Erinnerungen an die Stadthalle: Diese Atmosphäre kam nie wieder

Von: smb/ja/bugi
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Nur Augen für seine zukünftige Ehefrau hatte Paul Vogt, der in der Mitte des Bildes nicht in die Kamera, sondern in die Augen seiner Liebsten blickt. Entstanden ist das Bild bei einem 99er Ball in den 50er Jahren. Die Amateurmannschaft von 99 nannte sich an diesem Abend „Stiefelakrobaten“.
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Margret Malzbender stand lange Jahre hinter der Coco-Cola-Theke. Besonders gern erinnert sie sich an die Billard-WM 1968. Foto: Abels
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Den einstigen Glanz deutet dieses Bild von Klaus Radtke an. Foto: von Klaus Radtke an.
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Anneliese Wolff aus Düren. Foto: smb

Düren. Der Abriss der Stadthalle lässt bei vielen Menschen Erinnerungen wach werden – an große Veranstaltungen und besondere Momente. Die Dürener Redaktion hat diese Geschichten gesammelt.

„Die Stadthalle war mein Leben. Dort haben wir die tollsten Feste vor ausverkauftem Haus gefeiert“, berichtet Paula Schütz, Urgestein der Dürener „Südinsulaner“. Klar, dass ihre Erinnerungen vor allem karnevalistischer Art sind. „Schon als Funkenmariechen war ich bei der Grundsteinlegung dabei“, erzählt die heute 80-Jährige. Später stand sie als Büttenrednerin auf der Bühne, ehe sie als Präsidentin so namhafte Künstler wie Willi Millowitsch und die Höhner ankündigen durfte. „Ich erinnere mich noch gerne an die vielen Tausend Menschen, die ich als Büttenrednerin in der Stadthalle zum Lachen gebracht habe“, berichtet die Dürenerin, die auch viele Geburtstage im Stadthallenrestaurant gefeiert hat, und – wie sie selbst einräumt – im Haus der Stadt nach der Schließung der Stadthalle nicht mehr heimisch geworden ist.

Sonntags in der Geisha-Bar

„Mein strenger Papa erlaubte es mir damals noch nicht, abends auszugehen. Aber jeden Sonntagnachmittag gab es in der ‚Geisha-Bar‘ eine Tanzveranstaltung für Jugendliche. Da durfte ich hin“, erzählt Renate Steinhausen (70). 15 oder 16 Jahre muss sie damals alt gewesen sein. Für den Sonntagnachmittag machte der Vater eine Ausnahme, auch ihre Freundinnen kamen in die Stadthalle. Die lockere Atmosphäre und der laute Rock‘n‘Roll sind Renate Steinhausen noch gut in Erinnerung. Sie weiß noch genau, wie der Raum aussah. „Dort wurde auch heftig geflirtet“, erinnert sich die Gürzenicherin, an den Ort, an dem sie ihren späteren Mann traf.

Die „99er Bälle“

„So eine Atmosphäre wie bei den ‚99er Bällen‘ gab es nie wieder“, schildert Paul Vogt (80). Dort hätten mehrere Generationen noch richtigen Karneval gefeiert. Ein Foto vom Rosenmontagsball der SG Düren 99 hat er über Jahrzehnte verwahrt (siehe oben). Es zeigt unter anderem einige Jungs der Fußballmannschaft des Stiftischen Gymnasiums, die damals kurz vor dem Abitur standen und im kommenden Jahr 60-Jähriges feiern. Es zeigt aber noch viel mehr: „Dieser Ball war das Ereignis zu Karneval in den 50er Jahren. Am 11. Februar 1956 habe ich meine Frau Marie-Luise dort kennengelernt“, erzählt Paul Vogt.

Hausfrauennachmittage

Wehmütige Erinnerungen an die Stadthalle hat auch Paul Gerhard Weber aus Langerwehe. „Dieser Saal strahlte eine Gemütlichkeit aus, die man heute so nirgendwo mehr findet.“ Weber ist als Mitglied der „Bayernkapelle Pier“ ab 1977 bis weit in die 1980er Jahre regelmäßig bei Karnevalssitzungen in der Stadthalle aufgetreten. „Insbesondere bei den Hausfrauennachmittagen hatte wir da immer sehr viel Spaß.“ Und die Kapelle hat natürlich das volle Programm absolviert: „Wir haben uns schon eine Stunde vor dem Auftritt im Foyer an der Theke warm gemacht. Nach dem Auftritt sind wir dann immer bei Wirtin Maria in der Gaststätte gewesen und haben bis tief in die Nacht gefeiert.“

In die Ecke gepinkelt

„Als die Stadthalle eine Baustelle war, habe ich als Lehrling erlebt, wie ein Maurer in die Ecke gepinkelt hat“, erzählt Stefan Fröhling aus Gladbach. Er weiß noch genau, wie in diesem Moment der Architekt in den Raum kam. „Er hat die Ecke rausreißen und neu machen lassen.“ Unter anderem die Waschbecken im Obergeschoss hat Stefan Fröhling mit angebracht. „Der Chef hat Wert darauf gelegt, dass alles akkurat war, schließlich sollten sich dort später die Künstler schminken.“ Jahre später hat Stefan Fröhling selbst wieder an diesen Becken gestanden. Immer dann, wenn er mit dem Männerballett der „Südinsulaner“ auf der Bühne stand. „Das waren Zeiten“, sagt er, der gerne an die Geselligkeit bis zum Morgengrauen und die Aufbauarbeiten für den „Närrischen Kaffeeklatsch“ zurückdenkt.

Alter Glanz

Klaus Radtkes „Stadthallen-Geschichte“ liegt noch gar nicht so lange zurück: Vor einigen Jahren gab es in Düren ein 50er-Jahre-Festival. Dabei bemerkten Klaus Radtke und seine Frau, dass sie etliche Accessoires, Möbel und Kleidungsstücke aus dieser Zeit haben. Als dann die Skunks 2008 ihren Jahresfilm drehten, in dem Außerirdische in Düren landen und in der Stadthalle auf eine verrückte Party treffen, haben die Radtkes sich und die anderen Tänzer des Rock‘n‘Roll-Clubs, die das feiernde Volk spielten, mit der entsprechenden Mode ausgestattet. Den Film schaut Klaus Radtke sich noch heute gerne an. Und auf den Fotos, die er 2008 gemacht hat, sieht man noch den alten Glanz der Stadthalle.

Fliegende Noten

Auch Werner Gossel, Jahrgang 1949, aufgewachsen in der Nachbarschaft der Stadthalle, hat in dem Haus viele Veranstaltungen erlebt. Er erinnert sich noch gut an die Auftritte von Beatbands wie „The Rattles“ und „The Lords“, aber auch von Liedermachern wie „Schobert & Black“. Ein Vorfall ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben: „Es spielte – wenn ich nicht irre – die Dürener , unter der Leitung von Oberstudienrat Christian Reimer, einem bekannten Musiklehrer des Stiftischen. Neben ihm am Dirigentenpult stand ein Sänger mit einem Notenheft in den Händen. Bei einer ausladenden Dirigierbewegung flog es im hohen Bogen ins Publikum. Man kann sich die Heiterkeit, die diese Aktion auslöste, sicher gut vorstellen.“

Karneval des Kinderheims

„Ich war früher im Kinderheim. Und damals haben wir vom Kinderheim aus Karnevalssitzungen in der Stadthalle besucht. Das ist immer wunderschön gewesen“, erzählt Anneliese Wolff. Als sie erwachsen wurde, ist sie mit ihrem Sohn zu Sitzungen in der Stadthalle gegangen.

Die Billard-WM

Margret Malzbender betreute in den 60er Jahren lange Zeit die Coca-Cola-Theke in der Stadthalle, die bei größeren Veranstaltungen immer unterhalb der Treppe aufgebaut wurde. An eine Veranstaltung kann sie sich noch besonders gut erinnern: die Billard-WM im Dreiband im April 1968. „Damals kostete ein Fläschchen Cola noch 25 Pfennig: Viele Spieler gaben aber 5 Mark“, erinnert sie sich. „Von dem Trinkgeld habe ich mir eine Waschmaschine gekauft.“ Das Programmheft von damals hat sie noch, unterschrieben von allen damaligen WM-Teilnehmern, allen voran vom großen Belgier Raymond Ceulemans.

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