„Ehrenamt ist kein Ersatz für Fachkräfte"

Von: Stephan Johnen
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„Ehrenamt sollte zusätzliche Angebote schaffen“, findet Jutta Deller, Vorstandsvorsitzende des „Paritätischen“. Foto: Stephan Johnen

Düren. Ohne Ehrenamt wäre jede Gesellschaft ärmer. Doch wie wird Ehrenamt definiert? Wo verläuft die Grenze zu Aufgaben, die von hauptamtlichen Mitarbeitern übernommen werden müssten? „Das Ehrenamt darf kein Ersatz für Fachkräfte sein“, wirft Jutta Deller, Vorstandsvorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Düren, im DZ-Interview einen kritischen Blick auf manche Entwicklung.

„„Sie fordert unter anderem den Staat auf, Verantwortung nicht zu delegieren und die Ehrenamtler in den Vereinen angesichts der zum Teil komplexen gesetzlichen Vorgaben mit Schulungen zu unterstützen.

Frau Deller, wie erklären Sie den Begriff Ehrenamt?

Deller: Der unentgeltliche Einsatz für andere Menschen ist für mich eine Selbstverständlichkeit. Der Mensch ist ein soziales Wesen, das nur in einer Gesellschaft überleben kann. Ehrenamt bedeutet, dass Bürger zunächst selbst überlegen, welche Aufgaben Sie übernehmen können, bevor Sie nach dem Staat rufen. Sobald der Staat alles regelt, besteht immer die Gefahr eines autoritären Systems.

Wie ist es ums Ehrenamt bestellt?

Deller: Jedes Ehrenamt ist eine bereichernde Tätigkeit. Damit meine ich natürlich nicht die finanzielle Seite. Ehrenamt bereitet manchmal Mühen, aber die Freude überwiegt immer. Ich sehe aber die Gefahr, dass Ehrenamt zu einer Form der Ausbeutung werden kann.

Nennen Sie bitte ein Beispiel.

Deller: Bei den Offenen Ganztagsschulen und in der Altenpflege übernehmen Ehrenamtler Aufgaben, die aus meiner Sicht von Fachkräften übernommen werden müssten. Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander.

Wie meinen Sie das?

Deller: Blicken wir in die Altenpflege: Bei angesichts der verantwortungsvollen Arbeit unterdurchschnittlicher Entlohnung gibt es immer mehr zu tun. Die Pflegenden sind in ihrer Taktung gefangen, haben betriebswirtschaftlich kalkulierte Zeitvorgaben. Für Gespräche, für soziale Pflege gibt es kaum Zeit. Wenn sich Mitarbeiter die Zeit dennoch nehmen, sind wir wieder beim Ehrenamt. Alles, was über die reine körperliche Pflege hinausgeht, wird faktisch kaum in den Zeittabellen erfasst und damit bezahlt. Obwohl es zum Erhalt der Lebensqualität hinzugehört. Diese Aufgabe wird explizit dem Ehrenamt zugewiesen. Sie müsste aber zum Standard gehören.

Ist es nicht gut, dass es viele ehrenamtlich Angebote wie Vorlesegruppen in Altenheimen gibt?

Deller: Das ist sogar sehr gut. Ich finde aber, dass es Zeit wird, darüber zu reden, wie wir zunächst mit hauptamtlichen Personal Standards erfüllen können, ohne dass Ehrenamtler zu Lückenbüßern werden. Ehrenamt ist nicht dazu da, um Pflichtaufgaben zu erfüllen. Ehrenamt sollte zusätzliche Angebote schaffen. Gerade im sozialen Bereich sehe ich Tendenzen, dies anders zu werten. Die Politik preist das Ehrenamt mittlerweile bei vielen (Plicht-)Aufgaben im Vorfeld ein. Und auch die Kirchen ziehen sich ein Stück weit aus der Verantwortung, beispielsweise bei der Jugendarbeit.

Wo werden Ehrenamtler bei der Offenen Ganztagsschule zum Lückenbüßer?

Deller: Das Idealbild sieht eine sozialpädagogische und pädagogische Arbeit von etwa 8 bis 17 Uhr vor. Die Kinder sollen umfassend gebildet werden, es soll Nachhilfe und zugleich eine Begabtenförderung geben. Doch seien wir ehrlich: Manchmal werden die Kinder am Nachmittag nur verwahrt. Um das Ideal zu erreichen, müsste das Land viel mehr Fachkräfte einstellen, also investieren. Viele Mitarbeiter der OGS sind Honorarkräfte. Und auch Ehrenamtler übernehmen Aufgaben. Die Arbeit und der Einsatz der Menschen verdienen Hochachtung. Aber die öffentliche Hand delegiert an dieser Stelle Aufgaben. An manchen Schulen springen daher Fördervereine – und damit Ehrenamtler – in die Bresche, um beispielsweise Musikangebote zu finanzieren. In anderen Ländern, die wir gerne als Vorbilder zitieren, sind dies Kernaufgaben des Staates.

Doch wie soll das bezahlt werden?

Deller: Die Finanzierung ist immer ein Totschlagargument. Es wird Zeit, sich entweder über die Finanzierung oder über die Standards Gedanken zu machen. Ohne Ehrenamtler würde es heute viele wichtige niederschwellige Angebote nicht mehr geben. Wir reden da beispielsweise über Hausaufgabenhilfe. Die Hospizarbeit beruht weitgehend auf dem Ehrenamt. Und auch bei Tagesmüttern können wir uns angesichts der Betreuungssätze die Frage aufwerfen, ob es sich dabei nicht um Ehrenamt handelt. Zum Auskommen reicht dieses Einkommen nicht.

Sorgen Sie sich angesichts dieser Entwicklungen um Nachwuchs im Ehrenamt?

Deller: Lange Zeit hatte in unserer Gesellschaft der Egoismus Vorrang. Wir erkennen aber, dass dies nicht der richtige Weg sein kann. Fakt ist aber auch, dass es weiterhin schwierig ist, Menschen zu finden, die bereit sind, langfristig – über einzelne Projekte hinaus – ihre Zeit zur Verfügung zu stellen.

Vielleicht, weil sich auch die Arbeitsbedingungen geändert haben und Zeit immer kostbarer wird?

Deller: Ehrenamt ist in der Tat ein Verzicht auf Freizeit. Und viele junge Berufstätige haben immer weniger Freizeit, der Beruf verlangt ihnen immer mehr ab. Gleichzeitig gibt es mehr Doppelverdiener-Haushalte, um über die Runden zu kommen. Eltern sind oft aktiv, solange ihre Kinder betroffen sind. In der Familien- und Berufsaufbauphase sind die Möglichkeiten oft begrenzt. Diese Lebenswirklichkeit müssen wir akzeptieren.

Auf der anderen Seite wird unsere Gesellschaft immer älter. Welches Potenzial schlummert bei den Ruheständlern?

Deller: Bereits heute sind es überwiegend ältere Menschen, die ein Ehrenamt übernehmen. Es wäre schade, wenn die Erfahrung und das Fachwissen nicht genutzt werden. Es gibt aber eine weitere Entwicklung: Oft sind es die gleichen Menschen, die sich in verschiedenen Vereinen parallel engagieren. Wer sich einbringt, wird auch schnell vereinnahmt. Das kann beizeiten zu einer Überlastung im Ehrenamt führen.

Was also tun?

Deller: Wir müssen womöglich etwas an den Rahmenbedingungen ändern, um Nachwuchs zu finden. Gerade auf Vorstandsebene wird die Luft bei Vereinen dünner.

Woran hapert es?

Deller: Mancher Vorstand fühlt sich auf verlorenem Posten. Potenzielle Nachfolger trauen sich die Arbeit nicht zu. Die Arbeit sind ja zum Teil auch nicht einfach. Je nach Größe und Aufgaben des Vereins müssen Vorsitzende und Vorstandsmitglieder fundierte Kenntnisse von Buchhaltung, Personalwesen und Steuerrecht haben.

Wie könnte die Hemmschwelle abgebaut werden?

Deller: Einige Dachverbände organisieren bereits Schulungen. Es muss auch im Interesse der öffentlichen Hand sein, solche Angebote zu organisieren oder zu fördern. Wir brauchen flächendeckend mehr Begleitung. Wenn der Staat in vielen Bereichen von vornherein auf das Ehrenamt zurückgreift, muss dieses über alle Schulungs- und Beratungsangebote der hauptamtlichen Akteure verfügen. Vom Karneval über den Sport bis zur Hospizarbeit werden viele auch für die Gesellschaft wichtigen Aufgaben von Vereinen übernommen. Sie bilden das Rückgrat der Gesellschaft. Sollten die Vereine verschwinden, werden wir viel verlieren. Aber das merken wir erst, wenn es zu spät ist. Ich hoffe, dass es nicht soweit kommt.

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