Figurentheaterfestival: Wenn Selbstmörder zu Freunden werden

Von: sj
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Anne Swoboda (links) und Stella Jabben eröffneten mit ihrem Stück „Der wunderbare Massenselbstmord“ das Figurentheaterfestival in Vossenack. Foto: Stephan Johnen

Vossenack. Dieser Kerl ist ein echter Versager. Viermal war Olli Rellonen bereits pleite. Nichts gelingt dem Geschäftsmann. Nicht einmal der eigene Selbstmord. Aufgeschreckt von Schreien aus dem Nachbarhaus setzt er den Revolver von der Schläfe ab und eilt zur Hilfe.

Mit seinem Eingreifen rettet er einem depressiven Oberst, der sich nach dem Tod der Ehefrau gerade dilettantisch erhängen wollte, das Leben. „Was machen Sie denn da?“, ruft der eine Selbstmörder entsetzt dem anderen zu. Es ist der Beginn einer Freundschaft, die zunächst nur ein Ziel kennt: Mit möglichst vielen Gleichgesinnten dem Leben ein Ende zu bereiten.

Mit dem Stück „Der wunderbare Massenselbstmord“ startete am Freitagabend in Vossenack das Figurentheaterfestival „Pupparium Spectaculum Extraordinarium“. Nach dem Auftakt folgten bis Sonntag sieben weitere Stücke, etwa 500 Menschen ließen sich von der Magie des Figurentheaters bezaubern. Ab Donnerstag geht es mit dem Marathon der besonderen Art weiter.

Mit den Worten „Sag niemals nie!“ begrüßte Festivaldirektor Bruder Wolfgang Mauritz, der zugleich Leiter des Marionettentheaters „De Stripkkes Trekker“ ist, die Gäste. Seit 37 Jahren gibt es das Theaterensemble, 20 Mal haben die „Strippkes Trekker“ das große Festival mit Bühnen aus ganz Deutschland und der Euregio organisiert. 2009, zum 20. Geburtstag, ist der Vorhang für das große Festival zum letzten Mal gefallen. In diesem Jahr wird jedoch in Vossenack gefeiert: Vor 50 Jahren eröffneten die Franziskaner Kloster, Schule und Internat.

Aus diesem Grund wurde auch das „Pupparium Spectaculum“ wieder reaktiviert. Als eine Art Geburtstagsgeschenk. 15 verschiedene Bühnen sind zu Gast, viele davon alte Bekannte und Weggefährten der „Strippkes Trekker“. „Wir sind eine Festival-Familie“, sagt Bruder Wolfgang. Teil der Familie sind seit vielen Jahren auch Stella Jabben vom Theater „Blaues Haus“ Krefeld und Anne Swoboda vom Theater „Siebenschuh“ Görlitz, die den „Wunderbaren Massenselbstmord“ im Gepäck hatten. Ein Stück, dessen Entstehungsgeschichte mit Vossenack verbunden ist: Dort wurde der Rohfassung vor einigen Jahren der letzte Schliff verpasst.

Was die Künstlerinnen auf die Bühne des Franziskus-Gymnasiums brachten, war ein Stück über das Scheitern als positives Konzept. Frei nach dem Roman des Finnen Arto Paasilinna inszenierte das Duo ein Stück über die Verlierer der Gesellschaft, die am Abgrund ihres Lebens stehen und gemeinsam beschließen, mit einem Reisebus zum finalen Exitus aufzubrechen, Grundlagen-Selbstmordseminar inklusive.

Der Plan ist so simpel wie erfolgversprechend: Mit dem voll besetzten Reisebus will die morbide Gruppe von Helsinki zum Nordkap gurken, um dort samt Bus im wahrsten Sinne des Wortes abzutauchen. Selbstverständlich kommt es anders. „Der wunderbare Massenselbstmord“ ist dem Titel zum Trotz vielmehr eine Komödie, wenn auch eine beizeiten tragische. Mit jedem Kilometer lernt sich die illustre Reisegesellschaft besser kennen – und schätzen. Manche verlieben sich sogar ineinander. Das eigentliche Ziel der Reise gerät in die Ferne.

Arto Paasilinna versteht es in seinen Romanen, die Gemütszustände seiner Landsleute zwischen schriller Ausgelassenheit und depressiver Weltenflucht zu skizzieren. Stella Jabben und Anne Swoboda spielen geschickt mit diesen Klischees. Im Wechselbad der Gefühle entwickelt der melancholische Grundton des Stücks seine volle Kraft, und der Zuschauer vermag, einmal über das Lohnenswerte im Leben nachzudenken.

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