Düren - Ein Dürener erinnert sich: „Bis heute hat sich dieses Erlebnis eingeprägt“

Ein Dürener erinnert sich: „Bis heute hat sich dieses Erlebnis eingeprägt“

Von: Günter Granrath
Letzte Aktualisierung:
10007604.jpg
Günter Granrath erinnert sich noch genau: „Bis heute hat sich mir dieses Erlebnis von Unsinn und Grausamkeit des Krieges fest eingeprägt.“

Düren. Wie viele Menschen aus dem Aachener/Dürener Raum wurden 1944 auch wir nach Thüringen, in die „Mitte Deutschlands“, evakuiert. Im November 1944 gelangten wir von meiner Heimatstadt Eschweiler aus nach Ossmannstedt, einem Dorf etwa zehn Kilometer östlich von Weimar.

Wir, meine Mutter, meine dreijährige Schwester und ich, wurden auf einem Bauernhof einquartiert. Ich besuchte zunächst noch, bevor der Schulweg zu gefährlich wurde, die Volksschule. Das 5. bis 8. Schuljahr war in unserem Ort, das 1. bis 4. Schuljahr im Nachbarort Ulrichshalben untergebracht. Dahin führte mich jeden Morgen mein Schulweg, hinweg über die Ilm, ein Nebenflüsschen der Saale, das auch die Stadt Weimar durchfließt.

Ende April, das genaue Datum weiß ich nicht mehr, rückten die Amerikaner von Weimar kommend und nachdem sie das Konzentrationslager Buchenwald befreit hatten, weiter nach Osten in Richtung Elbe vor. In der Nacht, die wir im Kartoffelkellergewölbe zubrachten, hörten wir die Geräusche der Panzer, die auf dem anderen Ufer der Ilm vorbeifuhren und unser Dorf unbeschädigt links liegen ließen.

Am nächsten Morgen ging ich mit meiner Mutter bis zur Ilmbrücke. Unmittelbar dahinter stand ein ausgebrannter amerikanischer Panzer. Was war passiert? Die Amerikaner hatten versucht, die Ilm zu überqueren, aber die Brücke konnte das Gewicht eines Panzers nicht tragen. Also fuhren die Amerikaner am anderen Ufer weiter. Vorher aber wurde an der Brücke ein Panzer von einer Panzerfaust getroffen und in Brand gesetzt. Ein Lehrer aus Ulrichshalben hatte sich in einen Hinterhalt gelegt und das Geschoss abgefeuert. Die Amerikaner schossen einige Salven auf das Dorf ab; der zerstörte Panzer blieb an der Brücke stehen.

Meine Mutter und ich fanden neben dem Panzer eine Brieftasche, darin Fotos eines amerikanischen Soldaten, seiner Frau und seiner beiden Kinder. Der Soldat war bei dem Treffer ums Leben gekommen. Auch mich als zehnjährigen Jungen befiel tiefe Trauer und Erschütterung über diesen unsinnigen Tod eines Menschen. Warum waren Menschen, obschon der Krieg längst entschieden war, so fanatisch, noch einen „Feind“ zu töten, der mit Sicherheit bereits den bevorstehenden Frieden und die Heimkehr nach Amerika herbeigesehnt hatte? Bis heute hat sich mir dieses Erlebnis von Unsinn und Grausamkeit des Krieges fest eingeprägt.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert