Düren - „Faire Chance mit voller Unterstützung”

„Faire Chance mit voller Unterstützung”

Von: Sarah Maria Berners
Letzte Aktualisierung:
Dasein für Mütter und Kinder
Dasein für Mütter und Kinder: Monika Hecht (l.) und Gruppenleiterin Sabine Dahlmeyer helfen Frauen und Mädchen mit Kindern auf dem Weg in die Eigenständigkeit. Foto: Berners

Düren. „Frauen, die jung ungeplant schwanger werden, hat es immer schon gegeben. Das ist kein Phänomen unserer Zeit”, sagt Kinderheimleiter Raymund Schreinemacher. Ein Phänomen unserer Zeit sei aber, dass diese jungen Frauen nicht mehr den familiären Rückhalt haben, den Frauen und Mädchen früher hatten.

„Es wurde zwar ordentlich geschimpft, aber letztlich hat sich die Großfamilie doch um den Nachwuchs gesorgt”, sagt Schreinemacher. Doch mehr als freundschaftliche Hilfe würden viele Menschen heute nicht mehr finden.

Frauen und Mädchen, deren Familien sie nicht auffangen können, brauchen professionelle Hilfe. Die bekommen sie im Haus Maria. Vor gut einem Jahr wurde das Mutter-Kind-Haus gleich neben dem Kinderheim St. Josef eingeweiht. Seitdem haben elf Frauen und ein Mann die sechs Wohnungen bezogen. Manche sind nur für einige Wochen geblieben, andere länger. Solange, bis sie in eine eigene Wohnung ziehen konnten, oder solange, wie die Entscheidung reifte, das Kind in die Hände einer Pflegefamilie zu geben.

Hochverantwortliches Handeln

Für diesen Weg entscheidet sich etwa die Hälfte der Mütter. „Wer diese Entscheidung trifft, handelt hochverantwortlich”, betont Gruppenleiterin Sabine Dahlmeyer. Und das sagt sie auch den Frauen, die sich Sorgen machen, von anderen als „Rabenmütter” dargestellt zu werden, dabei handeln sie zum Wohl ihres Kindes.

„Ganz wichtig ist, dass die Mütter hier die Entscheidung mit Beratung selbst treffen”, sagt Dahlmeyer. Dann sind es nicht die Behörden, die ihnen diese Entscheidung abnehmen. „Es ist ein großer Unterschied, ob diese Entscheidung erarbeitet wird, oder ob Behörden einer jungen Mutter schon mit der Entbindung absprechen, sich um ihr Kind kümmern zu können”, sagt Schreinemacher. Die Frauen würden dann auf einen ganz anderen Boden fallen. Im Mutter-Kind-Haus hätten sie eine faire Chance mit voller Unterstützung. Schreinemacher kritisiert, dass in der Gesellschaft manchmal vergessen werde, wie schwer es ist, ein Kind alleine großzuziehen - ohne Partner und ohne Familie. Er bemängelt den „oft überzogenen individualistischen Anspruch” unserer Zeit. In den meisten Kulturen würden drei Generationen zusammenleben und sich gegenseitig stützen. Es sei ganz natürlich, dass junge Frauen nicht auf alles perfekt vorbereitet sein könnten.

Das Haus Maria ist seit seiner Eröffnung stets voll besetzt. Das zeigt, wie wichtig diese Einrichtung für Düren ist. „Es gab eine Lücke, die geschlossen werden musste”, sagt Schreinemacher.

Momentan ist die jüngste Bewohnerin 16, die älteste 22 Jahre alt. Manche Mädchen kommen vor der Entbindung, andere haben das Kind schon vor einer Weile auf die Welt gebracht. Das Jugendamt vermittelt die meisten. Einige kommen freiwillig, weil sie merken, dass sie Hilfe brauchen.

Eigenständigkeit lernen

Im Haus Maria hat jede Frau ihre eigene kleine Wohnung. Die Zimmer sind modern eingerichtet. Sie sind hell und freundlich. Es gibt einen Wohn-Ess-Bereich mit einem Schlafsofa, ein Kinderzimmer und ein Bad. „Wer hierher kommt, braucht nicht mehr als einen Koffer mit seinen persönlichen Gegenständen”, sagt Dahlmeyer. Kinderkleidung, Spielsachen und Kinderwagen werden zur Verfügung gestellt. In den Schränken stehen Tassen und Teller. Alles ist vorbereitet. Fünf Pädagoginnen und eine Kinderkrankenschwester sind die Ansprechpartner für die Frauen. Auch in der Nacht ist immer jemand im Haus. Wenn eine Mutter noch stillt, stehen die Betreuer auf und helfen, stehen ihr zur Seite.

„Die meisten Frauen bringen gleich mehrere Probleme mit”, sagt Dahlmeyer. Nicht alle können im Haus Maria gelöst werden. Aber dort kennt man die Einrichtungen, die den Frauen zum Beispiel bei psychischen Problemen oder Schulden helfen können. Und man kennt Fortbildungs- und Ausbildungsstätten. Es gibt auch eine kleine „Kita”. In der passen die Pädagoginnen auf die Kinder auf, wenn ihre Mütter Termine haben, zu Behörden gehen müssen oder ihre Ausbildung vorantreiben.

Im Haus Maria werden die Frauen darauf vorbereitet, ihr Leben mit Kind allein meistern zu können. Die erste Zeit verbringen die Mütter meist in den Gemeinschaftsräumen. „Wir schauen uns an, wie die Frauen mit ihren Kindern umgehen, was sie schon gut können und wo sie noch Anleitung brauchen”, erklärt Dahlmeyer. Zum Beispiel beim Spielen oder Bücher anschauen, beim Baden oder beim Kochen.

„Die meisten haben eine Mutter Kind-Bindung”, sagt die Pädagogin. Gleichwohl gebe es eben Unsicherheiten. Wie ziehe ich ein Kind an? Wie wickele ich es? Was tue ich, wenn es nicht schlafen will und schreit? „Das muss jede Frau lernen”, sagt Dahlmeyer. Und in der Großfamilie können es die meisten nicht mehr. Auch der Umgang mit Geld und Behörden wird im Haus Maria eingeübt.

„Klare Lebensperspektive”

„Wir wollen die Frauen zur Selbstständigkeit führen”, sagt Dahlmeyer. Das bedeutet auch, dass die Frauen das Leben in einer eigenen Wohnung im geschützten Haus Maria einüben. Sie lernen, nur für sich und ihr Kind zu kochen, die Räume in Ordnung zu halten und einzukaufen. Die Frauen lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. Dabei wissen sie eine Gemeinschaft und Fachleute um sich. Und wenn die Väter wollen, sind sie willkommen. „Wichtig ist, dass jedes Kind dieses Haus mit einer klaren Lebensperspektive verlässt”, sagt Schreinemacher. Die kann es bei seiner leiblichen Mutter oder in einer Pflegefamilie haben.

Die Entscheidung, das Kind in eine Pflegefamilie zu geben, heißt nicht, es ganz loszulassen. Schreinemacher erzählt von einem Kind, dessen leibliche Mutter und dessen Pflegemutter bei der Taufe beide dabei waren. Und wenn psychische Probleme gelöst sind oder die Ausbildung abgeschlossen ist, können Mutter und Kind auch wieder zueinanderfinden.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert