Emotionen ohne sentimentale Attitüden in der LVR-Klinik

Von: Bruno Elberfeld
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Unter der Leitung von Johannes Esser führte der Kammerchor der CVD das „Crucifixion“ von Paul Ernst Ruppel auf. Zuvor kam in der Herz-Jesu-Kirche der LVR-Klinik die Johannes-Passion von Heinrich Schütz zu Gehör. Foto: bel

Düren. Johannes Esser, Chef der Cappella Villa Duria, und seine Mitstreiter sind immer wieder für ein spannungsgeladenes Konzert gut. So führte der Kammerchor der CVD unter der Leitung von Irmgard Hafenrichter zunächst die Johannes-Passion von Heinrich Schütz (1585-1672) auf.

Das war gekonnt und lag in der Tradition. Solisten waren Johannes Esser als Evangelist Johannes und Wolfgang Tombeux hatte die Rolle Jesu übernommen. Die übrigen Interpreten standen in den Reihen des Chores: Christian Ebbertz sang den Pilatus, Gerhard Kohleick den Petrus, Ulrike Tatsch schlüpfte in die Rolle der neugierigen Magd, Jochen Abels lieh seine Stimme einem Knecht.

Verzicht auf Instrumente

Im Gegensatz zu den gewaltigen Bach‘schen Passionen verzichtet Heinrich Schütz auf Instrumente, was bei der Qualität des Kammerchors dem Klang in der Herz-Jesu-Kirche der Dürener LVR-Klinik keinerlei Abbruch tat. Die Solisten rezitierten mit großer Konzentration und brachten im Rollenspiel die Erzählung um Leiden und Sterben Jesu vorwärts. Grandios das „Stehvermögen“ des Erzählers, Johannes Esser, der den längsten Textpart bewältigen musste.

Neu war im 17. Jahrhundert bei der Komposition von Heinrich Schütz die Rolle des Chores. Der Chor wurde zum Dialogpartner der Solisten. Melodiös, nahezu ohne Spur eines Chorals nach gregorianischem Muster, gelingt dem Komponisten eine bis dahin nicht gekannte Dramatik.

Schütz baute eine spürbare Spannung auf, übertrug dem „Turbachor“ (Turba gleich Menge, Haufen, Gewühl) eine eigene Rolle. Die Sängerinnen und Sänger schafften im Dialog mit den Hauptakteuren eine aufgeheizte Atmosphäre vor und während des Gedenkens der Leidensgeschichte Jesu. Viele Hundert Jahre später schrieb Paul Ernst Ruppel „Crucifixion“. Im Mittelpunkt dieses Werks steht ebenfalls die Passion Christi. Der Chor wurde von Uli Winz (Kontrabass) und Saman Maroofi (Posaune) begleitet.

Klaus Kenke trieb mit seiner sonoren Sprecherstimme und angemessener Gestik das Geschehen voran. Das Dirigentenpult hatte Johannes Esser übernommen. Einziger Gesangssolist war in diesem Werk Tenor Wolfgang Tombeux, ein Garant für artikulierten Gesang. Sprecher Kenke gab den Inhalt der Leidensgeschichte Jesu in freien Worten wieder. Empathisch wurden die gesprochenen Texte von Sängern und Instrumentalisten kommentiert und interpretiert.

Elemente der Jazzliteratur

Die Gäste in der Herz-Jesu-Kirche auf dem Gelände der LVR-Klinik kamen bei der Präsentation im Altarraum nicht umhin, in ihren Köpfen Bilder zu malen. Denn unheimlich eindringlich kamen sie daher, diese Lieder. Sie sind amerikanischen Spirituals entlehnt, frei in die deutsche Sprache übersetzt. Posaune und Kontrabass erinnerten an Elemente aus der Jazzliteratur. Den Akteuren in der Herz-Jesu-Kirche gelang es, das karfreitagliche Geschehen in eindrückliche Emotionen ohne sentimentale Attitüden zu verwandeln.

Die Anklagen des Pilatus, der Hohen Priester und des Volkes wurden musikalisch „gehämmert“. „Immer warst du dabei! Immer warst du dabei!“ Der feige Petrus leugnet. „Warst du dabei, als Jesus gekreuzigt wurde?“ Inquisitorische Fragen an den ersten Leiter der jungen Kirche. Doch vielleicht auch Fragen an die Männer und Frauen in den Kirchenbänken? Viele Besucher empfanden es offenbar so, nicht unangenehm, sondern aufweckend und einstimmend auf die österliche Zeit.

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