Erdogan spaltet auch Dürener Türken in zwei Lager

Von: Stephan Johnen
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Saffet Akkas, Türkan Mark und Atila Balikci (v.l.) aus Düren sprachen mit der DZ über die Demonstrationen in der Türkei. Foto: Stephan Johnen

Düren. Seit Tagen beherrschen Bilder der Unruhen am Istanbuler Taksim-Platz die Medien. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer gegen friedliche Demonstranten ein. Das EU-Parlament hat den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan auch wegen seiner unversöhnlichen Haltung zu den Demonstranten im Gezi-Park scharf kritisiert.

International solidarisierten sich Menschen mit Besetzern des Parks, die zunächst gegen den Bau eines Einkaufszentrums demonstrierten – und schließlich gegen die Politik Erdogans. Es sind Bilder, die auch von der türkischen Gemeinde in Düren aufmerksam verfolgt werden. Die DZ hat sich mit Türkan Mark, Saffet Akkas und Atila Balikci zu einem Gespräch auf dem Gelände der Moschee an der Veldener Straße getroffen.

„Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht bei der Arbeit von Kollegen darauf angesprochen werde“, berichtet Atila Balikci aus dem Dürener Norden. Er sei unter seinen Kollegen der einzige mit türkischen Wurzeln. „Alle fragen mich, was bei ‚uns‘ los ist“, sagt Balikci, der einen deutschen Pass hat und lupenreines Hochdeutsch mit rheinischen Zungenschlag spricht.

„Was in der Türkei geschieht, spiegelt sich auch in Düren wider“, sagt Saffet Akkas, Mitglied des städtischen Integrationsausschusses. Erdogan spalte die türkische Gesellschaft in zwei Lager. „Das ist in der Türkei so, das ist in Düren so, das ist selbst in den einzelnen Familien so“, erklärt Türkan Mark. „Entweder du bist für ihn – oder du gehörst zu den anderen.“

Erstmals geschehe in der Türkei aber etwas, das es in Erdogans Amtszeit noch nicht gegeben hat: „Anhänger linker und rechter Parteien, Konservative und Liberale, Säkulare und Religiöse schließen sich bei den Demonstrationen zusammen“, berichtet Saffet Akkas. Selbst die Fans der Istanbuler Fußballvereine, die sonst nicht unbedingt für ihre gute und friedliche Zusammenarbeit bekannt seien, hätten sich zusammen gegen Erdogan gestellt. „Die Brutalität, mit der die Polizei gegen die Demonstranten vorgegangen ist, war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat“, schätzt Türkan Mark die Lage in der Türkei ein. „In 60 Städten gehen die Menschen auf die Straße“, sagt sie.

Alle drei Dürener haben Freunde, Bekannte oder Verwandte in der Türkei, alle drei verfolgen das Geschehen – und alle haben Sorgen. Spitzt sich die Lage weiter zu? Oder ändert Erdogan – wie sich zuletzt andeutete – seinen Kurs und setzt auf einen Dialog?

Angefangen habe im Jahr 2002 alles recht vielversprechend. „Erdogan hat fünf Jahre fleißig gearbeitet, er galt als Reformer“, blickt Atila Balikci zurück. 2007 wurde er erstmals wiedergewählt, gestärkt. „Dann hat er angefangen, die Institutionen zu verändern“, bilanziert Balikci. Erdogan habe Sondergerichte gegründet, politische Gegner ausgebremst, in die Privatsphäre der Menschen eingegriffen, den Demokratisierungsprozess zurückgedreht. Gleichzeitig habe er es geschafft, sich bei der Landbevölkerung beliebt zu machen. „Er verteilt Nahrungsmittel. Kohle im Winter und Schulbücher. Man kann verstehen, warum die Menschen ihn wählen“, sagt Türkan Mark. Zumal Erdogan sich und die Türkei auf dem internationalen Parkett selbstbewusst vertritt. Das komme gut an.

Doch wie geht es in der Türkei weiter? „Ich bin entsetzt über die Vorgänge, aber ich bin auch stolz auf die mutigen Menschen, die friedlich demonstrieren“, sagt Türkan Mark. Sie hofft, dass die Demonstrationen etwas bewirken. „Erdogan wird nicht zurücktreten“, mutmaßt Balikci, „aber er kann auch nicht so weitermachen.“ Die Bürger der Türkei hätten ihm Grenzen aufgezeigt.

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