Kreis Düren - Erntedankfest als politischer Tag: „Auf Anfeindungen aufmerksam machen“

Erntedankfest als politischer Tag: „Auf Anfeindungen aufmerksam machen“

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Weniger Landwirtschaft 4.0 als vielmehr Kult: Dieser Trecker aus dem Jahr 1971 ist auf dem 68 Hektar großen Ackerbaubetrieb vom Kreisbauernschaftsvorsitzenden Erich Gussen genau so im Einsatz wie satellitengesteuerte Maschinen. Foto: Welkener

Kreis Düren. Erntedank steht vor der Tür. Aber wie dankbar sind die Landwirte aus der Region angesichts des trockenen Frühjahrs? Erich Gussen, 51, Vorsitzender der Kreisbauernschaft, wirft gemeinsam mit Redakteurin Anne Welkener einen Blick auf die bisherige Ernte – und über den Tellerrand hinaus.

Herr Gussen, wovon halte ich Sie gerade ab?

Erich Gussen: Wir sind gerade mit der Gerstenaussaat beschäftigt. Seit Mitte September säen wir Wintergerste – bei uns im Betrieb auf etwa 25 Prozent der Fläche. Insgesamt wird in der Region aber weniger Wintergerste angepflanzt. In der Jülicher Börde sind es mehr Kartoffeln und Zuckerrüben. Eine der stärksten Kulturen im Kreis Düren ist der Winterweizen, den säen wir aber erst ab Mitte Oktober.

Am ersten Sonntag im Oktober, also dieses Jahr direkt am 1., ist Erntedank. Haben die Landwirte gute Gründe, um dankbar zu sein?

Gussen: Wir können immer dankbar sein. Die Getreideernte war wegen des trockenen Frühjahrs zwar unterdurchschnittlich, aber wir können dankbar dafür sein, sowohl vom Boden als auch vom Wetter her in einer Gunstregion zu leben. Hier gibt es zwar mal Unwetterlagen, aber so etwas wie Hurrikane oder Monsunregen kennen wir hier nicht. Dass wir jetzt aussäen, heißt auch, dass wir Vertrauen in die Zukunft haben. Das fehlt meiner Meinung nach teilweise in der Gesellschaft. Viele haben zu viel Angst vor der Zukunft, sie sollten stattdessen mehr Vertrauen haben.

Das Wetter ist entscheidend bei Ihrer Arbeit. Welche anderen Faktoren spielen noch eine Rolle?

Gussen: Wir haben nicht nur das Wetter, sondern auch die globalen Märkte im Blick. Russland zum Beispiel hatte eine sehr gute Getreideernte, die können jetzt exportieren und dadurch sinken die Preise. Es heißt immer, wir sollen regional produzieren, aber die Preise werden am Weltmarkt gemacht. Da kommt keiner dran vorbei.

Das Wetter, der Weltmarkt – welchen Anteil haben gesetzliche Bestimmungen?

Gussen: Ja, die Bürokratisierung und die Auflagen sind auch ein großes Thema. Alle Gesetze, Umwelt- und Sozialstandards verursachen große Kosten für den Sektor Landwirtschaft, die wir nicht wieder einfahren können. Deshalb bekommen wir Ausgleichszahlungen. Die vielen Auflagen und Dokumentationspflichten fallen insgesamt Mittelständlern zur Last. Da ist die Politik auch nicht ganz ehrlich zu uns: Einerseits wollen sie den Mittelstand erhalten, machen uns andererseits aber solche Auflagen.

Vor diesem Hintergrund haben Sie beim Erntedankempfang im Kreishaus gesagt, dass die Landwirtschaft das Erntedankfest zunehmend als politischen Tag verstehe.

Gussen: An so einem Tag wollen wir darauf hinweisen, dass wir dankbar sind, wollen aber auch die Auflagen der Politik konkret benennen und auf Anfeindungen aufmerksam machen.

Anfeindungen welcher Art?

Gussen: Es gibt Menschen, die uns schlecht machen, weil wir mit modernster Technik arbeiten. Es gibt Melkroboter, an denen sich die Kuh nach Bedarf melken lassen kann. Das kommt dem natürlichen Rhythmus viel näher als die Melkzeiten morgens und abends. Heutzutage sind Kühe mit Transpondern ausgestattet, so dass die Bewegungsdaten erfasst werden wie bei Fitnessarmbändern. So kann man schnell feststellen, ob die Ruhezeiten zu kurz sind. Dann könnte das bedeuten, dass das Tier krank ist.

Der einzelnen Kuh geht es heute viel besser als vor 20 oder 30 Jahren – geschweige denn vor 100. Die Ställe sind viel größer, und die moderne Technik gibt uns auch mehr Zeit, um uns intensiver mit den Tieren zu beschäftigen. Trotzdem haben manche Menschen was dagegen. Einige benutzten Kampfbegriffe wie „Massentierhaltung“. Das kränkt uns. Eine Masse von Tieren heißt ja nicht automatisch, dass es dem einzelnen Tier schlechtgeht. Mit modernster Technik kann man heute 300 Tiere halten. Was manchmal über uns gesagt wird, zieht die Bauern in Verruf.

Wie kommt das?

Gussen: In den 60er und 70er Jahren gab es im Rheinland 60.000 landwirtschaftliche Betriebe. Heute sind es nur noch 10 000. Wir werden immer weniger. Es gibt Dörfer, in denen es gar keinen landwirtschaftlichen Betrieb mehr gibt. Der Kontakt zur Landwirtschaft nimmt also ab, und wenn sich die Leute nur auf Basis der Medien eine Meinung bilden, ist das schwierig.

Wir laden sie dann zu uns auf den Hof ein – auch dafür nutzen wir das Erntedankfest. Erst vergangene Woche hatte ich eine Gruppe hier. Die waren beeindruckt und haben gesagt, dass sie vieles noch nicht gewusst hätten. So können wir zeigen, was Landwirtschaft 4.0 bedeutet und dass wir auf neueste Forschungsergebnisse setzen und mit unseren Betrieben ein Teil der modernen Gesellschaft sind.

Würden Sie heute einem jungen Menschen empfehlen, Landwirt zu werden?

Gussen: Auf jeden Fall, wenn er merkt, dass er daran Spaß hat. Das ist ein interessanter und sehr abwechslungsreicher Beruf. Natürlich ist das mit Risiken verbunden, aber es gibt auch viele Möglichkeiten, sich zu entwickeln. Man muss aber bereit sein, mehr als 40 Stunden pro Woche zu arbeiten, und bei bestem Wetter nicht am Strand zu sitzen, sondern auf dem Mähdrescher.

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