Ein realistischer Blick auf die Ära des Preußentums

Von: Anke Holgersson
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Alles Mythos: Astrid von Schlachta referierte über Preußen und stellte 20 popuäre Irrtümer vor. Foto: Anke Holgersson

Düren. „Preußen polarisiert“ stellte Astrid von Schlachta, Autorin des Buches „Alles Mythos! 20 populäre Irrtümer über Preußen“ und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neuere Geschichte der Universität Regensburg zu Beginn ihrer Lesung in der Stadtbücherei fest.

In Geschichte und Gegenwart freue man sich entweder, Teil der Erfolgsgeschichte Preußens gewesen zu sein, oder man entrüste sich über die Kaltschnäuzigkeit der Protagonisten.

Dieser Grundgedanke zieht sich wie ein roter Faden durch den Abend. Schlachtas Ziel ist es, den Blick zu öffnen für eine unverstelltere Sicht auf die preußische Ära. So entlarvt sie die Annahme, das Terror-Regime der Nationalsozialisten sei direkt aus dem Preußentum hervorgegangen, als Instrumentalisierung von Geschichte. Die Nationalsozialisten vereinnahmten Friedrich II., auch bekannt als „Friedrich der Große“ oder „der Alte Fritz“, für sich und nutzten dessen erfolgreiche Kriegsführung als Futter für ihre eigene Propaganda. In dem Propagandafilm „Der große König“ zeichneten sie 1942 das Bild des Helden Friedrich II., der die Preußen siegreich aus dem Krieg herausführte. Den Hinweis auf die glücklichen Wendungen seiner Kriegszüge benutzten sie als Durchhalteparole.

„Mythen sagen immer viel mehr aus über die Zeit, in der sie entstanden, als über den eigentlichen Verlauf der Geschichte“, sagte Schlachta. Denn in Wahrheit stand Friedrich II. auch für eine Kultur der Toleranz. Er nahm religiös Verfolgte oder Vertriebene in seinem Reich auf. Und erhoffte sich im Gegenzug davon wirtschaftliche Innovationen und die Wieder-Urbarmachung von durch die Periode der Pest vernachlässigten Ackerflächen durch die Geflüchteten.

„Toleranz in der frühen Neuzeit war ein sehr lukratives Geschäft“ schlussfolgerte Schlachta und zog Parallelen zur aktuellen Situation: „Man fragte sich zum Beispiel schon damals, welche Hilfen man den Geflüchteten angedeihen lassen sollte und wie man sie unterbringe könne – dorfweise oder dezentral.“ Johann Wolfgang von Goethe, der sich, wie Schlachta ausführte, als „fritzisch gesinnt“ empfand, hatte dazu einen Aphorismus parat, der unglaublich aktuell klingt. Toleranz müsse ein vorübergehender Zustand sein, der in Anerkennung münden solle. Dulden hieße beleidigen.

Zum Schluss des Abends widmete sich Schlachta dem Mythos des preußischen Piefkes, der sich vor allem in Österreich großer Beliebtheit erfreue. Dabei war Piefke vor allem einer – nämlich Johann Gottfried Piefke, preußischer Militärmusiker und Großkotz seiner Zeit. Während er in Preußen selbst positiv als Kleinbürger, der den Großen die Meinung geigt, in die Geschichte einging, hatte man in Österreich wenig gute Erinnerungen an ihn. Laut, selbstgefällig und angeberisch soll er gewesen sein, der Mann, der die preußischen Miltiärsiege (unter anderem gegen Österreich) in Märsche goß. Die Schattenseite von Preußen eben. Genauso wie es die positive gesellschaftliche Utopie gegeben hat.

Es war ein interessanter Themenabend in der Stadtbücherei Düren im Rahmen des gemeinsamen Themenprogramms der Dürener Kulturinstitute und des Stadtmuseums Düren zum Thema „200 Jahre Preußen im Rheinland und in Düren“, das noch bis Mai andauert.

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