Aachen - Ein Tag beim Asta der RWTH: Mehr als nur drucken, sortieren, tackern

Ein Tag beim Asta der RWTH: Mehr als nur drucken, sortieren, tackern

Von: Daniel Gerhards
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Arbeit im Asta: Die Mitglieder der Studentenvertretung beraten und setzen sich für die Belange der Studierenden ein. Dabei wollen sie Argumente abwägen. Foto: Daniel Gerhards

Aachen. Stellt man sich so den Asta vor? Das sollen also die Räume des Allgemeinen Studierendenausschusses der RWTH sein? Es gibt keine durchgesessenen Sofas, kein unübersichtliches schwarzes Brett, überhaupt keine Unordnung.

Die Regale sind aufgeräumt, der Empfangstresen leuchtet in freundlichem Grün, selbst die Plakate an der Wand wirken wie mit der Wasserwaage ausgerichtet. Vielleicht muss das so sein. Wenn die Studenten immer glatter und zielstrebiger werden, muss vielleicht auch der Eingangsraum des Asta aussehen wie die Lobby einer Versicherung. So weit der erste Eindruck. Der wird nicht ganz verfliegen, aber differenzierter werden.

Ich verbringe für unsere Serie „Wir unterwegs“ einen Tag beim Asta der RWTH. Ich diskutiere mit den Asta-Mitgliedern über das Semesterticket, verteile Flyer und Flugblätter, drucke Berichte und empfange Studenten die Rat suchen. Hört sich erstmal nicht nach einer Menge Action an. Aber ich bekomme einen Eindruck, was die Vertreter der Studierenden leisten. Denn während ich die Aufgaben erledige, die man an einem einzigen Tag in einem Büro eben übernehmen kann, machen die Asta-Mitglieder die richtige Arbeit: Sie beraten junge Studentinnen, die ein Kind erwarten, eine Wohnung oder einen Nebenjob suchen. Sie stellen Anwälte, die Studenten beraten. Zusätzlich plant der Asta Veranstaltungen und setzt sich für Belange der Studenten ein.

Jede Minute ausgenutzt

Der oberste Studentenvertreter an der RWTH ist Raphael Kiesel. Bei ihm setzt sich der Eindruck fort, den die Asta-Räume vermitteln. Raphael Kiesel trägt ein Sakko und ein ordentlich gebügeltes Hemd. Er könnte auch als Manager durchgehen. Raphael Kiesel hat wenig Zeit. Sein Computer ist eingeschaltet, sein Laptop auch. Viel Arbeit. Ein bisschen kann ich ihm abnehmen. Also gleich zu meiner ersten Aufgabe: drucken, sortieren, tackern. Super.

An diesem Dezemberabend tagt das Studierendenparlament, der Asta muss dem Gremium einen Bericht vorlegen und ich muss ihn ausdrucken. Das ist eine dieser Aufgaben, die eben gemacht werden müssen. Wichtiger ist, was in dem Papier steht. Es geht um die Arbeit des Asta. Etwa eine Stunde später bekommt Raphael Kiesel einen dicken Stapel Papier von mir. Berichte, fertig zum Verteilen.

Man merkt ihm an, dass er heute nicht viel Zeit hat. Sein Tagesablauf hört sich ziemlich stressig an. Um 5 Uhr ist er aufgestanden, dann hat er zu Hause ein paar Stunden gearbeitet. Um 8 Uhr ist er in den Asta gekommen, zum E-Mails-Lesen und Telefonieren. Am Vormittag steht eine Besprechung für die Entscheidungen im Studierendenparlament an. Um 12 Uhr trifft er sich mit der Fachschaft Maschinenbau. Dann geht der Asta um 15 Uhr geschlossen Blut spenden. Zurück aus dem Klinikum stehen weitere Gespräche an. Ab 19 Uhr tagt das Studierendenparlament.

Ich schaue Raphael Kiesel, 23 Jahre, ein paar Minuten bei der Arbeit zu und merke: Der nutzt wirklich jede Sekunde seiner Zeit. Das muss er auch. Denn er will sein Wirtschaftsingenieursstudium wegen seines zeitraubenden Amtes nicht ruhen lassen. Und zusätzlich hat er noch einen Job als studentische Hilfskraft. „Ich muss mir meine Zeit schon gut einteilen. Aber der Asta hat immer Priorität Nummer Eins“, sagt er.

Jetzt merke ich, wie viele Studenten zum Asta kommen. Ich stehe mit Jana Krüger am Empfang. Hört sich erstmal einfach an, ist es aber nicht. Alle paar Minuten kommt jemand herein: Die Studenten haben Probleme eine Wohnung zu finden, erwarten ein Kind oder brauchen Rechtsberatung von einem Anwalt. Das Reden überlasse ich Jana Krüger, sie weiß wer für welches Problem zuständig ist. An dieser Stelle wirkt die Asta-Arbeit ziemlich bürokratisch. Das schmeckt eher nach Hochschulverwaltung als nach demokratischer Studentenvertretung. Aber es ist eben nur ein Teil der Arbeit.

Ich schaue mir ein Flugblatt an, das der Asta herausgibt. Die Texte darauf sind keine politischen Kampfschriften. Das war einmal.

Manche Studenten wollten, dass „wir mehr in Richtung Protest“ gehen, sagt Raphael Kiesel: „So 68er-mäßig.“ Aber das sei nicht seine Welt, er wolle konstruktiv arbeiten.

Der Asta beziehe auch keine Position zu allgemeinen politischen Themen. „Das ist nicht unsere Aufgabe“, sagt er. Außer wenn es um Hochschulpolitik geht. Beispiel Hochschulzukunftgesetz. „Da positionieren wir uns, da benennen wir die Punkte, die unserer Meinung nach positiv beziehungsweise negativ sind“, sagt Raphael Kiesel. Auch hochschulintern gehe der Asta selten auf Konfrontationskurs zur Hochschulleitung. „Wir stehen zwar grundsätzlich auf der Seite der Studierenden. Wir wollen aber die Argumente beider Seiten abwägen und vermitteln“, sagt Kiesel.

Auch ohne groß anzuecken, könne der Asta erfolgreich arbeiten, meint Kiesel. Wie zum Beweis schlägt er ein Magazin auf. Darin werden die Budgets der Studentenvertretungen und der Anteil der Studentenbeiträge an den Asta-Budgets verglichen. An der RWTH steuert demnach jeder Student 4,60 Euro für die Arbeit seiner Vertreter bei. Das ist der niedrigste Wert in Deutschland. An der Uni Köln sind es 8,70 Euro, an der Uni Hamburg sogar 10,50 Euro. Gute Arbeit. Der RWTH-Asta wolle kein Geld zum Fenster herauswerfen, effektiv arbeiten. „Wir wollen aus geringen Mitteln möglichst viel machen“, sagt Raphael Kiesel. Hört sich ziemlich vernünftig an.

So richtig weiß Raphael Kiesel an diesem Nachmittag noch nicht, was er von dem Tag halten soll. Ob es ein guter werden wird, entscheidet sich am Abend im Studierendenparlament. Dann geht es um das Semesterticket. Wenn da was schiefgeht, hat der Asta ein Problem, denn auf das Ticket sind viele Studenten angewiesen. Deshalb legt er sich mit Philipp Schulz, im Asta für die Finanzen zuständig, eine Strategie zurecht. Die Eckpunkte: Das Ticket wird teurer.

Noch teurer würde es, wenn die Studenten wieder die Möglichkeit bekämen, eine Person kostenlos mitzunehmen. Sicher ein gute Sache. Aber wenn der Asta diesen Vorschlag einbringt und er in dritter Lesung an einer erforderlichen Zweidrittelmehrheit scheitert, stehe man ohne Beschluss da. Und dann kann der Asta keinen Vertrag mit dem Aachener Verkehrsverbund unterzeichnen. Sie grübeln, rechnen alle Varianten durch, überlegen sich, wer im Parlament wie abstimmen könnte. Mittlerweile ist der Vertrag abgeschlossen, das Parlament hat einen Vorschlag gebilligt, allerdings ohne Personenmitnahme. Mal wieder so eine Vernunftsendscheidung. Aber die sind ja meistens gut für die Studenten.

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