Familie Jansen beherbergt syrische Familie

Von: Gudrun Klinkhammer
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Seit über einem Jahr beherbergt Anne Jansen (vorne links) die syrische Familie Kadour in ihrem Haus in Nideggen-Berg. Foto: Gudrun Klinkhammer

Nideggen-Berg. Das Haus liegt in Trümmern. Der ganze Straßenzug, den der Syrer Nawroz Kadour auf einem Video in seinem Handy zeigt, ist ein einziges Schlachtfeld. Seit gut einem Jahr lebt der 32-Jährige mit einem Teil seiner Familie in Berg bei Familie Jansen..

An seiner Seite sind sein alleinerziehender Bruder Shyar Kadour, 29 Jahre alt, mit seiner vierjährigen Tochter Doniya sowie seine Schwester Jehan Kadour, 27 Jahre. Die Eltern von Nawroz Kadour und drei weitere Geschwister leben seit einiger Zeit in Esslingen bei Stuttgart

Die Erlebnisse und Veränderungen, die der studierte Betriebswirtschaftler in den vergangenen Jahren mit seiner Familie erlebte, reichen für mehrere Leben. Warum speziell so viele junge Männer aus Syrien fliehen?

Die jungen Männer sollen als Soldaten einem Regime dienen, das keinen Frieden kennt, erzählt er. Fügten sie sich nicht, würden sie entführt und ihre Familien erpresst. Vor allem jungen Männer aus betuchteren Familien drohe ein derartiges Schicksal. Da die Familien in Syrien nicht selten sehr kinderreich sind, stünden die Eltern irgendwann vor der Wahl: Welches Kind schicken wir auf die weite Reise in ein sicheres Land?

Eine entsetzliche Wahl. Familie Kadour lebte in Aleppo, die Kinder gingen zur Schule, machten Abitur. Nawroz Kadour: „Alles begann im März 2011 mit der Revolution. Doch damals hatten wir noch die Hoffnung, dass der Krieg nicht lange dauert.“ 2012 kam die Isis nach Aleppo. Bomben fielen. Nawroz Kadour: „Viele Menschen verließen Aleppo und gingen zunächst in das nähere Umfeld der Stadt.“ Doch die Zustände wurden immer schlimmer, im Januar 2012 floh Nawroz Kadour in den Libanon, seine Familie folgte.

Dort lebten sie zwei Jahre lang, dann zogen sie weiter in die Türkei. Von dort aus setzten sie nach Griechenland in einem Flüchtlingsboot über. Jehan Kadour: „Die Zeit war einfach nur grausam. Ich rannte zwei Stunden am Stück, hatte Doniya auf dem Arm.“ Shyar Kadour: „In der Nacht legte das Boot ab, der Steuermann hatte eine starke Bierfahne.“

Überfüllt war das Boot nicht, als es in Griechenland ankam – nur rund 60 Personen hatten die 105-minütige Überfahrt letztendlich angetreten. „Denn“, berichtet Shyar Kadour, „als das Boot zum ersten Mal ablegte, kam es nur rund 100 Meter weit, da ging der Motor kaputt.“ Familie Kadour wagte es, an Bord zu bleiben und kam in den frühen Morgenstunden um 4.15 Uhr in Griechenland an. Nawroz Kadour: „Ich fühlte eine unglaubliche Angst. Um uns herum nur Wasser, und wir können alle nicht schwimmen.“

Über Griechenland und Serbien ging es zu Fuß, mit dem Zug und mit dem Bus nach Deutschland. Was die Geflohenen heute noch wundert: „Wir konnten einfach nach Deutschland rein, keiner kontrollierte uns oder unsere Pässe.“ Schon bevor sie Deutschland kennenlernten, war dieses Land für die Syrer das Land der Freiheit und der Gleichheit, ein Ziel, um wieder Wurzeln schlagen und ein neues Leben in Frieden aufbauen zu können.

Zu dieser Zeit saßen Anne und Guido Jansen, 64 und 60 Jahre alt, vor dem Fernseher in Berg, sie sahen das Bild vom ertrunkenen Flüchtlingskind am Strand. Anne Jansen, Mutter von Tochter Tatjana Jansen und Großmutter von zwei Enkelkindern: „Wir sind die Nachkriegsgeneration. Uns berührte dieses Bild dermaßen, dass ich nach Nideggen zum Rathaus ging und darum bat, Flüchtlinge aufnehmen zu dürfen.“ Mit der Familie hatte die couragierte Frau dieses Vorgehen abgesprochen. Bei ihrer Tochter Tatjana stieß sie auf offene Ohren.

Tatjana Jansen erinnert sich: „Damals hatte ich ebenfalls den Gedanken in mir, aber ich hatte mich nicht getraut, zu fragen.“ Die Wohnung der mit 95 Jahren verstorbenen Seniorin des Hauses war frei und plötzlich war die Familie erweitert. Denn als Anne Jansen beim Rathaus vorsprach und wissen wollte: „Wann kommen sie denn?“, da lautete die Antwort: „Sofort.“

Vor gut einem Jahr, beschreibt Anne Jansen, waren die Neuankömmlinge müde und krank. Inzwischen haben sie Pläne. Sie arbeiten in Teilzeit, möchten ihre Arbeit ausbauen. Sie sprechen inzwischen sehr gut Deutsch, haben die Gepflogenheiten einer deutschen Familie angenommen.

Die Männer spülen beispielsweise, in Syrien ist das nicht üblich. Heute finden die Männer aus Syrien, dass diese gemeinsame Arbeit sogar sehr viel Freude bereitet. Tatjana Jansen: „Der Wille war von Anfang an da, integriert werden zu wollen, und wir haben gesagt: Ihr gebt zusammen mit uns die Richtung vor.“ Nawroz Kadour ergänzt: „Zwei Kulturen haben hier in Berg voneinander gelernt, das ist Integration. Es ist ein Geben und Nehmen auf beiden Seiten.“

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