: Tobias Röber
Letzte Aktualisierung:
Morgen steht Matthias Bongard,
Am Samstag steht Matthias Bongard, hier mit seiner Frau Roswitha, zum letzten Mal hinter der Theke seiner Metzgerei.

Golzheim. Am Samstag ist Schluss. Am Silvestertag, pünktlich um 12 Uhr, schließt Matthias Bongard seine Metzgerei in Golzheim. Zum letzten Mal. Und das nach 145 Jahren im Familienbesitz. Aus gesundheitlichen Gründen hat sich der Metzgermeister zu diesem Schritt entschieden.

Ein wenig wehmütig lässt der 60-Jährige in diesen Tagen seinen Blick schon durch die Räume gleiten. Vorbei an den Meisterbriefen, an der Urkunde mit der Silbermedaille im Fleischwurstpokal 1997, hinaus auf die Straße. Klar, er selbst hat die Metzgerei vor 45 Jahren von seinem Vater Matthias Bongard senior übernommen. Stammkunden kommen in diesen Tagen in sein Geschäft, kaufen zum letzten Mal bei ihm ein.

Manche bringen auch ein Abschiedsgeschenk mit. „Jetzt bekomme ich nie mehr die leckere Fleischwurst.” Das habe noch vor wenigen Tagen ein Kunde gesagt. Matthias Bongard junior kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Ähnliche Sätze hört er derzeit häufig von langjährigen Kunden. Etwa: „Kann ich jetzt nie mehr Spanferkel von Euch essen?”

Im Jahr 1866 eröffnete Hubert Bongard, der Ur-Großvater von Matthias Bongard, eine Fleischerei. Noch nicht am jetzigen Standort, der Aachener Straße 3, sondern einige Häuser weiter. Wann genau die Metzgerei umzog, weiß Matthias Bongard nicht. Hubert Bongard übergab das Geschäft später an seinen Sohn Heinrich, der den Familienbetrieb durch die beiden Weltkriege steuerte. Matthias Bongard senior übernahm die Metzgerei nach dem Zweiten Weltkrieg und meisterte die Aufbaujahre trotz einer schweren Kriegsverletzung.

1970 übernahm dann Matthias Bongard junior. Geholfen hat er aber schon viel früher. „Damals war ja samstags noch Schule. Mein Lehrer wurde aber oft angerufen, dass ich nicht kommen kann”, erinnert sich der Metzgermeister. Und er fügt mit einem Lächeln hinzu: „Manchmal habe ich ihm dann hinterher die Wurst gebracht.”

Seit 45 Jahren arbeitet Bongard inzwischen in seiner Metzgerei. Er betont, dass „ich nicht schließe, weil ich es muss”. Will heißen: Auch wenn viele Stammkunden im Laufe der Jahre verstorben sind und schräg gegenüber eine zweite Metzgerei liegt, kann er sich über mangelnde Beschäftigung nicht beklagen. Direkt an der B 264 gelegen, ist das Geschäft für viele Kunden Station auf der Fahrt von oder nach Düren. Und die Stammkundschaft hat sich die Familie über Jahre erarbeitet.

Schluss ist also nun aus gesundheitlichen Gründen. Seine Frau Roswitha hat sich bereits vor einigen Jahren zurückgezogen. Inzwischen ist die Krankenakte von Matthias Bongard ähnlich umfangreich wie sein Fleischsortiment. Seine drei Kinder wollten den Betrieb nicht übernehmen, und die langjährige Mitarbeiterin konnte nicht überzeugt werden. Auch über die Handwerkskammern fand sich niemand.

Seit 1979 gehört ein Partyservice zum Betrieb. „Das ist Knochenarbeit”, sagt der Chef, der mit 20 Jahren einst jüngster Metzgermeister in NRW war. Und ohne Unterstützung der Familie wäre der Erfolg vielleicht auch ausgeblieben. Etwas anderes verbindet Matthias Bongard ebenfalls mit dem Partyservice. Sein Sohn hat oft geholfen. Während der teils längeren Fahrten zu den Auftraggebern war da jede Menge Zeit für Vater-Sohn-Gespräche. Matthias Bongard wird sie vermissen.

Der Partyservice war nicht das einzige Projekt, das nebenher betrieben wurde. Matthias Bongard erinnert sich noch gut an seine Kindheit und die vielen Tante-Emma-Läden im Ort. Einer nach dem anderen schloss. Also boten die Bongards ab 1978 in ihrem Laden Obst, Gemüse, Waschpulver & Co. an. Die Einwohner nahmen dieses Angebot gerne an. Anfang der 90er Jahre lohnte sich das jedoch nicht mehr. Mit den Preisen von Discountern konnten die Bongards natürlich nicht mithalten.

Auch in Sachen Fleisch sieht Matthias Bongard diesen Trend. Viele kaufen lieber billig. Die Qualität bleibt da schon mal auf der Strecke. Und genau die war Matthias Bongard immer sehr wichtig. Bis ins Jahr 2000 schlachtete er selbst, danach war er immer auf der Suche nach den besten Fleischstücken für seine Kunden. Die immer wieder auch mal verunsichert waren. Etwa zu Zeiten des BSE-Skandals, erinnert sich Bongard. „Viele hatten Bedenken. Ich habe dann immer gesagt: ?Das Fleisch hier gebe ich auch meinen Kindern. Das muss als Argument doch genügen.”

Die Bongards schließen nicht nur ihre Metzgerei, für die noch immer ein Folgenutzer gesucht wird. Sie verlassen die Metzgerei und das Wohnhaus in Golzheim ganz und ziehen nach Kreuzau. Ende März soll das neue Eigenheim fertig sein. Eine ihrer beiden Töchter wohnt bereits dort.

Mit den Bongards muss auch die langjährige Mitarbeiterin Nicole Sturm das Geschäft verlassen. Nach 23 Jahren. Aber Matthias Bongard wäre nicht Matthias Bongard, wenn er bei der Jobsuche nicht tatkräftig geholfen hätte. Am 2. Januar geht es für Nicole Sturm bei ihrer neuen Arbeitsstelle weiter.

Für die Bongards beginnt ab Neujahr ein neues Leben. Ohne die Metzgerei. Pläne hat der 60-Jährige viele - und sie sind alle bodenständig. Er will mit seiner Frau mal wieder nach Hamburg fahren, endlich die neue Orgel in der Annakirche hören, und er freut sich auf die vielen Bücher, die ungelesen warten. Matthias Bongard freut sich trotz des Wehmuts auf das Leben nach dem Beruf. „Der Druck ist weg”, sagt er. Am Samstag um 12 Uhr wird dieser Satz Wirklichkeit.
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