Fälle akuter Kindeswohlgefährdung bei unter Dreijährigen verdoppelt

Von: Sandra Kinkel
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Die Zahlen von akuter Kindeswohlgefährdung sind in den vergangenen vier Jahren im Kreis Düren deutlich gestiegen. Foto: Imago/Stock&People
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Gregor Dürbaum, Leiter des Kreisjugendamtes. Foto: Sandra Kinkel

Kreis Düren. Die Zahlen sind auf den ersten Blick alarmierend: Bei den unter Dreijährigen hat es im Jahr 2013 in Stadt und Kreis Düren acht Fälle von Kindeswohlgefährdung gegeben, im vergangenen Jahr waren es 19. Und auch bei den Drei- bis Fünfjährigen haben sich die Zahlen von 7 auf 13 Fälle nahezu verdoppelt. Die Fälle von latenter Kindeswohlgefährdung, wie es im Fachjargon heißt, sind ebenfalls deutlich von 73 auf 98 gestiegen.

Aber was bedeutet eigentlich latente und akute Kindeswohlgefährdung? Wie (schnell) greift das Jugendamt ein? Fragen, die Gregor Dürbaum (62), Leiter des Kreisjugendamtes, beantwortet hat.

Was ist der Unterschied zwischen latenter und akuter Kindeswohlgefährdung?

Von latenter Kindeswohlgefährdung spricht man immer dann, wenn Kinder nicht gut behandelt werden, ihr Bedürfnis an Zuwendung nicht gedeckt wird und sie gesundheitlich und seelisch nicht angemessen aufwachsen. „Bei akuter Kindeswohlgefährdung“, sagt Gregor Dürbaum, „muss es immer einen akuten, aktuellen Vorfall gegeben.“ Als Beispiele nennt der Leiter des Kreisjugendamtes sexuellen Missbrauch und körperliche Gewalt gegenüber einem Kind.

Wie ist der deutliche Anstieg der Fälle zu erklären?

Es sei schwer einzuschätzen, sagt Gregor Dürbaum, ob es wirklich mehr Fälle von Kindeswohlgefährdung in Stadt und Kreis Düren geben würde. In den Jahren vor 2013 seien die Zahlen immer sehr konstant gewesen. „Fakt ist, dass mehr Fälle bekannt werden“, erklärt der Jugendamtsleiter. „Die Dunkelziffer war in diesem Bereich immer sehr hoch, jetzt erhellt sie sich zum Glück immer mehr.“ Kindeswohlgefährdung sei immer ein großes Tabuthema gewesen. „Nachbarn, Freunde und Bekannte haben früher lieber weggeguckt, als sich beim Jugendamt zu melden. Das hat sich verändert.“

Wer zeigt die Fälle von Kindeswohlgefährdung an?

Die Statistik von IT NRW, dem Landesbetrieb für Information und Technik, unterscheidet zwischen Schulen und Kindertageseinrichtungen, Verwandten und Bekannten, Polizei, Gericht und Staatsanwaltschaft sowie anonymen Meldern. „Auffallend ist“, sagt Gregor Dürbaum, dass sich die Meldungen von Mitarbeitern in Schulen und Kindertagesstätten von 58 auf 105 Fälle auch nahezu verdoppelt haben. Die Mitarbeiter dort sind also deutlich sensibler geworden.“ Zu den Meldungen von Polizei, Gericht und Staatsanwaltschaft erklärt Dürbaum: „Wann immer die Polizei zu Taten von Gewalt in Beziehungen gerufen wird und das Paar Kinder hat, werden wir informiert.“ Diesen Meldungen geht das Jugendamt auch immer nach – egal, ob das Kind Opfer von Gewalt geworden ist oder nicht. Dürbaum: „Wir greifen deswegen ein, weil Kinder natürlich nicht lernen sollen, dass Gewalt ein legitimes Mittel der Konfliktlösung ist.“

Was passiert, wenn das Jugendamt über eine Kindeswohlgefährdung informiert wird?

Es setzt sich ein genau festgelegter Prozess in Gang. Zunächst versuchen die Mitarbeiter des Jugendamtes zu klären, wie gravierend der Fall ist. Gregor Dürbaum nennt ein Beispiel: „Wenn ein Säugling unterversorgt ist, ist das schlimmer, als wenn ein Zwölfjähriger einige Stunden nichts getrunken hat. Deswegen haben kleinere Kinder immer einen höheren Bewertungsgrad.“ Bei Meldungen von Kindeswohlgefährdungen wird immer eine zweite Fachkraft hinzugezogen. Dürbaum: „Am Tag der Meldung fahren wir zu der betroffenen Familie und gucken uns das Kind an.“

Wann wird ein Kind aus der Familie genommen?

Immer dann, wenn Misshandlungen und Missbrauch vorliegen. Gerade bei sexuellem Missbrauch, erklärt Dürbaum, sei es extrem wichtig, das Opfer vom Täter zu trennen. Immer wieder kommt es zudem vor, dass ältere Kinder den Wunsch äußern, vom Jugendamt in Obhut genommen zu werden. „Egal, wie unglaubwürdig die Schilderungen des Jugendlichen sind“, sagt Dürbaum, „müssen wir den Wunsch dieser Kinder erfüllen. Das sieht das Gesetz so vor.“ In der Regel würde es aber gelingen, interfamiliäre Lösungen zu finden. Dürbaum: „Das heißt, dass Kinder oder Jugendliche zunächst für ein oder zwei Tage zu Verwandten oder Freunden kommen. Danach lassen sich häufig viele Konflikte lösen.“

Welche anderen Möglichkeiten gibt es, den Kindern zu helfen?

Das Jugendamt, darauf legt Dürbaum sehr großen Wert, habe keine strafende, sondern eine helfende Funktion. „Natürlich wird uns immer wieder vorgeworfen, dass wir uns einmischen. Aber die Notfälle, auf die wir reagieren müssen, lassen sich nicht mit mathematischen Formeln berechnen.“

Wenn man Familien helfen wolle, bedeute das immer auch, dass man den betroffenen Erziehungsberichten irgendwann wieder Vertrauen geben müsse. Dürbaum: „Grundsätzlich gibt es eine Vielzahl ambulanter Hilfen wie diverse Tagesgruppen, Beratungsstellen und die sozial-pädagogische Familienhilfe.“

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