Libyen/Düren - Einsatz in Libyen: „Überall wurde ständig geschossen”

Einsatz in Libyen: „Überall wurde ständig geschossen”

Von: Tobias Röber
Letzte Aktualisierung:
Solche Bilder sah das Team von
Solche Bilder sah das Team von Ärzte ohne Grenzen bei seiner täglichen Fahrt vom Haus zur Klinik in Libyen: 70 bis 80 Prozent der Stadt Misrata sind zerstört. Die Mediziner kamen kurz nach dem Tod Gaddafis in Libyen an.

Libyen/Düren. Die Bilder, die Dr. Wolfgang Spithaler aus Libyen mitgebracht hat, sind nichts für schwache Nerven. Offene Brüche, Brandwunden, Maden in offenen Wunden. Alles andere als schöne Erinnerungen, aber sie spiegeln die Realität in dem vom Bürgerkrieg geplagten Land wider.

Dr. Wolfgang Spithaler war für „Ärzte ohne Grenzen” vier Wochen in Libyen. Es war Spithalers erster Einsatz für die Organisation. Erfahrungen mit humanitären Hilfsprojekten im Ausland hat er schon viele gesammelt. In Polen und der Ukraine war er jahrelang aktiv. Und nun ging es eben nach Libyen.

Von einem Abenteuer spricht der Mediziner im (Un)Ruhestand nur ungern. Aber irgendwie war es genau das für ihn. „Ich hatte nur ein Flugticket”, blickt er zurück. Damit ausgerüstet setzte er sich in Köln in den Flieger nach London, von dort aus ging es weiter nach Malta und schließlich nach Misrata. „Ich wusste nicht mal, wer mich am Flughafen abholt”, sagt Spithaler. Die Maschine ins libysche Misrata hatte er mit seinem inzwischen hinzugestoßenen französischen Kollegen ganz alleine. Nur wenige Tage nach dem Tod Muammar al-Gaddafis trafen die Mediziner in Misrata ein.

Mit so viel Luxus war es in Libyen (natürlich) vorbei. Das Team wohnte in einem Haus etwas außerhalb der Stadt, die zu 70 bis 80 Prozent zerstört ist. Ausgebrannte Autos, Einschusslöcher in Häuserfronten, von Sprengsätzen zerstörte Straßen gehörten zum Alltag. Spithaler schlief einen Monat lang auf einer Matratze unter einem Moskitonetz. Sein Kleiderschrank war ein einfacher Kleiderständer. Ein Sessel oder gar eine Couch - Fehlanzeige. Ein einfacher weißer Plastikstuhl musste genügen. Für die täglich zwölf oder 13 Stunden Arbeit standen einheimische Fahrer zur Verfügung. Das Team kannte nur den Weg vom Wohnhaus zum Krankenhaus und zurück. Ein Ausflug in die Wüste und ein kurzer Besuch bei Einheimischen waren die Ausnahme.

Notfallversorgung

„Und überall wurde ständig geschossen”, erklärt der Mediziner. Dennoch habe er sich bei den einheimischen Fahrern stets sicher aufgehoben gefühlt. Der Auftrag in Misrata lautete: Versorgung der Verletzten in Gefängnissen. In einem Gefängnis sollte die medizinische Versorgungsstation aufgebaut werden. Sollte. Als das „Ärzte ohne Grenzen”-Team dort ankam, war schnell klar, dass die hygienischen Bedingungen im Gefängnis absolut unzureichend waren.

Also wurde die Notfallversorgung kurzerhand in Kooperation mit einem Krankenhaus in die Wege geleitet. Die Krankenhäuser dort sind mit deutschen jedoch überhaupt nicht zu vergleichen. In einen libyschen Operationssaal würde sich der deutsche Durchschnittsbürger wohl kaum trauen.

Rund 100 Fälle haben Dr. Wolfgang Spithaler als Chirurg und die anderen Mediziner aus elf Nationen in den vier Wochen behandelt. Gesprochen wurde ausschließlich englisch, und trotz all der Unterschiede, habe die Zusammenarbeit reibungslos funktioniert, erklärt der Dürener.

Vor dem Einsatz - so ist es bei „Ärzte ohne Grenzen” üblich - wurden die Mediziner auf den Einsatz vorbereitet. „Aber was einen dort wirklich erwartet, das kann man sich vorher gar nicht vorstellen”, erklärt Spithaler. Die Einzelschicksale, Schussverletzungen, Verletzungen nach Folterungen, misshandelte Gefangene, die Verhältnisse, in denen die Menschen leben - damit wurde das Team erst vor Ort so richtig konfrontiert.

Dr. Wolfgang Spithaler ist 69 Jahre alt. Bis Ende des Jahres 2007 war er Ärztlicher Direktor und Chef der Chirurgie des St.-Augustinus-Krankenhauses Lendersdorf. In dieser Zeit gründete er mit dem Krankenhaus das Projekt „Humanitäre operative Hilfe in den Ostblockstaaten” und setzte es auch um. In einer dem Krankenhaus angegliederten Praxis blieb er weiter dabei. Seit anderthalb Jahren ist er nun in der Paulusklinik tätig. Mit Eintritt in diese Tätigkeit hat er sich dann bei „Ärzte ohne Grenzen” gemeldet. „Ich hatte das schon immer im Hinterkopf. Aber erst jetzt habe ich auch die nötigen Freiräume”, sagt Spithaler.

Und warum setzt sich ein 69-Jähriger diesen Strapazen aus? „Ich fühle mich noch fit und möchte meine Erfahrungen weitergeben”, verrät er. Die Dankbarkeit der Patienten wird er sicher nicht vergessen. Ebenso wenig den Anblick der Reste des Palastes von Muammar al-Gaddafi, an dem er kurz vor dem Rückflug von Tripolis aus vorbeikam.

Im Februar oder März sollen die nächsten Anfragen der „Ärzte ohne Grenzen” kommen.

Ärzte ohne Grenzen leistet in Ländern medizinische Nothilfe, in denen die Gesundheitsstrukturen zusammengebrochen sind oder Menschen unzureichend versorgt werden.

Die Aktivitäten sind vielfältig: Wiederaufbau und Inbetriebnahme von Krankenhäusern oder Gesundheitszentren, mobile Kliniken zur Versorgung von ländlichen Gebieten, Impfprogramme, medizinische Versorgung in Flüchtlingslagern, psychologische Betreuung, Aufbau von Ernährungszentren und Wasser- und Sanitärprojekte.

Die Organisation fühlt sich zwar der Neutralität, Unparteilichkeit und Unabhängigkeit verpflichtet, hebt aber in Ausnahmesituationen ihre neutrale Position auf und bezieht Stellung.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert