Freizeittipps

Fast allein unter 2800 jecken Männern

Von: Sandra Kinkel
Letzte Aktualisierung:
6889815.jpg
Stimmung im Zelt der „Verdötschte Glabige“ in Gladbach, in dem mehr als 700 Männer am Samstag ausgelassen Karneval feierten. In einem Umkreis von zwölf Kilometern gab es am gleichen Tag noch zwei weitere gut besuchte Herrensitzungen.
6889834.jpg
Räuber-Sänger bei der Herren-Sitzung in Vettweiß. 1700 Herren schunkelten.
6889823.jpg
Musik lag in der Luft: Ein Trompeter-Duo heizte den jecken Herrschaften mächtig ein.

Vettweiß/Nörvenich/Gladbach. „Das ist aber jetzt wirklich ungünstig.“ Peter Becker ist etwas ungehalten. Der 42-Jährige ist einer von 720 Männern, die in der Festhalle Gladbach bei der Herrensitzung der Karnevalsgesellschaft (KG) „Verdötschte Glabige“ so richtig abfeiern möchten, und auf der Bühne heizt „Domstürmer“-Sänger Micky Nauber den Herren gerade so richtig mit „Mach Dein Ding dingeling dingeling“ ein. Becker will mitsingen, mitschunkeln. Zeit für ein Interview ist da wirklich nicht. „Dürfen Sie hier überhaupt rein?“, grinst er mich dann noch an.

Es ist der zweite Samstag im Januar, die Karnevalssession nimmt langsam an Fahrt auf, und im Dürener Land finden in einem Radius von knapp zwölf Kilometern an diesem Nachmittag gleich drei große Herrensitzungen statt. In Gladbach feiern wie gesagt 720 Männer, bei der KG „Fidele Jonge“ in der Nörvenicher Neffeltalhalle knapp 400, und in der „Hölle von Vettweiß“ sogar 1700 Herren. Ich wage mich in alle drei Orte. Und treffe auf mehr als 2800 äußerst feierwütige und heftigst Kölsch trinkende Herren.

Strikte Trennung

Alle drei Gesellschaften haben sich für eine strikte Geschlechtertrennung entschieden, gemeinsame Sitzungen gibt es schon lange nicht mehr. „Wir haben das vor ein paar Jahren noch mal versucht“, sagt Hans-Peter Berendes von den „Verdötschte Glabige“. „Aber es waren viel zu wenig Leute da. Die Damen- und auch die Herrensitzungen sind immer ausverkauft.“ Und Ute Meyer, bei den „Fidelen Jonge“ verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit, meint: „Getrennte Sitzungen sind der Trend. Dabei sind die Prunksitzungen leider untergegangen.“

Was in der Festhalle Gladbach sofort auffällt: Die Herren lieben offensichtlich Pittermännchen. Auf jedem Tisch stehen mindestens zwei der Zehn-Liter-Kölsch-Fässchen. „Ich habe hier keine Probleme“, lacht eine resolut aussehende Kellnerin, die zwei Pittermännchen auf einmal tragen kann. „Ich kenne die meisten Männer. Wenn mir einer blöd kommt, habe ich die passende Antwort parat.“ Ich glaube das der Frau sofort.

Bekannte Gäste

Bei allen drei Sitzungen liest sich das Programm wie das „Who is Who“ des Kölner Karneval, in Vettweiß und Gladbach noch mehr als in Nörvenich. „Kasalla“ und die „Räuber“ treten auf, die Cheerleader des 1. FC Köln und die „Funky Marys“ ebenso.

In Vettweiß hat das Spektakel um 13.30 Uhr angefangen, rund zweieinhalb Stunden später müssen die Damen der Showtanzgruppe der KG Vettweiß auf die Bühne. Eine der Tänzerinnen ist Pia Herrmann. „Es ist immer wieder lustig bei der Herrensitzung. Die Stimmung im Saal ändert sich, wenn plötzlich Frauen auftreten.“ Pia Herrmann überlegt kurz, um zu erklären, wie sich die Stimmung ändert. „Man wird hier halt als Frau angemacht“, sagt sie dann.

Die Showtanzgruppe tritt auch bei der Vettweißer Damensitzung auf. „Die Frauen sind viel ausgelassener“, hat Pia Herrmann beobachtet. „Die Männer sitzen meistens nur da und schunkeln.“ Das bestätigt Guido Oleff von der Vettweißer KG. „Männer feiern gemütlicher. So ein dauerndes Powerplay wie bei unseren Damensitzungen gibt es hier nicht.“ Kostüme scheinen auch nicht wirklich des Mannes Sache zu sein. Viele kommen gänzlich unverkleidet, andere meinen, ein T-Shirt mit gelber Aufschrift „Kostüm“ sei das ultimative Jecken-Outfit. Auch das ist bei den Damensitzungen völlig anders.

Eine der wenigen Frauen, die acht Stunden lang bei der Vettweißer Sitzung im Einsatz waren, ist Claudia Höpst, Feuerwehrfrau bei der Löschgruppe Froitzheim. „Ich wusste gar nicht, dass es bei Eurer Feuerwehr so nette Mädchen gibt“, witzelte „Räuber“-Sänger Karl-Heinz Brand, als er sie vorne an der Bühne sitzen sieht. Und Torben Klein setzte gleich noch eins drauf: „Wo guckt Ihr denn bei so netten Frauen als erstes hin: Auf die Hände, den Mund oder die Augen?“ Wobei nach Kleins eindeutiger Handbewegung die „Augen“ nicht im Gesicht, sondern deutlich tiefer zu finden sind... „Mir macht das nichts aus“, sagt Claudia Höpst. „Überhaupt nicht. Es kommen kaum blöde Sprüche.“ Das glaube ich nicht.

Erleichterung am Zaun

Ich höre viele dumme Sprüche, und irgendwie scheint es für Karneval feiernde Herren total witzig zu sein, Kugelschreiber zu mopsen. Ich brauche an diesem Nachmittag sieben Stück. Vielleicht schreiben die Männer sich damit sicherheitshalber den Heimweg auf. Oder in Vettweiß am besten den Weg zum Toilettenwagen.

Der ist entweder unglaublich schwer zu finden oder Kilometer entfernt. Oder wie sonst ist es zu erklären, dass sich die Herren einfach mal eben an den Zaun stellen, um sich zu erleichtern. Das ist aber die einzige unschöne Szene, die ich bei meiner Herrensitzung-Tour beobachte. Ute Meyer von den „Fidele Jonge“ in Nörvenich hat ganz Recht: „Die Männer sind aufmerksam, hören zu. Und trinken dabei jede Menge Bier.“ Letzteres, so war jedenfalls am Samstag bei allen drei Veranstaltungsorten zu hören, machen die Frauen bei ihren Sitzungen aber nicht minder intensiv.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert