Erfolgsgeschichte Stadtmuseum: „Werden uns weiterentwickeln“

Von: Burkhard Giesen
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Bernd Hahne vor einem Setzkasten im Dürener Stadtmuseum. Das besteht jetzt seit fünf Jahren. In einer neuen Broschüre zeigt der Trägerverein, welcher Themen man sich in dieser Zeit angenommen hat. Foto: Burkhard Giesen

Düren. Wie faszinierend Geschichte sein kann, dafür hätte Bernd Hahne vermutlich Dutzende Beispiele parat. Je tiefer man sich in die Historie vergräbt, desto mehr fördert man ans Tageslicht, desto arbeitsintensiver wird es aber auch, die Vergangenheit ausgewogen didaktisch aufzuarbeiten. Vor fünf Jahren gehörte Hahne mit zu den Hauptinitiatoren des Dürener Stadtmuseums. Eine Erfolgsgeschichte.

Beeindruckende Ausstellungen, hohe Besucherzahlen, eigene Räumlichkeiten, 40 bis 50 Mitstreiter, die sich regelmäßig aktiv engagieren. Die Bilanz, die Hahne in einer Broschüre zum fünfjährigen Bestehen auf 50 Seiten zieht, kann sich sehen lassen.

Dennoch hadert er, vielleicht aus der Angst heraus, den eigenen Ansprüchen nicht immer gerecht werden zu können. „Schon bei unserer ersten Ausstellung zu ‚Dürens Goldene Jahre‘ (1871-1914) haben wir gemerkt, wie viel hier noch aufzuarbeiten ist“, erinnert sich Hahne. „Bisher wurde Düren ja meist nur als malerische Stadt mit seinen schönen Villen beschrieben.“

Chronologisch wollte man vorgehen, irgendwann einmal mit einer ständigen Ausstellung 1250 Jahre Stadtgeschichte abdecken. Dass man genau dies wirklich leisten kann, da ist sich Hahne nicht mehr ganz so sicher: „Ich glaube, dass wir unsere grundsätzliche Konzeption überdenken müssen“, sagt er vor dem Hintergrund, dass man jetzt schon seit mehr als anderthalb Jahren damit beschäftigt ist, die Folgezeit, also die Zeit des 1. Weltkrieges, aufzuarbeiten. Und das überaus gewissenhaft. Hahne selbst arbeitet zum Beispiel Seite für Seite die damaligen Zeitungsseiten durch. „Ich bin im November 1915 angekommen. Bis zum November 1918 ist es da noch ein weiter weg.“

Schon jetzt ist die Fülle der Information erschlagend. „Für mich sind ganz viele neue Fragestellungen aufgetaucht“, erzählt Hahne. „Zum Beispiel wird kaum erwähnt, wie der Mittelstand unter dem Kriegsbeginn gelitten hat. Das ganze Bauhandwerk ist vollkommen zusammengebrochen, weil es fortan weder öffentliche noch private Aufträge gab. Und das ist nur ein Beispiel.“

Oder das Thema Lebensmittelbeschaffung. Hahne: „Die Menschen mussten ja wenigstens so viel zu Essen haben, dass sie nicht revoltierten.“ Also hat der Staat eingegriffen, etwas, was es zuvor nicht gegeben habe. „Da wurden beispielsweise in Düren Höchstpreise für Kartoffeln festgelegt, weil es eine große Kartoffelnot gab. Und das, obwohl 1915 so viele Kartoffeln geerntet wurden, wie nie zuvor.“ Hahne weiter: „Die Polizei hat auch Geschäfte durchsucht und Kartoffeln unter Kohlen versteckt entdeckt. Die wurden dann zum Verkauf freigegeben.“

Oder das Thema der privaten Wohlfahrt in Düren. „Heute ist in 90 Prozent der Fälle der Staat erster Ansprechpartner. Damals wurde es privat organisiert. Es gab so was wie Volkssolidarität.“ Nur drei Beispiele, die zeigen sollen, wie tief die Mitglieder des Stadtmuseums in die Materie einsteigen und wie viel es noch aufzubereiten gilt. Ist das überhaupt zu leisten? Hahne ist da etwas skeptisch. „Vielleicht müssen wir einfach eine Generalschau konzipieren“, sagt er etwas leiser, selbst nicht ganz glücklich mit der Idee.

Er weiß umgekehrt aber auch, dass der tiefe Einstieg ins Thema 1. Weltkrieg dazu führt, sich erst später mit der Folgezeit zu beschäftigen. „An die wirklich unangenehmen Zeiten sind wir ja noch gar nicht rangegangen. Wir werden noch vieles ausbuddeln, was diese Stadt betrifft. Und das wird nicht nur angenehm werden“, sagt er wieder etwas lauter. Das will aufbereitet werden, auch didaktisch. Hahne: „Wir werden zunehmend auch von anderen als ernst zu nehmender Teil der historischen Landschaft wahrgenommen.“

Was auf der einen Seite schmeichelt, sorgt auch für Arbeit – zusätzliche Führungen, Unterrichtsstunden, Anfragen. Das muss personell erst mal gestemmt werden. Und: Es gibt auch Kritik von Fachleuten, die dem Stadtmuseum vorhalten, ihre Ausstellungen seien nicht wirklich konzipiert, sondern man würde alles zeigen, was man besitzt. „Wir sind gerade erst mal fünf Jahre auf dem Markt. Wir werden uns weiterentwickeln“, verspricht Hahne: „Die gestalterische Linie soll stärker erkennbar werden.“

Hahne weiß aber auch, dass es eine stete Gratwanderung sein wird. Immerhin strömen die Dürener gerade auch deshalb ins Stadtmuseum und zu den Veranstaltungen, weil sie sich und ihre eigene Vergangenheit in den Ausstellungen wiederfinden können. Vielleicht auch, weil sie dabei gleichzeitig den Bezug zur Gegenwart vermittelt bekommen.

Hahnes passendes Beispiel: Bei einer Veranstaltung zum 1. Weltkrieg hatten Schülerinnen die Texte von Altersgenossen vorgelesen. Hahne: „Wir echauffieren uns heute über Islamisten, die mit glühender Begeisterung in den Krieg ziehen. Vor 100 Jahren war unsere Sichtweise nicht anders.“

Die Broschüre „Fünf Jahre Stadtmuseum Düren“ kann im Museum erworben werden. Es gibt sie auch als kostenlosen Download unter www.stadtmuseumdueren.de.

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