Enthüllungsjournalist Günter Wallraff in Obermaubach

Von: Anke Holgersson
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Journalist und Autor Günter Wallraff war bei einem Erzählabend in Obermaubach. Foto: ah

Kreuzau. „Sagen wir es so: Ich möchte nicht mit mir tauschen“, scherzte der für seine Enthüllungsreportagen bekannte 74-jährige Günter Wallraff am Freitag bei einem Gesprächs- und Leseabend im Restaurant „Strepp am See“. Es war die Antwort auf die Frage des Moderators Johannes Junggeburth nach seinen aktuellen Projekten. Und die seien vielfältig, voller Einzelschicksale von Menschen, denen er zu ihrem Recht verhelfen wolle.

Das präge seine Arbeit viel mehr als die „großen Veröffentlichungen“, die oftmals auch nur dann zum Tragen kämen, wenn die Mittel des Verhandelns versagten.

Wallraff zeigte sich sympathisch und offen und erzählte quer durch die Jahrzehnte und Themen seines Schaffens unterhaltsame Anekdoten. Zum Beispiel jene von dem Empfang, den sein Verlag 1973 während der Frankfurter Buchmesse anlässlich der Präsentation des Buches „Ihr da oben – wir da unten“ gegeben hatte.

Wallraff fühlte sich angesichts der vor Überfluss berstenden Tische und der „eher übersättigt“ wirkenden Gäste fehl am Platz und schlich sich davon, Richtung Bahnhof. Im dortigen Wartesaal traf er auf ein gutes Dutzend von Not gezeichneter Menschen. Er lud diese Obdachlosen spontan ein, mit zu dem Empfang zu kommen. Dort angekommen, hätten die meisten der ursprünglich Geladenen brüskiert reagiert. Anders der damals verantwortliche Verleger Reinhold Neven Dumont, der die „Angemessenheit und Symbolik“ der überraschend auftauchenden Menschen „von unten“ sofort erkannt und die Bettler herzlich empfangen habe, um mit ihnen den Abend zu verbringen. „Die Zeche teilte ich mit meinem Verleger“, las Wallraff vor.

Seinen Durchbruch hatte Wallraff 1985 mit dem Buch „Ganz unten“, in dem er die Ausgrenzung und Misshandlung schilderte, die ein Türke, dessen Identität er zwei Jahre lang annahm, Anfang der 80er Jahre erleiden musste. Er schlüpfte in den folgenden Jahrzehnten in viele Rollen, um die Ungerechtigkeiten der Arbeitswelt und der Gesellschaft aufzuzeigen. Zuletzt als Paketauslieferer, als Call-Center-Mitarbeiter oder als dunkelhäutiger Somalier in Deutschland.

„Die Verkleidung ist kein Selbstzweck“, sagte er. „Das wäre Karneval.“ Die Notwendigkeit der Verkleidung hätte sich ergeben, als in den Personalabteilungen großer Unternehmen nach seinen ersten Undercover-Einsätzen „Wallraff-Steckbriefe“ kursierten.

Bundeswehr-Zeit

Zu der journalistischen Technik der Enthüllungsreportage war er während seiner Zeit bei der Bundeswehr gekommen. Seine Kriegsdienstverweigerung wurde abgelehnt. Er musste also gegen seinen Willen zur Bundeswehr, wo er den Kameraden nachts Feldblumen in die Gewehrläufe steckte und tagsüber Tagebuch führte über seine Erlebnisse. Ohne diesen Zwangsaufenthalt sei er vermutlich Lyriker geblieben, urteilt er heute.

Heinrich Böll ermutigte ihn damals, sein Bundeswehr-Tagebuch zu veröffentlichen und half ihm, erste Schritte als Autor zu gehen. Der Abend am See war auch eine Hommage an Heinrich Böll anlässlich dessen 100. Geburtstages. Johannes Junggeburth, der die Idee zu dem Obermaubacher Gespräch mit Wallraff hatte, trug durch Gesang und Gitarrenspiel ebenfalls zu dieser Würdigung bei. Wallraff erzählte, dass Böll ein „absolutes Vorbild“ für ihn gewesen sei. Ein Mensch, der im „Reden, Handeln und Sein eins war“ und der sich zeitlebens für Bedürftige und Verfolgte eingesetzt habe.

Günter Wallraff präsentierte sich souverän und gelassen. Mit Ausnahme weniger Stellen, wo er – deutlich mitgenommen von den Schicksalen seiner Schützlinge –verbal und namentlich auf Politiker losging, die diese oder jene Unterstützung verweigert hätten. Da war Polemik zu spüren, die ansonsten erfreulich wenig Raum einnahm.

Viele Fragen

„Ich bin auch nicht immer ganz meiner Meinung“, gab Günter Wallraff am Ende eines entspannten Erzählabends zu und ermutigte die etwa 50 Zuhörer ausdrücklich zu Kritik. Und so wurde gefragt, warum er denn heutzutage seine Enthüllungsreportagen im Privatfernsehen zeige. Weil er über die öffentlich-rechtlichen Sender die Unterdrückten nicht mehr erreiche, lautete seine Antwort.

Über die Frage, wie er zum Thema „Political Correctness“ stehe, freute er sich. „Das ist eine ganz wichtige Frage,“ urteilte er und sagte, dass wir uns oft falsche Zurückhaltung auferlegen würden. Als Beispiel nannte er den Diskurs um den Islam: Über Verbrechen, die im Namen des Islam passierten, würde nicht offen gesprochen aus Angst, rechten Kräften in die Hände zu spielen. Ein Thema, das „zu heiß“ sei, um es anzufassen, gäbe es für ihn nicht. Er hätte nie Angst verspürt, auch nicht um sein Leben, obwohl es oftmals während seiner Recherchen in Gefahr geraten sei.

Im Gespräch mit dem Publikum erzählt er schließlich noch, dass er mitunter Stimmungstiefs erlebe, weil er eben auch oft nicht helfen könne. Die Freude am Überführen und an seinen „Eulenspiegeleien“ entschädige ihn aber und sorge dafür, dass er in allen Menschen immer erst einmal das Positive sehen könne.

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