Erfahrungsaustausch: Zwei Dürener Bürgermeister im Interview

Von: Carsten Rose
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„Das Bürgermeistersein war mein Leben“, erzählt Hans-Günter Pütz (r.), 78, aus Heimbach. Dr. Timo Czech (Mitte) und Redakteur Carsten Rose hören ihm gerne bei seinen Anekdoten zu.

Heimbach/Nörvenich. Wer sein Amt als Bürgermeister mit Freude ausübt, der macht wenig Fehler. Das sagt Hans-Günter Pütz, der so viel Freude hatte, dass er gleich 36 Jahre Heimbachs Erster Bürger gewesen ist. Im DZ-Trialog unterhält er sich mit dem Nörvenicher Bürgermeister, Dr. Timo Czech (beide CDU) der seit 2015 die Geschicke der Gemeinde leitet, über ihre Erfahrungen und Erlebnisse als Bürgermeister mit Redakteur Carsten Rose.

Herr Dr. Czech, haben Sie Lust, jahrzehntelang Bürgermeister zu sein?

Dr. Timo Czech: Derzeit kann ich mir nichts anderes vorstellen. Ich bereue keinen Tag in den vergangenen anderthalb Jahren. Daher halte ich es für möglich, möchte aber gar nicht so weit in die Zukunft schauen.

Wie haben Sie 36 Jahre lang durchgehalten, Herr Pütz?

Hans-Günther Pütz: Die ersten 28 Jahre war ich noch ehrenamtlich Bürgermeister, erst danach hauptamtlich. Wie schafft man das? In erster Linie natürlich mit der Wiederwahl. Ich habe die lange Zeit aber nie bereut, im Gegenteil: Bürgermeistersein war mein Leben. Ich war Bauingenieur, da ging ich als ehrenamtlicher Bürgermeister auch mal mit schmutziger Hose ins Rathaus. Das hat mir nichts ausgemacht. In den Ehrenamts-Jahren waren die Stadtdirektoren und Beamte häufig krank, so dass ich viel Einblick in die Verwaltung bekommen habe. Das war eine Lehrzeit für mich, sonst hätte ich das im Hauptamt nicht geschafft.

Wenn Hans-Günther Pütz über seine lange Amtszeit spricht, betont er mehrmals, dass das Verhältnis zwischen den Ratsfraktionen in der Regel gut war. „Es war üblich, dass wir nach den Ratssitzungen Skat gespielt haben“, erzählt er zum Beispiel.

Braucht ein Bürgermeister heute andere Eigenschaften als damals?

Pütz: Ich kann mir kein Urteil über die heutige Zeit erlauben. Aber klar, die Technik ist viel weiter. Früher war das Fax hochmodern. Ich bin immer als Letzter aus dem Rathaus gegangen und habe das Fax ausgezogen. Der Kreisdirektor wollte mir eines Abends aber noch etwas Dringendes schicken, also musste er damit nach Heimbach kommen. Das war vor Weihnachten, und als ich nach Hause kam, saß der Kreisdirektor auf dem Sofa und hatte meine Plätzchen gegessen. Da hatte ich mit dem Faxausziehen nichts gewonnen.

Czech: Ich kenne die damalige Zeit nur vom Hörensagen. Aber: Wenn ich mir heute den Berufsstand der Bürgermeister im Kreis angucke, dann ist die Vielfalt sehr groß. Uns befruchten die verschiedenen Hintergründe im Austausch. Nehmen wir Joachim Kunth aus Vettweiß: Er ist gelernter Bäcker, hat dann als Angestellter in der Verwaltung gearbeitet. Ich war bei der Bundeswehr, dann in der freien Wirtschaft. Das zeigt mir: Es gibt nicht die vorgegebene Karriere des Bürgermeisters. Ich finde es gut, dass es keine rechtliche Anforderung gibt, sondern dass der Bürger selbst entscheiden kann, wer der Richtige ist.

Dass Czech zehn Jahre Bundeswehr- und Offizierserfahrung hat, sei einerseits nützlich, weil „ich gelernt habe, mich präzise auszudrücken und mit hoher Selbstdisziplin und Zielstrebigkeit Dinge umzusetzen“. Andererseits helfe die Form des Befehls und Gehorsams aber wenig in der modernen Personalführung. In der freien Wirtschaft und in einer kooperativen und als Team arbeitenden Kommunalverwaltung komme man mit „Bitte“ und „Danke“ doch erheblich weiter.

 

Sprechen wir über Vor- und Nachteile der Größe der Kommunen.

Pütz: Für mich war es ein Vorteil als ehrenamtlicher Bürgermeister, dass Heimbach so klein ist. Man kennt die Leute persönlich über die Vereine und Feste. Ich erlebe das heute noch. Ich kenne zwar nicht mehr alle mit Namen, aber ich kann genau einordnen: Der kommt von Vlatten, der kommt aus Hergarten.

Czech: Die Größe einer Kommune sagt wenig aus und ist kein guter Vergleichsmaßstab. Ob die Einwohnerzahl auf vier oder 14 Orte verteilt ist, kann etwa in der Anzahl der Vereine einen Riesenunterschied machen. Nörvenich hat 94 Vereine. Da unterscheidet sich die Anzahl Termine eines Bürgermeisters deutlich, obwohl die Einwohnerzahlen manchmal annähernd gleich sind. Und viele Dinge richten sich alleine nach der Einwohnerzahl – nicht nach Aufwand. Nörvenich hat 38 Kilometer Gemeindestraßen zu unterhalten. Weniger Orte würde da auch weniger zu unterhaltende Infrastruktur bedeuten.

Was waren Ihre schwierigsten Entscheidungen?

Czech: Immer dann, wenn wir Landesgesetze umsetzen müssen, die im Einzelfall Bürger über Gebühr belasten, würde ich gerne andere Lösungen finden. Beispiel: Momentan müssen wir Anwohner wegen einer Straßensanierung zu Beiträgen heranziehen. Das kann je nach Grundstücksgröße auf einen Schlag 20 000 Euro ausmachen. Der erste Gedanke ist immer: Wer ein großes Grundstück hat, der hat auch viel Geld. Das ist in Heimbach oder Nörvenich aber nicht so wie in Köln. Wer dort ein großes Grundstück hat, der hat ganz andere finanzielle Voraussetzungen. In anderen Bundesländern gibt es bessere Lösungen für Straßeninstandhaltung. Jeder Haushalt zahlt den sogenannten wiederkehrenden Straßenausbaubeitrag mit jährlich etwa 130 Euro. Das trifft niemanden so hart wie diese Riesensummen auf einen Schlag.

Pütz: In meiner Zeit im Ehrenamt mussten wir die Kanalbeiträge drastisch erhöhen, weil wir in Blens eine Kläranlage gebaut haben. Ich habe auf einer Versammlung auch feindliche Blicke gesehen. Ich sah Rentner, die große Grundstücke hatten, die aber außer ihrer Rente nicht mehr viel besaßen. Das hat mich wirklich belastet.

Stichwort: Bürgernähe.

Pütz: Damals habe ich in jedem der sechs Orte Bürgersprechstunden angeboten. Das war ein günstiges Ventil, weil sich viele mit ihren kleinen Wehwehchen nicht zu Bürgerversammlungen trauten.

Czech: Bürgerversammlungen veranstalte ich oft, es gibt heute sehr viel mehr als vorher. Das gelingt aber sehr unterschiedlich: Zu einem wichtigen Thema kommen mal nur zehn Einwohner. Zu anderen 150, 200. Aber wir haben 11 000 Einwohner – da sind 200 nicht viel, obwohl uns die Teilnahme jedes Einzelnen freut. Viele bringen sich lieber über Facebook ein, aber dort bleiben Dinge leider oft unwidersprochen. Was sich nie geändert hat, ist die Wichtigkeit der Präsenz auf Vereinsfesten. Die Hürde, mich anzusprechen, ist niedrig, ganz informell. Ich habe immer Zettel und Stift dabei. Auch Kleinigkeiten sind ein Anliegen für den Bürgermeister, wenn sie Menschen in dem Moment berühren und die Verwaltung noch nicht Bescheid weiß.

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