Ein Führerschein fürs Medienverhalten: Chancen und Risiken einschätzen

Von: Annika Kasties
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Grenzüberschreitungen im Internet: „Facebook“ und andere soziale Netzwerke bestimmen längst die Realität von Schülern. Foto: Annika Kasties
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Echt oder gefälscht? Stefan Henke spricht mit den Schülern über Gefahren der Anonymität im Internet . Foto: Annika Kasties

Düren. Lara fühlt sich unwohl. Dabei fing das Gespräch so unverfänglich an. Doch dann rückt ihre Gesprächspartnerin mit dem Stuhl immer näher, stellt Fragen, die Lara nicht beantworten will. Man sieht der Fünftklässlerin die Verwunderung an, als das Rollenspiel beendet ist.

Die Mädchen haben ihren Auftrag erfüllt. Sie sollten sich gegenseitig zu ihrem Medienverhalten interviewen – und dabei persönliche Grenzen verletzen. Das Rollenspiel ist Teil eines Medien-Kompetenz-Trainings, das der Diplom-Pädagoge Stefan Henke vom Sozialamt Dürener Christen mit der Schulsozialarbeiterin Katrin Malig am Gymnasium am Wirteltor (GaW) veranstaltet. Auch wenn die Schüler in der virtuellen Welt nicht mit Stühlen rücken können, Grenzüberschreitungen begegnen ihnen bei „Facebook“, „WhatsApp“ und Co. immer wieder. Die Botschaft, die Henke den Schülern mitgeben will, lautet: „Achte auf dein Bauchgefühl.“ Wirkt etwas seltsam oder unangemessen – beende den Kontakt. Und ganz wichtig: Melde es einem Erwachsenen.

Auch wenn Schüler stets das Smartphone zur Hand haben und sich in sozialen Netzwerken tummeln noch bevor sie das in den Geschäftsbedingungen verankerte Mindestalter erreicht haben, bedeute dies nicht, dass sie sicher mit diesen Medien umgehen können, weiß Claudia Lamm. Die Beratungslehrerin vom GaW initiierte deshalb in Zusammenarbeit mit Katrin Malig den Workshop. In einem dreistündigen Training lernen die Schüler der Jahrgangsstufe fünf und sechs ihr eigenes Medienverhalten zu hinterfragen. Welche rechtlichen Aspekte gibt es zu bedenken? Wie kann ich mich im Internet schützen?

Für die Beratungslehrerin steht fest: So viele Vorteile das Internet auch bringe, genauso viele Nachteile habe es auch. „Es läuft viel schief“, konstatiert Lamm.

Ähnlich sieht das Stefan Henke. Der Pädagoge gibt an verschiedenen Schulen Medienkompetenz- sowie Anti-Gewalt-Trainings. Dass ein Großteil der Schüler mit den Möglichkeiten von „Facebook“, „WhatsApp“ und „Instagram“ überfordert sind, beobachtet der Pädagoge in seinem Berufsalltag regelmäßig. Er berichtet von Schülern, die durch Kettenbriefe völlig verängstigt sind. Denn die Nachrichten, in denen sie dazu aufgefordert werden, den Inhalt zu kopieren und an andere weiterzuleiten, enthalten nicht nur Versprechungen von Glück und Liebe. Teilweise werde dem Empfänger mit dramatischen Folgen gedroht, sollte er der Aufforderung nicht nachkommen. Untermalt werden diese Drohungen oft durch gewaltverherrlichende Bilder und Videos, sagt Henke.

„Kinder müssen an der Schule zwar einen Fahrradführerschein machen, aber im Umgang mit Medien werden sie oft allein gelassen“, stellt Henke fest. Dabei würden „Facebook“ und „WhatsApp“ die Realität der Schüler mehr als alles andere bestimmen. Für den Pädagogen sollte der Umgang mit sozialen Medien fester Bestandteil des Unterrichts und eine Art „Medien-Führerschein“ verpflichtend sein.

Zwar steht im Schulgesetz Nordrhein-Westfalens, dass es zum Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule gehört, dass Schüler lernen, „mit Medien verantwortungsbewusst und sicher“ umzugehen. Von einer Unterrichtseinheit im Sinne von „Facebook und seine Gefahren“ ist diese Richtlinie aber noch weit entfernt. Dass das Stichwort Medienkompetenz nicht fest im Curriculum verankert ist, räumt auch Heinz Eschen, Leiter der Dürener Realschule Wernersstraße a.D., ein. Soziale Netzwerke würden zwar immer mal wieder im Unterricht thematisiert, meist geschehe dies jedoch eher beiläufig.

Gezielt angegangen werde das Thema punktuell durch sogenannte Medienscouts. Sechs Schüler der achten Klasse sind Ansprechpartner für ihre Mitschüler für alles, was mit Medien zu tun hat. Sie sollen als Multiplikatoren dienen. Medienscouts sind mittlerweile an immer mehr Dürener Schulen unterwegs. Bedarf besteht dafür genug.

Das Feld beschränkt sich nicht nur auf Kettenbriefe und Cybermobbing. In den Fängen des virtuellen Netzes verbergen sich viele Falschbehauptungen, denen auch ältere Mediennutzer auf den Leim gehen.

Beratungslehrerin Claudia Lamm berichtet von Gerüchten über Einbruchsserien, die Schüler über Gruppenchats wie ein Lauffeuer verbreiteten, und damit für große Beunruhigung sorgten. Erst kürzlich musste die Polizei Düren ein Gerücht dementieren, demzufolge 15 Personen mit Migrationshintergrund angeblich eine Gürzenicher Tankstelle überfallen haben.

Auch die zunehmende Hetze über Flüchtlinge im Internet nach den Übergriffen in Köln an Silvester werden von den Schülern registriert. Teilweise seien einige Mädchen dadurch durchaus ängstlicher geworden, beobachtet Katrin Malig. Dies ließe sich jedoch im Gespräch meist schnell aufklären. „Wenn die Schüler darüber nachdenken, wer bestimmte Dinge im Internet verbreitet und warum, wird ihnen oft vieles klarer“, sagt die Schulsozialarbeiterin und betont: „Die Aufklärung ist da.“

Dass von dieser am GaW nicht nur die unteren Jahrgänge profitieren sollen, betont Lamm. Basierend auf den Erfahrungen mit den jüngsten Workshops, will das Gymnasium ein Präventivkonzept für alle Jahrgangsstufen entwickeln. Damit möglichst viele Schüler bei Grenzüberschreitungen im Internet mit ihrem virtuellen Stuhl wegrücken können.

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