Ein Hilferuf fällt vielen Menschen schwer

Von: Stephan Johnen
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Dagmar Runge (2.v.l.) und ihre
Dagmar Runge (2.v.l.) und ihre Mitstreiter aus Vereinen und Intitutionen wollen den Grüngürtel noch enger zusammenrücken lassen. Foto: Johnen

Düren. Im Grüngürtel ist die Welt in Ordnung. Man kennt sich, man hilft sich. In diesem Viertel wird das Miteinander noch großgeschrieben. Soweit die Folklore. Und wie sieht das Leben im Grüngürtel wirklich aus?

„In unserem Viertel wird das Miteinander noch großgeschrieben”, sagt Lieselotte von Ameln. Die 62-Jährige ist ein Urgestein des Quartiers. „Wir sind ein Dorf in der Stadt. Man kennt sich, man hilft sich”, fügt sie hinzu. Doch auch im Grüngürtel hat sich die Lebenswirklichkeit verändert. Das Quartier mag urig sein, es ist aber keine Insel.

Veränderte Strukturen

Es gibt viele neue Gesichter im Viertel - und viele ältere Bewohner sind den Großteil des Jahres auf sich allein gestellt. Blieben die Kinder früher in der Nachbarschaft, leben sie heute in der gesamten Republik verstreut. Die Familienstrukturen haben sich verändert. Und es ist längst nicht mehr selbstverständlich, dass sich alle Nachbarn untereinander kennen. Dennoch sind Menschen wie Lieselotte von Ameln davon überzeugt, dass der Grüngürtel ein besonderes Viertel ist. Mit dem Projekt „Wir im Grüngürtel - gemeinsam leben im Viertel” wollen sie und ihre Mitstreiter erreichen, dass die Menschen wieder zusammenrücken. Dass sie noch enger zusammenrücken.

„Es gibt viele Menschen, die kein Netzwerk mehr haben”, erklärt Dagmar Runge vom Dürener Bauverein, wie die Idee zur Nachbarschaftshilfe entstand. Jahrelang hat sich beispielsweise Frau Müller um Frau Schmitz gekümmert, die ihre Wohnung kaum ohne fremde Hilfe verlassen konnte. Doch plötzlich fiel Frau Müller krankheitsbedingt aus - und niemand dachte mehr an Frau Schmitz. Das Beispiel ist erfunden, aber nicht aus der Luft gegriffen. „Wir erleben es leider zu oft, dass ältere Patienten dehydriert oder in schlechtem Ernährungszustand bei uns eingeliefert werden”, sagt Christoph Lammertz vom Dürener Krankenhaus. Das lasse sich in vielen Fällen verhindern, wenn wieder mehr aufeinander geachtet würde. „Wir wollen mithelfen, Strukturen zu schaffen, die solche Fälle verhindern”, sagt Lammertz. Und das ganz bewusst im Grüngürtel, also in der direkten Nachbarschaft der Klinik. Denn: „Unter Nachbarn hilft man sich.”

So entstand bei einem Treffen von Vertretern des Krankenhauses, des Dürener Bauvereins und des Rheinischen Blindenfürsorgervereins sozusagen die Keimzelle des Projekts „Wir im Grüngürtel”. Schnell fanden sich weitere Kooperationspartner wie die in der Interessengemeinschaft Grüngürtel zusammengeschlossenen Vereine, niedergelassene Ärzte, Apotheker, das Deutsche Rote Kreuz, die Pfarrgemeinde und der „Dorv”-Laden. „Wir wussten erst selber nicht, wo die Reise hingehen soll - aber langsam entwickelt sich eine Struktur”, sagt Dagmar Runge. Die Bezeichnung Hilfsangebot hört übrigens keiner der Beteiligten besonders gerne. „Ein Hilferuf fällt den Menschen schwer. Und eigentlich möchte auch niemand einräumen, dass er auf Hilfe angewiesen ist”, fügt Lieselotte von Ameln hinzu. Es soll vielmehr Nachbarschaft gelebt werden. Unbürokratisch, unkompliziert - auf Gegenseitigkeit beruhend.

Betätigungsfelder für Nachbarn sehen die Mitglieder der Initiative genug: beispielsweise die ältere Dame aus dem Erdgeschoss, die beim Winterdienst Hilfe vom kräftigen jungen Mann aus der zweiten Etage bekommt und dafür mittags eine Stunde auf das Kind der alleinerziehenden Nachbarin aufpasst. Sicherlich gibt es auch Menschen, die Hilfe beim Einkaufen benötigen, während andere noch etwas Platz im Kofferraum für zwei Kisten Wasser haben.

Neugierig sein, Augen und Ohren offen halten und miteinander ins Gespräch kommen: Die Initiatoren sind davon überzeugt, dass „Wir im Grüngürtel” mit der Zeit und dank Mund-zu-Mund-Propaganda einen wertvollen Beitrag für das Zusammenleben leisten wird. Koordiniert werden soll die Nachbarschaftshilfe zunächst beim Dürener Bauverein. Auf eine Feststellung legt Dagmar Runge besonderen Wert: „Wir wollen keine Schwarzarbeit vermitteln!” Nicht Dienstleistungen sollen getauscht werden, sondern Freundschaftsdienste - auf rein ehrenamtlicher Basis. „Wir werden anfangs etwas Zeit benötigen, bis das Projekt bekannt ist. Aber ich bin mir sicher, dass immer mehr Menschen mitmachen”, ist Dagmar Runge überzeugt. Im Grüngürtel werde das Miteinander schließlich großgeschrieben.

Ehrenamtliche Helfer und Ideengeber gesucht

Eigentlich ist es ganz simpel: Je mehr Menschen mitmachen, desto erfolgreicher ist das Projekt „Wir im Grüngürtel”. Wer Interesse hat, sich ehrenamtlich mit seinen Fähigkeiten, Talenten und seiner Zeit einzubringen, kann sich unter 02421/390911 bei Dagmar Runge vom Dürener Bauverein melden.

Haben Sie eine Idee, wie Sie oder einer Ihrer Nachbarn unterstützt werden könnten? Jede Idee ist willkommen. Eingeladen sind auch Vereine, Einrichtungen und Institutionen.
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