Schmidt - Ergriffenheit ist immer noch sehr groß

Ergriffenheit ist immer noch sehr groß

Von: avl
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Schmidt. Mit einer halben Stunde Verspätung traf der Reisebus aus Belgien endlich in Schmidt ein. Ludwig Fischer, Ortsvorsteher des Eifeldorfes, ging erleichtert auf den Bus zu, aus dem die angekündigte Gruppe Amerikaner stieg.

Menschen aller Altersklassen und die Hauptakteure, einige ältere Herren mit ihren Erkennungszeichen, beige-farbene Baseball-Caps, schlugen ihre Jackenkrägen hoch, um sich vor dem scharfen und eisigen Wind zu schützen. Solche Temperaturunterschiede müssen erst einmal verarbeitet sein.

Aus Missouri, Kalifornien und Colorado reisten die letzten noch lebenden amerikanischen Kriegsveteranen des 2. Weltkrieges an, um über belgische Kriegsgräberstätten zu dem Ort zu gelangen, an dem sie vor 60 Jahren die fürchterlich verheerenden Kämpfe im Hürtgenwald überlebten. Von dort nahmen sie damals Bilder und Erlebnisse mit zurück in ihre Heimat, die sie wohl ihr Leben lang nicht vergessen können.

Traumatisierte Soldaten

Sieben inzwischen greise und teilweise körperlich gehandicapte Männer quälten sich, von ihren Söhnen oder Enkelkindern gestützt, aus dem Reisebus. „I´m happy, to meet you again”, wurden sie herzlich von Ludwig Fischer begrüßt. Man kennt und schätzt sich seit vielen Jahren.

Schmidts Ortsvorsteher empfindet den von ihm maßgeblich initiierten, regelmäßigen Kontakt zu den ehemaligen Kriegsgegnern als selbstverständlich. Eine Herzensangelegenheit, ganz im Sinne von Völkerverständigung, Aussöhnung, ganz im Einklang mit seinem christlichen Weltbild und Selbstverständnis.

Auch aus Nord-Deutschland reisten für dieses kurze Treffen vier Veteranen an. Auch hier wieder ein junger Mann, der sich für die alten Männer einsetzt und sie uneigennützig begleitet. Denn ohne seine Hilfe wäre der für sie so wichtige Besuch zu den Orten ihrer traumatisierten Soldaten-Vergangenheit nicht möglich.

„Mein Vater war damals auch in Schmidt im Einsatz”, so Gerhard Monsess aus der Nähe von Bremen. Jahrelang hat er seinen Vater zu Veteranentreffen in die Eifel begleitet und kennt inzwischen viele der angereisten Amerikaner.

Auch nach dem Tode seines Vaters liegen ihm die Treffen der einstigen Kriegsgegner am Herzen. Seit Jahren betreut er die norddeutsche Sektion und fährt zusammen mit den Veteranen aus seiner Region zu den Schauplätzen ihrer damaligen Einsätze.

Ihre erste Station in Schmidt galt dem im vergangenen Jahr aufgestellten Splitterkreuz, das von Schmidtern aus original Granatsplittern geschweißt und auf dem Kirchenvorplatz aufgestellt wurde. Der anschließende Besuch der im Volksmund unter dem Namen „St. Mokka” bekannten Pfarrkirche, wärmte nicht nur ihre Körper.

Die vom Schmidter Kirchenvorstand initiierte aktuelle Fotoausstellung „Die wahren Gesichter des Krieges”, die zum einen Fotografien des letzten Weltkrieges in und um Schmidt und zum anderen unter die Haut gehende Bilder aus Konzentrationslagern zeigen, ließen bei dem einen oder anderen ehemaligen Kriegsteilnehmer alle Dämme der Selbstbeherrschung brechen.

Derartig mit der Vergangenheit konfrontiert, mussten einige das Gotteshaus vorzeitig verlassen. Andere wurden weinend, von jungen Leuten gestützt, wieder hinaus in die winterliche Kälte geführt.

Bevor es zum Abschluss mit dem Reisebus weiter nach Vossenack zum gemeinsamen Essen ging, besuchte die Gruppe ein Soldatengrab, das auf einem Privatgrundstück im Ortsteil Kommerscheidt liebevoll gepflegt wird.

Viel lebendig gewordene Vergangenheit, tröstende Worte von denjenigen, die ihre grauenvolle Zeit im Hürtgenwald miterlebt haben, aber auch das wohltuende Interesse jüngerer Generationen und die Gastfreundschaft der Schmidter nahmen die betagten Herren wieder mit zurück nach Hause.

Beim Winken aus dem Bus heraus drängt sich Ludwig Fischer die bange Frage auf, ob man sich in diesem Leben wohl noch einmal hier in Schmidt wiedersehen wird, denn die amerikanischen und deutschen Veteranen sind mittlerweile alle weit über 80 Jahre alt.
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