Eine Kontaktclownin im Seniorenheim

Von: Daniela Martinak
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Annemie Missinne ist als „Kontaktclownin“ auf Kinderstationen und in Senioreneinrichtungen unterwegs. Anni Funer freut sich jedes Mal auf den Besuch von „Loretta“. Foto: Daniela Martinak
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Sobald die Clownin den Gemeinschaftsraum betritt, blickt sie in fröhliche Gesichter. Die Dürener Senioren lieben die Aachenerin mit der roten Nase. Foto: Daniela Martinak

Düren. Anni Funer rutscht ungeduldig in ihrem Rollstuhl hin und her. Die 77-Jährige trommelt mit den Fingern auf dem Tisch herum, bis sich endlich die Fahrstuhltüren öffnen. Von der Seite sieht die Bewohnerin des Hermann-Koch-Seniorenzentrums vorerst nur eine rote Nase, dann einen riesengroßen Schuh und schließlich „Loretta“ in voller Größe.

Die Clownin hockt sich neben die ältere Dame und schaut sie einfach nur an. Schon verändern sich die Gesichtszüge der 77-Jährigen. All die Anspannung löst sich in Luft auf. Ein Lächeln umspielt die Lippen der Seniorin, die kurz zuvor noch die Stirn in Falten gelegt hatte.

Seit Beginn des Jahres kommt „Loretta“ regelmäßig in die Dürener Einrichtung. Dreimal im Monat ist sie im Clownkostüm zu Gast. „Ich bin nicht nur hier, um die Leute zum Lachen zu bringen“, sagt die Spaßmacherin. „Es ist wunderbar, wenn sie lachen, aber ich bin für alle Gefühle da.“ Das Projekt „Kontaktclown Loretta“, das vom Förderverein des Seniorenzentrums und der Sparkasse gefördert wird, dient laut Pflegeleiterin Petra Strömer dazu, „Zugang zu den Patienten zu erlangen, die sich isolieren und mit niemandem mehr sprechen wollen“. Und es funktioniert.

„Loretta“ heißt mit bürgerlichem Namen Annemie Missinne. Sie selbst bezeichnet sich als „Kontaktclownin“, ein Begriff, der in den Niederlanden geläufig ist. Aufgewachsen ist die 52-Jährige in Flandern, in Belgien. 1984 zog sie dann nach Deutschland. „Nach vielen Jahren in Norddeutschland bin ich schließlich Anfang 2012 ins Aachener Umland gezogen. Die Kulturstadt passt einfach zu mir“, unterstreicht Missinne. Und weiter: „Nachdem ich eine pädagogische Ausbildung in Belgien abgeschlossen hatte, absolvierte ich 1997 eine Ausbildung zur Clownin an der Schule für Tanz, Clown und Theater in Hannover.“ Seit 1998 arbeitet sie freiberuflich als Clownin, Klinikclownin und Dozentin für Clowntheater und Bühnenpräsenz, mit dem Schwerpunkt Chöre.

Während sie auf ihren Clownsschuhen durch den Gemeinschaftsraum der Senioreneinrichtung stapft, zeigen einige Bewohner schon auf den Inhalt ihrer Tasche: Notenblätter. Zwei Tische weiter beginnt Giovanna, ein italienisches Kinderlied zu singen. Dabei ist die Bewohnerin des Awo-Seniorenzentrums in Düren ebenso wie ihre Mitbewohner an Demenz erkrankt. „Dass ihr plötzlich wieder alte Lieder einfallen, Erinnerungen aus früheren Tagen zurückkehren, ist wie ein Wunder“, sagt Pflegeleiterin Petra Strömer. Hundertprozentig wisse man es nicht, aber Strömer ist sich sicher: „Dafür sorgt Loretta.“

„Die Vorgehensweise ist immer dieselbe. Egal ob ich nun auf der Kinderstation im Uniklinikum Aachen oder im Seniorenheim in Düren bin“, beschreibt die Pädagogin ihr Vorgehen. Erst ziehe sie sich um, dann spreche sie mit dem Personal des Sozialen Dienstes, ob es etwas Neues gebe, wessen Zustand sich verschlechtert oder verbessert habe. Und dann laufe „alles ganz spontan“. Die Reaktionen abwarten, lautet ihre Devise.

Eine seelische Reaktion

Die jungen und die alten Menschen sind körperlich nicht geheilt, wenn sie eine rote Nase sehen, „aber seelisch passiert etwas“, ist Störmer überzeugt. Manchmal setzt Loretta sich zu ihnen. Ein anderes Mal bleibt sie vor ihnen stehen und schaut sie nur an. Dann geht sie mehrere Male um den Tisch herum. Hier bleibt sie zehn Minuten, dort nur zehn Sekunden. Je nachdem, wie die Menschen reagieren.

„Es gibt Kinder oder ältere Leute, die anfangen zu lachen, es gibt welche, die meine Bewegungen mit dem Kopf verfolgen und keine Miene verziehen – andere weinen“, erklärt Annemie Missinne. Ein Clown ist eben für alle Gefühle da. Diejenigen, die sich sonst nicht öffnen können, die sonst keine Gefühle zeigen, sind froh, dass die Clownin es ihnen leichter macht.

„Wann kommst du wieder?“, fragt Anni Funer „Loretta“. „Bald“, antwortet diese. Sobald sich die Fahrstuhltüren wieder schließen, die rote Nase und die großen Schuhe nicht mehr zu sehen sind, ist für kurze Zeit weder Gesang noch Lachen zu hören, nur noch das Trommeln der Finger auf der Tischplatte.

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