Ein Chor singt zum Abschied leise Servus

Von: Stephan Johnen
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Langerwehe. Dem Sänger bricht die Stimme. Ganz plötzlich, mitten im Satz. Dabei gehören Sätze wie „Im Namen des Männergesangvereins Liederkranz Langerwehe darf ich Sie zu diesem Konzert begrüßen” eigentlich zur Routine.

Doch nun werden seine Augen feucht, Albert Wirth verstummt. Die Stimme hat einen gestandenen Mann verlassen, der gewohnt ist, sie vor Publikum einzusetzen. Mitten in dem Satz, in dem Albert Wirth nach 107 Jahren Chorgeschichte das Ende des MGV Liederkranz ankündigt.

Noch ist es eine Probe, im Wohnzimmer, nicht auf der Bühne. Auf dem Tisch stehen frisch geschnittene Blumen, um den Tisch herum sitzen vier Sänger, ein Drittel des MGV Liederkranz, der Vorstand. Die Stimmung ist: beschwingt-bedrückt. Je nachdem, ob in Erinnerungen geschwelgt oder an den nahen Abschied gedacht wird.

Zur Hochzeit des Chores waren es einmal 60 Männer, die kaum Platz in dem Zimmer gefunden hätten. Der Gesangverein ist überschaubar geworden, das Ende in Sichtweite: Am Samstagabend bittet der MGV ab 19.30 Uhr zu seinem Abschiedskonzert in die Kulturhalle Langerwehe. Dann wird es ernst. Für alle Sänger, besonders aber für Albert Wirth. Er hat die zweifelhafte Ehre, die Auflösung zu verkünden. „Dass ich als Vorsitzender diese Aufgabe übernehmen muss, tut nur weh”, sagt er.

Da hilft es ihm nicht, noch in diesem Jahr geehrt zu werden: für 60 Jahre Mitgliedschaft. Albert Wirth ist 75 Jahre alt. Es ist keine Übertreibung zu sagen: Der Chor war sein Leben. Zumindest ein großer Teil davon. Und der Liederkranz hatte mit ungezählten Auftritten Anteil an allen Entwicklungen des Ortes.

Weder für den Chor, noch für dessen Zuhörer. Der Junior unter den Mitgliedern ist 65, der Senior 85 Jahre alt. Im Publikum biete sich nach Aussagen der Sänger ein ähnliches Bild. „Für die Jugend sind wir nicht mehr ausschlaggebend”, ist Klaus Stüttgen (75) überzeugt. Volkslieder? Die würden Jugendliche, wenn überhaupt, nur aus der Schule kennen. Sicher, es werde nach wie vor viel gesungen.

Auch in Chören. Nur nicht im klassischen Männergesangverein mit seinem klassischen Repertoire. „Schauen Sie sich doch einmal an, was in 107 Jahren alles in der Welt passiert ist!”, sagt Sänger Josef Lehnen (72). Der Liederkranz wurde zu Kaisers Zeiten gemeinsam mit dem Automobil groß. Und er wurde überholt, abgehängt. „Die moderne Zeit brachte andere Musik”, bilanziert Josef Otten (68). Traurig? Sicher. Aber irgendwie sei dies auch eine natürliche Entwicklung. „Wir wollten ja auch nicht in Englisch singen, um modern zu sein.”

Ja, das Ende war absehbar, wiederholt Albert Wirth. Vor langer Zeit, erinnert er sich, hörte er mit seinem Sohn Radio. Der Kleine war sechs Jahre alt. Im Programm wurde der Tenor Rudolf Schock angekündigt. „Das ist einer der besten Sänger der Welt!”, versprach der Vater. Der Sohn hörte zu, stoisch, ohne Gefühlsregung. Um anschließend nur eine Frage zu stellen: „Der soll singen können? Udo Jürgens, der kann singen!” Heute, mutmaßt Wirth, dürfte für Jugendliche auch Udo Jürgens als Urzeitwesen durchgehen.

Seit dem 100. Geburtstag quäle sich der Chor mit der Entscheidung aufzuhören, sagen die Sänger. Zunächst wurde mit anderen Chören kooperiert, die Kräfte gebündelt. Nun sei die Zeit endgültig gekommen. „Seitdem ich Mitglied bin, habe ich 20 Mal auf dem Friedhof gesungen”, sagt Klaus Stüttgen. Die Entscheidung sei auch gefallen, weil man als Chor mit Haltung zum Abschied leise Servus sagen möchte. Singen möchte. Mit voller Stimme. Mit aller Freude, die jedem Einzelnen das Singen bereitet.

Am Ende des Jahres sind 107 Jahre bewegte Vereinsgeschichte vor allem eines: Geschichte. Juristisch ist die Auflösung bereits abgeschlossen. Die emotionale Auseinandersetzung damit hat gerade erst begonnen.
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