Wirteltor-Gymnasium: Der 17-jährige taub-blinde Tim Böttcher macht Abi

Ein taubblinder Junge macht Abitur am Wirteltor-Gymnasium

Von: Sandra Kinkel
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Tim Böttcher (rechts) macht im nächsten Jahre sein Abitur am Wirteltor-Gymnasium. Der Junge ist blind und annähernd taub. Ohne seine beiden Schriftdolmetscher Marcel Homberger (links) und Mario Kaul könnte er den Schulalltag nicht bewältigen. Foto: Sandra Kinkel
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Schulleiterin Dr. Claudia Fülling. Foto: Sandra Kinkel

Düren. Die Geschichte von Tim Böttcher ist eine Geschichte von Einsatz und Engagement. Davon, dass es manchmal wichtig ist, Dinge möglich zu machen, die eigentlich nicht gehen. Davon, dass es sich lohnt zu kämpfen.

Tim Böttcher ist 17 Jahre alt, besucht das Gymnasium am Wirteltor (GaW) in Düren und macht im Frühjahr sein Abitur. Geschichte und Englisch sind seine Leistungskurse, Informatik und Mathematik die anderen Abiturfächer. Nach dem Abschluss will der junge Mann „erst einmal ein Jahr leben“, danach an der RWTH Aachen ein duales Studium zum mathematisch-technischen Softwareentwickler machen. So weit völlig normal, die Geschichte könnte zu Ende sein.

Ist sie aber nicht. Tim Böttcher ist seit seinem zweiten Lebensjahr blind und mittlerweile auch fast taub. Er ist in ganz Nordrhein-Westfalen einer von nur fünf blinden Abiturienten und der einzige taub-blinde. Was die Ursachen für seine Behinderung sind, wissen Tim und seine Mutter Marion nicht. Tim sagt: „Es kommen verschiedene Ursachen infrage.“

Mit Tim kann man sich normal unterhalten. Er ist erst später ertaubt und hat ganz normal gelernt zu sprechen. Zwei Schriftdolmetscher, die ihn auch im Schulalltag begleiten, tippen alles, was gesprochen wird, in einen Computer, damit Tim mit der Braille-Zeile an seinem Laptop lesen kann, was seine Gesprächspartner, Lehrer und Mitschüler sagen.

Tim hat die Grundschule in Birkesdorf besucht. Er ist ein sehr intelligenter Junge, von der Grundschule hat er die Empfehlung für das Gymnasium bekommen. „Deswegen kam die Louis-Braille-Schule für mich nicht infrage, weil man dort nur den Hauptschulabschluss machen kann“, sagt er. „Und auf das Blinden-Internat in Marburg wollte ich nicht.“ Also hat die Familie vor acht Jahren ein Gymnasium in Düren für Tim gesucht, lange bevor das Thema Inklusion in aller Munde war und Kinder mit Behinderung einen Rechtsanspruch auf den Besuch einer Regelschule bekommen haben.

Hohes Maß an Organisation

Einige Gymnasien haben abgewunken, sich die Aufgabe, ein zweifach behindertes Kind zum Abitur zu führen, nicht zugetraut. Das Wirteltor-Gymnasium hat Ja gesagt – auch deshalb, weil der damalige Schulleiter Wilhelm Gödde an seiner alten Schule Erfahrungen mit einem blinden Schüler gemacht hatte.

Zunächst einmal bedeutet ein Schüler wie Tim für die Schule ein hohes Maß an Organisation. Tim hat neben den Schriftdolmetschern eine Integrationshelferin, die ihn unterstützt. Schulleiterin Dr. Claudia Fülling: „Tim braucht viele Hilfsmittel, um im Schulalltag zurechtzukommen. Deswegen haben wir versucht, dass er möglichst selten den Raum wechseln muss.

In der Oberstufe hat er kaum Freistunden, damit auch seine Schriftdolmetscher möglichst wenig Leerraum haben.“ Im Sportunterricht gibt es immer zwei Kurse, weil Tim bei Ballsportarten nicht mitmachen kann und so immer in den anderen Kurs wechselt, wenn bei dem einen Ballspiele auf dem Stundenplan stehen.

Regelmäßig finden darüber hinaus große Gesprächsrunden mit der Schulleiterin, Fachlehrern, Vertretern vom Schulministerium und vom „Fibs“, dem „Förderzentrum für die integrative Beschulung blinder und sehbehinderter Schülerinnen und Schüler“ der Bezirksregierung in Arnsberg statt. Von dort gibt es unter anderem barrierefreie Lernmaterialen für Tim, also Schulbücher in Braille-Schrift, Modelle, zum Beispiel für den Biologieunterricht, und taktile Abbildungen für Mathematik und andere naturwissenschaftliche Fächer. Fülling: „In diesen Gesprächsrunden geht es aber auch darum, wie viel zusätzliche Zeit Tim für Klausuren bekommt.“

Tim ist einer von insgesamt vier Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf am GaW. Insgesamt werden 1069 Schüler unterrichtet. Es gibt noch ein Kind mit Asperger-Syndrom und einen körperbehinderten Schüler, außerdem einen mit dem Förderschwerpunkt Sprache. „Dass Tim im nächsten Jahr an unserer Schule das Abitur macht“, sagt Claudia Fülling, „hat nur deswegen funktioniert, weil alle Beteiligten, damit meine ich meine Kollegen, Tims Mitschüler, seine Familie und ihn selbst, ein hohes Maß zusätzlichen Einsatzes gezeigt haben.

Ohne das wäre seine Beschulung an einer Regelschule nicht möglich gewesen.“ Natürlich, ergänzt die Schulleiterin, sei sie moralisch absolut für die Inklusion. „Aber dann müssen wir Schule ganz anders und völlig neu denken. Und das passiert im Augenblick noch viel zu wenig.“

Tim Böttcher sieht das ganz ähnlich. „Natürlich müssen Behinderte die Möglichkeit haben, gleichberechtigt am Leben teilzunehmen. Und Bildung ist die Basis für alles im Leben, was noch kommt. Aber man darf die Behinderten nicht einfach so in die Welt schmeißen. Darauf ist die Welt, darauf sind aber auch die Behinderten noch nicht vorbereitet.“

Internat in Marburg

In der neunten Klasse hat Tim probeweise doch einmal das Blinden-Internat in Marburg besucht. G 8 war ziemlich anstrengend, zusätzlich zum Schulstoff musste er auch noch die Blindentechniken, zum Beispiel die Braille-Schrift, erlernen. „Für Blinde ist das dort auch wirklich toll“, sagt er. „Aber nicht für Taubblinde. Da bin ich lieber bei meiner Familie geblieben.“ Tim Böttcher nennt noch einen Vorteil für das gemeinsame Lernen: „Viele Blinde gewöhnen sich Ticks an. Das passiert mir auch. Ich werde aber von meinem sehenden Umfeld auf diese Ticks hingewiesen und versuche, sie mir dann sofort wieder abzugewöhnen.“

Von seinen Mitschülern fühlt Tim sich zwar akzeptiert, wirkliche Freunde hat er in seiner Jahrgangsstufe aber nicht. „Die menschliche Inklusion ist gescheitert“, sagt er. „Aber jetzt brauche ich auch meine ganze Energie für die Schule. Vielleicht finde ich im Studium Freunde. Daran will ich dann arbeiten.“ Marion Böttcher ergänzt: „Es ist überhaupt nicht so, dass die anderen Kinder bösartig waren. Kommunikation ist für Tim sehr schwer, weil er eben kaum noch etwas hört.

Das macht es natürlich auch für die anderen Kinder nicht leicht.“ Tim spricht von einer „behindertenbegründeten Ausgrenzung“. „Ich habe Freunde beim Ju Jutsu, beim Tanzen, und auch online gibt es Bekanntschaften. Nur nicht in der Schule.“

Jetzt, wenige Monate vor dem Abitur, sind Tim und seine Familie froh, dass das GaW vor acht Jahren Ja zu einem taubblinden Jungen gesagt hat. „Ich bin sehr froh, dass wir vor der Inklusionswelle geschwommen sind“, sagt Tims Mutter. „Die Lehrer sind sehr motiviert. Das ist schon toll.“ Auch Tim sagt, dass das GaW für ihn der richtige Weg war. „Ohne den Einsatz meiner Eltern und der Lehrer hätte ich es aber nicht geschafft. Und genau deshalb halte ich die Inklusion im Augenblick auch für so problematisch: Es hängt viel zu viel von individuellem Einsatz ab. Das darf eigentlich nicht sein.“

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