Eine Geschichte, die erzählt werden muss

Letzte Aktualisierung:
Eine Veranstaltung, die die Be
Eine Veranstaltung, die die Besucher sehr rührte: Zeitzeuge Michael Emge und die Autorin Angela Krumpen waren im Jugendheim in Gürzenich zu Gast.

Düren. „Spiel mir das Lied vom Leben.” Das muss ein Lied sein, das der Holocaust-Überlebende Michael Emge (Name geändert) wohl glücklicherweise öfter hören durfte, als er je zu hoffen gewagt hätte.

Die Autorin Angela Krumpen, die seine unvergleichliche Geschichte aufgeschrieben hat, weil es eine Geschichte ist, die einfach erzählt werden muss, und der Holocaust-Zeitzeuge Michael Emge selbst hielten ihre Zuhörer im Jugendheim in Gürzenich St. Johannes in Atem.

Als Emge ins Konzentrationslager Plaszow nach Polen kam, war er noch ein Kind. Ein Kind, das wahnsinnig gerne Violine spielte. Und das ist die Gemeinsamkeit, die zwischen ihm und der heute 14-jährigen Judith Stapf, der Tochter zweier Musiker, besteht. Bereits im Alter von zwei Jahren äußerte sie zum ersten Mal den Wunsch, Geige zu spielen. Mit sechs Jahren begann sie, Unterricht zu nehmen. Niemand ahnte, welche für die Entwicklung ihres eigenen Stils maßgebliche Begegnung sie schon bald machen würde.

Als Judith zehn Jahre alt war, suchte sie im Internet Videos ihres großen Vorbildes Itzhac Perlman, einem jüdischen Geige-Virtuosen. Beim Stöbern stieß sie auf einen Trailer des Films „Schindlers Liste” von Steven Spielberg. Als Titelmelodie erklang ein herzzerreißendes Werk Perlmans.

Obwohl ihre Eltern sie davor bewahren wollten, bereits im jungen Alter von zehn Jahren mit der grausamen Thematik des Holocausts konfrontiert zu werden, ließ Judith nicht locker. „Ich muss doch verstehen können, um spielen zu können”. Aus dieser Motivation heraus entstand der Wunsch, jemanden kennenzulernen, der das „Schlimme” erlebt hat. Und so hat das Schicksal die beiden zusammengeführt, Judith Stapf und Michael Emge.

Michael Emge ließ die musikbegeisterte Judith an seiner Geschichte teilhaben. Als er vor mehr als 65 Jahren ins Konzentrationslager Plaszow kam, war er sicher, nie wieder nach Hause zurückzukehren. Der einzige Halt in dieser Zeit, in der er von seiner Familie getrennt gewesen ist, war seine Geige. Doch schon bald wurde ihm verboten, auf ihr zu spielen, und der zehnjährige Michael Emge spielte auf einem Ast weiter.

Während seiner Zeit im Konzentrationslager musste er dem Tod jeden Tag ins Auge blicken. Dass er noch lebt, verdankt er einerseits dem Fabrikbesitzer Oskar Schindler, der viele Juden vor dem sicheren Tod bewahrte. Eine von den Fabrikmitarbeiterinnen war Michael Emges Mutter. Und demzufolge stand auch Michael Emge auf der weltberühmten Liste, die vielen unschuldigen Menschen das Leben rettete. Ohne einen ganz bestimmten Hund namens Rex, bei dessen Erwähnung Michael Emge Tränen in die Augen steigen, und der in seinem Leben eine sehr wichtige Rolle spielte, würde Michael Emge heute nicht mehr leben.

Doch auch nachdem Judith und Michael Emge sich getroffen hatten, und er ihr alles über seine Kindheit erzählt hatte, war ihr Wissensdurst noch immer nicht gestillt. „Ich will die Musik spielen und muss deshalb sehen, was passiert ist.” Und so trotzig dieser Wunsch Judiths auch klang, er wurde in die Tat umgesetzt. Angela Krumpen, Michael Emge, Judith und ihre Eltern reisten nach Polen, nach Plaszow. Aber die fünf reisten nicht alleine, begleitet wurden sie von einem Fernsehteam, das einen Dokumentationsfilm über die Geschichte Michael Emges drehen sollte. Vor Ort haben sie auf dem ehemaligen Gelände des KZs aber keine Gedenkstätte vorgefunden oder irgendetwas, das an die schreckliche Vergangenheit erinnert hätte. Vielmehr befindet sich dort jetzt eine Art Freizeitpark, in dem Familien picknicken, Jugendliche grillen und Hunde ausgeführt werden.

Wichtige Aufklärungsarbeit

„Umso wichtiger ist die Aufklärungsarbeit”, meint Angela Krumpen. Mit ihrem Buch trägt sie dazu bei, dass Schicksale wie die von Michael Emge nicht in Vergessenheit geraten. Michael Emge selbst besucht seit den 90er Jahren Schulen, um als Zeitzeuge die nötige Aufklärungsarbeit zu leisten. „Vieles wurde leider falsch dargestellt”, klingt sein bedauerndes Resümee. Auch der Film „Schindlers Liste” habe die Geschehnisse nicht wahrheitsgetreu wiedergegeben.

„Music is God, in difficult times you feel it, especially when you are suffering”, so wurde die Musik während der Präsentation beschrieben, als etwas, das man zu spüren beginnt, wenn man Leid ertragen muss. Michael Emge schloss die Augen, er hörte Judith zu, wie sie das Stück Itzhac Perlmans spielte. Und wenn man sich Judiths anfängliche Motivation ins Gedächtnis rief („Ich muss doch verstehen können, um spielen zu können”), wusste man: Sie hat verstanden. Aber es ist nicht nur der Soundtrack zu „Schindlers Liste” - es ist der Soundtrack zu Michael Emges Leben.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert