Heimbach - Ein Ventil schmerzlicher Kriegserlebnisse

Ein Ventil schmerzlicher Kriegserlebnisse

Von: Beate Weiler-Pranter
Letzte Aktualisierung:
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Wegen des großen Erfolgs der Dokumentation „Erinnerungen – Der Zweite Weltkrieg in Heimbach“ denken Peter Cremer (l.) und Theo Kleinschmidt bereits an eine erweiterte Neuauflage. Foto: bwp
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Als die ersten Heimbacher Ende März 1945 aus der Evakuierung zurückkehrten, fanden sie einen zu 80 Prozent zerstörten Ort vor.

Heimbach. „Fahrbefehl“ steht auf dem Dokument. Im November 1944 ausgefüllt für „Kleinschmidt, Anna“ und „3 Kinder unter 12 Jahren: Walter, Theo, Annemarie“. Wegen massiver Luftangriffe und der näher rückenden Front sollten – auf Anordnung der NSDAP – damals auch die letzten Zivilisten Heimbach verlassen.

Sechs Jahrzehnte später riefen sich die drei Geschwister – Walter, Theo und Annemie – bei einem Familientreffen die gemeinsam erlebte Kriegszeit und die Evakuierung ins Gedächtnis zurück: Der Grundstein für das Buch „Erinnerungen“ war gelegt, das der Geschichtsverein Stadt Heimbach nun veröffentlichte.

Um die persönlichen Kriegserlebnisse der Heimbacher Bevölkerung vor dem Vergessen zu bewahren, führte Theo Kleinschmidt, Mitbegründer des Geschichtsvereins, seit 2005 unzählige Gespräche mit den Zeitzeugen. Viele seiner Gesprächspartner wollten sich ihre Erinnerungen offenbar von der Seele reden. Waren froh, endlich ein Ventil gefunden zu haben: „Sie sprudelten los und ich habe einfach mitgeschrieben“, erinnert sich der 74-Jährige.

Mit den anderen Mitgliedern des Geschichtsvereins ordnete er die Erzählungen historisch ein. „An verschiedenen Stellen haben wir ein Datum ergänzt und bei manchen Berichten mussten wir etwas kürzen“, erläutert Kleinschmidt die Spurensuche. Sprachduktus und Wortwahl der Erzählungen wurden aber originalgetreu übernommen, so dass in manchen Berichten – obwohl „heute politisch unkorrekt“ – die amerikanischen Soldaten als „Amis“ und die Engländer als „Tommys“ bezeichnet werden. Diese Unkorrektheiten respektierten die Herausgeber jedoch ganz bewusst als „Merkmale authentischer Erzählern“.

Die persönlichen, oft sehr emotionalen Schilderungen der Kriegsjahre bilden das Kernstück der 225-seitigen Dokumentation. Hier kommen Ortsansässige, Kriegsteilnehmer, Zwangsarbeiter und Vertriebene, die in Heimbach ihre neue Heimat fanden, zu Wort.

In der historischen Forschung sei es ein Glücksfall, wenn am Ende einer Geschichtserzählung gesagt wird, „die Menschen, die bezeugen können, dass all das wahr ist, worüber wir berichten, leben noch unter uns“, formuliert Karl Mebold in seinem Vorwort. Aufzeichnungen aus dem Nachlass von Architekt Josef Daheim und aus der Chronik des damaligen Pfarrers Franz Naß vervollständigen das historische Geschehen von 1939 bis über das Kriegsende 1945 hinaus.

Tiefe Einblicke in den gefährlichen Alltag in Heimbach geben die 65 Briefe, die Elisabeth Bachem an ihren Sohn Georg per Feldpost schickte: Der spätere Sprach- und Heimatforscher Georg Bachem hatte seiner Mutter wenige Monate vor Kriegsende das Versprechen abgerungen, ihm „einen Tag um den anderen“ die Zustände in seiner Heimatstadt zu schildern.

Wie nah Leben und Tod beieinander liegen, erlebte Eifelfotograf Erich Justra hautnah. Für die neueste Publikation des Geschichtsvereins scannte und bearbeitete der Experte auch diesmal das historische Bildmaterial. Unter anderem die vielen Totenzettel, mit denen der Heimbacher Kriegsopfer gedacht wird. Dabei fiel ihm das Schicksal von Clemens August Büth auf: Am 21. Februar 1912 in Heimbach geboren, am 25. Januar 1944 südlich von Rom gefallen. „Er starb an der Stelle, an der ich damals ‚nur’ verletzt wurde. Das geht mir seitdem immer wieder durch den Kopf“, erzählt der 87-Jährige. Nach Heimbach kam der gebürtige Böhme erst 1947 – nach seiner Flucht aus französischer Gefangenschaft.

„Das Interesse ist so enorm, dass wir über eine erweiterte Neuauflage nachdenken“, freut sich Peter Cremer, Vorsitzender des Geschichtsvereins. Gleichzeitig ermuntert er Zeitzeugen, auch ihre Erinnerungen einzubringen: „Auf so manchen Dachböden schlummern bestimmt noch historische Fotos und Dokumente, die das Bild abrunden könnten.“

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