Eine Provokation, mal über das Leben nachzudenken

Von: Stephan Johnen
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Anne Swoboda (l) und Stella Jabben feierten mit ihrem neuen Stück „Der wunderbare Massenselbstmord“ in Vossenack Premiere. Foto: Johnen

Vossenack. Olli Rellonen ist wahrlich eine gescheiterte Existenz. Vier Mal ging der Geschäftsmann bereits in Konkurs. Nichts gelingt ihm. Als er beschließt, seiner Existenz ein Ende zu bereiten, scheitert selbst dieser letzte, verzweifelte Versuch, wieder Kontrolle über den Lauf seines Lebens zu erlangen.

Aufgeschreckt von Schreien aus dem Nachbarhaus setzt er den Revolver von der Schläfe ab und eilt zur Hilfe. Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen kann: Mit seinem Eingreifen rettet er einem pensionierten Oberst, der sich gerade dilettantisch erhängen wollte, das Leben. „Was machen Sie denn da?“, ruft der eine Selbstmörder entsetzt dem anderen zu.

Es ist der Beginn einer echten Männerfreundschaft, die bald nur ein Ziel kennt: Mit möglichst vielen Gleichgesinnten dem Leben ein Ende zu bereiten – generalstabsmäßig geplant, mit Erfolgsgarantie. „Organisation ist alles“, sagt der Oberst, der so manche Schlacht gewonnen hat, aber vor dem Leben kapitulierte, als seine Frau den Krieg gegen den Krebs verlor. Was Stella Jabben vom Theater „Blaues Haus“ Krefeld und Anne Swoboda vom Theater „Siebenschuh“ am Samstagabend auf die Bühne des Vossenacker Kloster-Kultur-Kellers brachten, war wahrlich ein Lehrstück über das Scheitern als positives Konzept. Eine Woche lang hatten die Puppenspielerinnen – unterstützt von Regisseurin Friederike Krahl – in Vossenack an ihrem neuen Stück gearbeitet. Die Premiere wird in Krefeld gefeiert, doch die Zuschauer in Vossenack kamen in den Genuss einer Vorpremiere. Frei nach dem Roman des Finnen Arto Paasilinna inszenierte das Duo mit „Der wunderbare Massenselbstmord“ ein Stück über die Verlierer der Gesellschaft, die am Abgrund ihres Lebens stehen. Per Zeitungsannonce wollen Olli Rellonen und der Oberst zunächst testen, wie groß das Interesse an einem „Selbstmordseminar“ ist. Die Resonanz ist überwältigend. Zum „Organisationsteam“ stoßen die alleinstehende Lehrerin Elsa, ein an Land gestrandeter Kapitän und ein Busreiseunternehmer, der „Kaffeefahrten satt hat“, hinzu. Der Plan ist so simpel wie erfolgversprechend: Mit dem voll besetzten Reisebus will die morbide Gruppe von Helsinki zum Nordkap gurken, um dort samt Bus im wahrsten Sinne des Wortes abzutauchen. Alles einsteigen, es geht los. „Der wunderbare Massenselbstmord“ ist dem Titel zum Trotz vielmehr eine Komödie, wenn auch eine beizeiten tragische. Skurrile Menschen treffen im Reisebus des Todes auf schrägen Humor. Während die illustre Reisegesellschaft sich zunächst nicht kennt und nur an das Ziel denkt, lernen sich die vermeintlichen Selbstmörder mit jedem Kilometer besser kennen – und schätzen. Ja, manche verlieben sich sogar ineinander. Mit Rückblenden und vielen visuellen Tricks inszenieren Stella Jabben und Anne Swoboda eine Reise, in deren Verlauf das eigentliche Ziel immer weiter in die Ferne rückt. So werden die Hauptdarsteller, die Kilometer für Kilometer eine Wandlung durchlaufen, mit Handpuppen in Szene gerückt, während besonders zu Beginn in Szenen wie dem „Selbstmordseminar“ Modellfiguren per Videoprojektion auf der Leinwand agieren. Klar, sämtliche Finnland-Klischees werden bedient, doch das ist das Verdienst des Autors Arto Paasilinna, der es in seinen Romanen versteht, die Gemütszustände seiner Landsleute zwischen beinahe schriller Ausgelassenheit und depressiver Weltenflucht zu skizzieren. Stella Jabben und Anne Swoboda spielen geschickt mit diesen Klischees. Sie sorgen in dem einem Augenblick für Lacher und im nächsten dafür, dass dem Publikum das Lachen im Hals steckenbleibt. Mal überhitzt wie in der Sauna, mal unterkühlt wie der finnische Winter: Im Wechselbad der Gefühle entwickelt der melancholische Grundton des Stücks seine volle Kraft. „Der wunderbare Massenselbstmord“ ist eine Provokation: Das Stück vermag es, den Zuschauer einmal über das Leben nachdenken zu lassen. Und wie es sich gehört, wird zum Schluss Tango getanzt. Finnischer Tango – in Moll. Man sollte es mit der Begeisterung ja nicht übertreiben.

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