Fernwärme: Widerstand gegen Anschlusszwang

Von: Jörg Abels und Sarah-Maria Berners
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So wird die Heizzentrale aussehen, die Morschenich-Neu mit Brauchwasser und Fernwärme für die Heizungen versorgen soll.

Morschenich. Es soll ein Vorzeigeprojekt im Rheinischen Braunkohlenrevier werden. Im Umsiedlungsort Morschenich wird man Öl- und Gasheizungen vergeblich suchen. Der neue Ort soll mit einem modernen Fernwärmekonzept zentral versorgt werden.

Die Fernwärme soll in zwei Holzpelletkesseln am Ortsrand mit einer Leistung von 300 und 500 Watt und einem 30.000 Liter fassenden Wärmespeicher produziert werden. 1,5 Millionen Euro investieren die Gemeinde und die Stadtwerke Düren in das erst vor wenigen Tagen schriftlich besiegelte Vorzeigeprojekt.

Doch während die Bauarbeiten am 2,5 Kilometer langen Kanalsystem, das die 130 Häuser des Umsiedlungsortes versorgen wird, und an der Heizzentrale bereits begonnen haben, regt sich Widerstand aus der Bevölkerung gegen den von der Gemeinde beschlossenen Anschluss- und Nutzungszwang. Wer in Morschenich-Neu bauen will, muss die Fernwärme nutzen. Alternative Wärmeerzeugungsanlagen sind nicht erlaubt. „Auf freiwilliger Basis wäre das Fernwärme-Konzept nicht zu finanzieren gewesen“, begründet Bürgermeister Peter Harzheim den Anschlusszwang.

Im März des vergangenen Jahres wollte der Bürgermeister das innovative Projekt bereits stoppen. Zum einen kam ein Zwangsanschluss für ihn seinerzeit nicht in Frage. Zum anderen war ihm das Risiko, dass bei einem freiwilligen Anschluss nur wenige Familien am Ende die immensen Investitionskosten refinanzieren müssten, zu hoch. Die potenziellen Umsiedler sahen das anders, erinnert sich Harzheim. Bei einer Informationsveranstaltung, auf der rund 120 Morschenicher anwesend waren, habe es lautstarke Proteste gegeben.

Der Bürgermeister reagierte erneut. Als er das Signal erhielt, dass ein Anschlusszwang rechtlich möglich sei, ließ er die Umsiedler befragen. „Von 110 Hausbesitzern haben sich seinerzeit 66 für den Anschlusszwang ausgesprochen“, betont Harzheim. Die restlichen 20 Grundstücke zählte die Gemeinde zur Seite der Befürworter.

„Das war eine deutliche Mehrheit“, betont Harzheim. Knackpunkt: Bei der Befragung war noch die Rede davon, dass solarthermische Anlagen zusätzlich betrieben werden dürften. Das räumt der Bürgermeister ein. Trotzdem verteidigt er, dass auch diese im späteren Beschluss des Rates ausgeklammert wurden. Wer warmes Wasser rund um die Uhr vor der Tür liegen habe, brauche keine solarthermische Anlage, die auch noch einmal 6000 bis 8000 Euro koste. „Das wäre doppelt gemoppelt.“

Erlaubt ist lediglich noch ein klassischer Ofen im Wohnzimmer. Solange dieser nur einen Raum beheizt, gilt er rechtlich nicht als Wärmeerzeugungsanlage. „Der Holzofen darf jedoch nicht zur Warmwasseraufbereitung und zum Heizen aller anderen Räume über luftgeführte Rohre benutzt werden“, erklärt Harzheim weiter.

Ein Großteil der Bürger rebelliert gegen diesen Beschluss. Mehr als 500 Einwohner der Gemeinde haben sich in einer von Franz-Josef Bolz und anderen initiierten Unterschriftenliste gegen den Anschlusszwang an das Fernwärmenetz ausgesprochen, darunter rund 160 aus Morschenich. Damit ist das erforderliche Quorum für einen Bürgerantrag erreicht.

Harzheim bestätigt den Eingang des Antrags und geht davon aus, dass dieser bereits am 3. Juli im Gemeinderat diskutiert wird. „Ich kann mir jedoch nicht vorstellen, dass der Gemeinderat seine Entscheidung nach der bereits erfolgten Unterzeichnung des Vertrages mit den Stadtwerken Düren und den bereits begonnen Bauarbeiten noch einmal revidieren wird“, betont Harzheim, der vom Fernwärmekonzept überzeugt ist und nur Vorteile sieht.

Das moderne Heizkonzept spare jährlich bis zu 25 Tonnen Kohlendioxid ein und könne nahezu klimaneutral verwirklicht werden. Harzheim verweist zudem auf die Platzersparnis beim Bauen. Um die Fernwärme nutzen zu können, ist nur die Installation eines kompakten Wärmetauschers notwendig, der im Keller oder Hauswirtschaftsraum seinen Platz finden kann, teilen die Stadtwerke mit. Und wer sich keinen Holzofen ins Zimmer stellen will, brauche nicht einmal einen Abgaskamin.

Franz-Josef Bolz kann dies nicht überzeugen. Er verweist darauf, dass es längst viel billigere und ökologisch sinnvollere Konzepte für eine möglichst energieautarke Versorgung gebe. Die Gegner des Anschlusszwangs kritisieren das intransparente und aus ihrer Sicht dubiose Abstimmungsverfahren und werfen dem Gemeinderat vor, sich für die bequemste und für die Stadtwerke Düren wirtschaftlichste Lösung entschieden zu haben.

„Wir wissen, dass es wirtschaftlich für die Gemeinde problematisch wäre, jetzt aus dem Projekt auszusteigen“, betont Bolz. Trotzdem wollen er und seine Mitstreiter nichts unversucht lassen, den Anschlusszwang noch zu kippen. Ob auch eine Klage in Betracht kommt, wollen die Gegner nach der Ratssitzung entscheiden. „Wir hoffen, dass wir die Ratsmitglieder mit unseren Argumenten noch überzeugen können“, betont Bolz. Andernfalls ist er sicher, dass viele Morschenicher nicht in den neuen Ort umsiedeln werden. „Zehn Prozent sind doch schon jetzt abgesprungen“, hat Bolz aus vielen Gesprächen geschlussfolgert.

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