Ein fast 100-jähriger Flügel löst Gänsehaut aus

Von: Carsten Rose
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Ein Flügel, für den es sich zu klatschen lohnt: Der Chor „More than Gospel“ um Kantor Frank Grobusch und die Sängerinnen Birgit Klitsche, Heike Walraven, Anja Lettmayer-Lotz, Helene Henseler und Sabeth Schleker-Hensch (r.) probt mit einem Bechstein aus dem Jahr 1917. Foto: Carsten Rose
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Gabriele Diel ist Klavierbaumeisterin aus Aachen. Sie hat den Bechstein vermittelt.

Mariaweiler. Als Klavierbaumeisterin pickt sich die Aachenerin Gabriele Diel nur die Rosinen heraus. Für sie macht es keinen Sinn, jedes alte Klavier zu retten. Eine dieser Rosinen steht nun im Mariaweiler Jugendheim: ein Bechstein-Flügel Baujahr 1917. Ein Flügel, der Gänsehaut auslöst und nicht so brachial wie die Neuzeit-Klaviere daherkommt.

Das sagen Sängerinnen des Chores „More than Gospel“ der GdG Düren-Nord – und sie hätten gerne einen Tourbus.

Gut 15 Jahre wurde der Bechstein-Flügel nicht bespielt und war lange in einem Aachener Familienbesitz. Nach der Haushaltsauflösung hat Gabriele Diel diesen nach Mariaweiler vermittelt und ihn neu gestimmt. Das habe einen halben Tag gedauert. „Während ich vier-, fünfmal neu gestimmt habe, hat er poliert“, sagt Gabriele Diel und meint damit Kantor Frank Grobusch. Privat war solch ein Bechstein immer sein Traum – „und plötzlich kriegt man den quasi geschenkt“, sagt Grobusch. Gut 2500 Euro haben Kauf und Instandsetzung den Chor gekostet, beim Neukauf wären es an die 70.000 Euro.

Holz arbeitet

Sechs bis acht Wochen, so sagt man, muss sich ein Flügel in einem beheizten Raum akklimatisieren, wenn er lange nicht genutzt wurde und nur in temperierter Umgebung stand. „Weil Holz arbeitet“, sagt die Expertin. Als Grobusch die ersten Male kurz nach dem Kauf über die Tasten fuhr, war die Mechanik „klamm und zäh“. Es sei wie mit einer Schublade, die man lange nicht geöffnet hat.

Jetzt läuft‘s rund und der Chor singt Loblieder auf das fast 100-jährige Instrument. „Man bekommt den Klang nicht mehr um die Ohren geknallt“, sagt Grobusch. Der Grund: Der Bechstein stammt aus den romantischen Jahren mit warmem Klang und „Charakter“, wie Gabriele Diel erklärt. Heute seien Klaviere „brachial laut“ und spielten sich in den Vordergrund.

„So ein Instrument hat noch echte Schwingungen, die Resonanz kommt bei uns und im Publikum an“, beschreibt Sängerin Helene Henseler die Akustik. „Die elektronischen Klaviere haben das nicht. Digital ist eben nicht echt.“

Die modernen Lautsprecher, ergänzt Gabriele Diel, könnten nicht alle Frequenzen wiedergeben. „Die dritte Dimension, die Klangtiefe, geht förmlich flöten. Das hat auch nichts mit der Lautstärke zu tun.“ Sabeth Schleker-Hensch, ebenfalls Sängerin, sagt es so: „Der Bechstein-Flügel hat Seele – und Seele kann man nicht messen.“ Gänsehaut würde der Klang bei Heike Walraven auslösen, das hätte sie vorher bei keinem anderen Instrument gehabt.

Selten sei nicht nur der natürliche, charaktervolle Klang des Flügels. Sechs Beine hat der Bechstein, in der Regel sind es nur drei. Apropos Bein: Wenn Frank Grobusch über die Tasten fährt, spürt der Chorleiter echtes Elfenbein. Bei den modernen Klavieren sind die Tasten aus Kunststoff, seit mehr als 20 Jahren darf kein Elfenbein mehr verbaut werden.

Sein neues „Schätzchen“ würde der Chor gerne auch auswärts auf Konzerten präsentieren, doch jeder Transport wäre eine Herkulesaufgabe – das ist der Unterschied zu einer Geige. „Wir sparen schon auf einen Tourbus“, sagt Heike Walraven scherzhaft. So wird der Bechstein Baujahr 1917 erst einmal im Proberaum in Mariaweiler stehen.

Und wie lange noch? „Der Flügel wird uns alle locker überleben. Die nächsten 100 Jahre schafft er noch. Technik kann ja nicht kaputtgehen, gibt ja keine“, sagt Gabriele Diel. Gerade wegen des Alters wird der Flügel auf Lebzeiten eine Rosine bleiben, denn die sprichwörtliche Pflaume sei er auf keinen Fall.

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